«Die Veranstalter haben Angst vor der Verantwortung»

Bern

Die Berner Stadtregierung lässt am 25. Mai die Strassenparty «Tanz dich frei» laufen. Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) begründet den Entscheid. Doch er warnt vor Risiken und appelliert an die Bevölkerung, sie solle den Anlass meiden.

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Tobias Habegger@TobiasHabegger

Reto Nause, der Gemeinderat hat entschieden, die Strassenparty «Tanz dich frei» am 25. Mai zu tolerieren. Ist das eine Quasibewilligung für die anonymen Veranstalter?Reto Nause: Nein. Doch in unseren Augen wäre es unverhältnismässig, dem Umzug die geballte Staatsmacht in den Weg zu stellen. Zumal man mit so einem Vorgehen auch unbeteiligte Dritte gefährden und das Risiko einer Eskalation oder einer Massenpanik erhöhen würde.

Aus der Lokalpolitik kam der Ruf, die Tanzdemo zu verbieten. Wie stellen die sich das faktisch vor? Bei schönem Wetter kommen 10'000, vielleicht auch 20'000 junge Menschen in die Innenstadt. Wir gehen davon aus, dass die meisten Teilnehmer friedlich gesinnte, meist junge Menschen sind, die tanzen und Party machen wollen. Und jetzt? Soll die Polizei mit Wasserwerfern, Reizgas und Gummigeschossen einfahren? Der Gemeinderat sagt Nein. Wir haben die Polizei angewiesen, die Strategie der Deeskalation zu fahren. Wir geben aber klar zum Ausdruck, dass wir den Leuten von einer Teilnahme an «Tanz dich frei» abraten.

Weshalb raten Sie von einer Teilnahme ab? Aus Sicherheitsgründen. Niemand weiss genau, wie viele Leute am 25. Mai nach Bern kommen. Die Situation in der Innenstadt ist wegen der Baustelle in der Spital- und Marktgasse enorm heikel. Die Kantonspolizei hat eingehend die Szenarien der Love-Parade-Katastrophe von Duisburg analysiert. Dort starben vor knapp drei Jahren 21 Menschen im Gedränge. Es braucht nicht sehr viel, damit sich eine Menschenmenge unkontrolliert in Bewegung setzt, sich verkeilt und es zu schwerwiegenden Zwischenfällen kommt. Wir wissen nicht, ob die Organisatoren von «Tanz dich frei» im Falle einer Massenpanik ein Kommunikationssystem haben, das der Belastung standhält. Denn das Handy- oder Funknetz könnte an diesem Tag schnell zusammenbrechen.

Um die Gefahr einzudämmen, schüttet man die Baustellen in der Innenstadt temporär zu. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen? Wir haben eine Lagebeurteilung gemacht mit den Blaulichtorganisationen und einer externen Firma, die spezialisiert ist auf Crowd-Management. Diese Firma berät auch die Organisatoren der Street-Parade in Zürich. Gemeinsam haben wir eruiert, wo es zu kritischen Ansammlungen von Menschen kommen könnte. An diesen Orten wollen wir die Fluchtwege frei halten, indem wir die Baustellen temporär zurückbauen.

Wie viel kostet das die Stadt Bern? Die Kosten sind erheblich. Alleine für den Rückbau der Baustellen liegen die Aufwände im sechsstelligen Bereich. Wobei der Betrag sicher näher bei 100'000 Franken liegt als bei 999'999 Franken. Dazu kommen aber noch Polizeikosten, Reinigungskosten und so weiter. Zur Grösse des Polizeiaufgebotes sagen wir jedoch öffentlich nichts.

Die Stadt Bern spart an allen Ecken und Enden. Was geht Ihnen in Anbetracht der Summe durch den Kopf, die wegen der Massnahmen für «Tanz dich frei» draufgeht? Das ist ärgerlich. Und vor allem könnten wir die Kosten reduzieren, wenn wir einen Veranstalter hätten, der mit uns zusammenarbeitet und verbindliche Abmachungen trifft.

Weshalb bleiben die Veranstalter anonym? Sie haben Angst davor, die Verantwortung zu übernehmen. Denn diese ist enorm. Wäre der Anlass aber bewilligt, müssten die Stadtbehörden einen Teil der Verantwortung mittragen.

Wer haftet für Unfälle und allfällige Schadenersatzforderungen? Die Organisatoren.

Die kennt man nicht… ...aber vielleicht lernt man die dann kennen, wenn es zu gravierenden Zwischenfällen kommt. Dann werden Ermittlungen aufgenommen. Dann gibt es richterliche Beschlüsse und Facebook kann gezwungen werden, die Namen der Organisatoren bekannt zu geben.

Bisher hat Facebook genau dies verweigert. Wir haben Facebook kontaktiert und die Namen der Leute verlangt, die auf dieser Internetplattform zu «Tanz dich frei» aufrufen. Weil bisher keine Gesetze gebrochen wurden, fehlt uns offenbar die juristische Handhabe für solche Forderungen. Facebook hat nicht einmal auf unsere Anfrage reagiert.

Tanzen die anonymen Veranstalter dem Gemeinderat auf der Nase herum? Heutzutage erreicht ein anonymer Organisator über die sozialen Medien ein riesiges Publikum und kann grosse Anlässe auf die Beine stellen. Mit diesem Phänomen haben auch andere Städte Probleme. Solche Situationen sind für die Sicherheitsbehörden schwierig zu handhaben. In Bern ist bis jetzt nie etwas passiert. Das letzte «Tanz dich frei» ging einigermassen friedlich über die Bühne. Doch die Anlässe stellen uns vor Herausforderungen.

Suchen Sie weiterhin den Kontakt zu den Organisatoren? Ich weiss nicht, wie oft ich diesen Aufruf platziert habe. Ich glaube, es ist Zeit, an die Eigenverantwortung der Veranstalter und Teilnehmer zu appellieren: Verhaltet euch friedlich, und befolgt die Anweisungen der Behörden – gerade wenn es zu Zwischenfällen kommen sollte. Der Gemeinderat rät ausdrücklich von einer Teilnahme an «Tanz dich frei» ab.

Berner Zeitung

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