Die Vögel

Während die Grossräte im Rathaus debattieren, geht auch auf dem Nachrichtendienst Twitter die Post ab. Dieses Jahr waren Salz und Trillerpfeifen hoch im Kurs. Aber auch Jesus und das fliegende Spaghettimonster.

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Es beginnt mit einer Krähe. Sie flattert auf den Spielplatz und setzt sich auf die Turnstange. Harmlos, ein Vogel bloss. Doch als sich die Haupt­darstellerin eine Zigarettenlänge später umdreht, ist der ganze Platz voller Krähen. Panisch rennt sie ins Haus.

Diese berühmte Szene aus Alfred Hitchcocks «Die Vögel» aus dem Jahr 1963 hätte dieses Jahr auch beim Berner Rathaus spielen können. Denn während der Sessionen des Grossen Rates zwitscherten dort allerhand Vögel umher.

Unsichtbare allerdings: Tweets auf dem Nachrichtendienst Twitter, mit denen die Parlamentarier parallel zur analogen Debatte im Ratssaal auch virtuell die Schnäbel wetzten. Und wie Hitchcock gelang es auch den Grossräten, auf Twitter über das Jahr hinweg die Spannung zu steigern – vom einsamen Vogel bis zum flatternden Inferno.

Der erste Vogel kam wohl vom Meer her geflogen: Es war das Salzmonopol, das im Januar eine Twitterdebatte auslöste. «Heute/morgen entscheidet der Grosse Rat, ob das Salz links weiter bei Strafe verboten bleibt (obwohl halb so teuer wie das Salz rechts)», schrieb GLP-Grossrat @Michael_Koepfli (Bern). Dazu stellte er ein Bild von Schweizer Jura Sel und von Jodsalz einer deutschen Ladenkette.

Einen Tag später zeigte sich @Bushranger70 (im analogen Leben SVP-Grossrat Mathias Müller aus Orvin) enttäuscht:

Für @Michael_Koepfli war klar, wer daran Schuld trägt: «Die konservativen Protektio­nisten von links bis rechts», darunter @ThomasFuchsSVP (Bern). Der liess sich allerdings auf kein Zwitscher-Hickhack ein.

Das Element der Vögel ist die Luft, oder anders gesagt: der Himmel. Als im März im Rathaus der neue Wi-Fi-Hotspot mit dem Namen «Jesus Christ is the Answer» auftauchte, machten sich deshalb einige Grossräte wohl zu Recht Sorgen: «Lieber @samuelkullmann, ist das Dein Hotspot? Wurde schon von 3 Grossrats­kolleg/-innen augenzwinkernd gefragt ob ich einen neuen habe. ;-)», schrieb @Michael_Koepfli an seinen neuen EDU-Grossratskollegen aus Hilterfingen.

«Die Signalstärke könnte zu den ca. 20 m Distanz zwischen uns ­passen. ;-)», fand dieser. Das konnte Köpfli, dessen Partei der Kirche weniger Staatsgelder geben will, nicht unerwidert lassen.

Flugs tauchte im Rathaus der Hotspot «Flying Spaghetti Monster» auf. «So, @samuelkullmann. Das weltanschauliche Gleichgewicht im Rathaus ist wieder hergestellt ;-).»

So einfach geht das. Bei einigen Konflikten hingegen wissen wohl nur die Götter, wie sie zu lösen wären: Während Kullmann den Rat mit neuen Sphären aufmischte, erlebte SP-Parteisekretär @David_Stampfli (Bern) als Neo-Grossrat ein Déjà-vu:

Eine Krähe hackt der anderen normalerweise kein Auge aus. Doch das galt im Juni nicht innerhalb der SP, als die Jung­sozialisten auf der Zuschauer­tribüne mit Trillerpfeifen gegen das Sparpaket protestierten. ­

SP-Grossrätin @sarah_gabi_ (Schwarzenburg) twitterte ein Video der Aktion mit dem Kommentar:

Den Vergleich mit dem Attentat in Zug goutierten einige grossratsfremde Vögel nicht: Während @mcw_bern (GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer) von «Panikmache» schrieb und mit @sarah_gabi_ um die Wette zeterte, bestellte der ehemalige Jungfreisinn-Präsident @TomCBerger amüsiert Popcorn.

Juso-Präsidentin @Tamara­funiciell wiederum ging zum Gegenangriff auf ihre Parteikollegin über:

Ihre Vorstösse würden oft mehr bewirken als Trillerpfeifen, konterte @sarah_gabi_. Bis @Tamarafuniciell ungewohnt versöhnliche Töne anschlug:

Fast schien es, als wären die Vögel im September schon südwärts gezogen, so ruhig war es auf Twitter. Wahrscheinlich atmeten die Grossräte aber nur etwas durch, weil sie wussten, welches Finale ihnen im November bevorstand.

Das liess zumindest der Tweet von @natalieimboden (Grüne, Bern) während der Demonstration auf dem Münsterplatz zum Sparpaket am 11. September erahnen:

Tatsächlich: Im November waren die Vögel im Rathaus so zahlreich wie auf dem Spielplatz in Hitchcocks Horrorfilm. Während der Spar- und Sozialhilfedebatten zeigten vor allem die Linken und die EVP auf Twitter ihren Protest, der im Rathaus meist vergebens war.

«Zynisch, zynischer, SVP», fand @natalieimboden, und @melaniebeutler (EVP, Gwatt) präsentierte das «Sparmonster»: eine Zeichnung ihres siebenjährigen Sohnes, die ihr als Deckblatt für ihre Unterlagen diente.

Nicht nur Entscheide, sondern auch diverse Zwischentöne lösten Gezwitscher aus:

Als ihr jemand widersprach, dass Thomas Fuchs ja am Aktenstudium sei, erwiderte @sarah_gabi_.:

Später jedoch war die SVP voll dabei – wiederum zum Ärger der Linken:

Je länger sich die Debatte hinzog, umso kreativer wurden die Parlamentarier. So auch @ruediloeffel (EVP, Münchenbuchsee):

Ihm selber zumindest schien es so zu gehen: «Zeichen setzen, Zeichen, Zeichen, Zeichen – ich kanns nicht mehr hören.»

Doch wie es so ist in einem guten Horrorfilm: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Das galt auch für den Grossen Rat im November: «Jesus Loves You», hiess mittlerweile der Hotspot, der wohl wiederum aus den ­EDU-Reihen stammte.

Wie schön, und ausserdem war das fliegende Spaghettimonster verschwunden. Doch stattdessen tauchte der Hotspot «Highway to Hell» auf. Mutmasslich hatte ihn jemand aus dem frustrierten linken Parteienspektrum kreiert.

«Ob die zwei Grossräte mal einen Kaffee miteinander trinken sollten, oder besser einen Schnaps?», fragte sich @sarah_gabi_. Vielleicht würde auch ein Meisenknödel helfen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.12.2017, 09:56 Uhr

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