Die Tochter verloren, den Glauben gefunden

Wichtrach

Sie wird an der freikirchlichen «Aarena 2013» über ihren Glauben reden: Ursula Link musste akzeptieren lernen, dass ihre Tochter ermordet worden ist.

Mit der kleinen Bibel ihrer Tochter: Ursula Link.

Mit der kleinen Bibel ihrer Tochter: Ursula Link.

(Bild: Stephan Künzi)

Stephan Künzi

Wenn Ursula Link von Steffi redet, leuchten ihre Augen. Zu gut weiss sie noch, wie sie als allein erziehende Mutter nur knapp über die Runden kam, damals, als ihre Töchter Steffi und Nadine in der süddeutschen Kleinstadt zur Schule gingen. Steffi verdiente deshalb bereits in den oberen Klassen etwas dazu. Den Lohn gab sie grösstenteils ab, weil, wie sie erklärte, Papa ja keinen Unterhalt zahle. «So ist Steffi», stellt die 57-Jährige fest.

Ist? Wo Steffi doch seit über 13 Jahren nicht mehr lebt? Ursula Link nickt, obwohl sie sich längst von ihrer Tochter verabschiedet hat. Passiert ist es in der Silvesternacht 1999, die 16-Jährige war mit Freundinnen unterwegs, um die Jahrtausendwende zu feiern. Weil sie den letzten Bus verfehlte, trat sie den Heimweg zu Fuss an. Unterwegs wurde sie von einem Fremden im Auto mitgenommen – und umgebracht. «Steffi lebt», sagt Ursula Link unbeirrt. Ihre Tochter sei jetzt an einem wunderschönen Ort. Dort werde es zu einem Wiedersehen kommen, «da bin ich sicher.»

Eine Bibel gefunden

Von dieser Überzeugung will die 57-Jährige morgen in Wichtrach berichten. Davon auch, wie sehr sie sich von Jesus getragen fühlt. Entsprechend erlebt sie vieles in ihrem Leben als Wunder – jenen Moment etwa, in dem sie in Steffis Nachlass völlig unerwartet eine kleine Bibel fand. Dieses Buch, sagt sie heute, gehöre zum Wertvollsten, was sie besitze.

Solche Worte passen zum Anlass in Wichtrach. Eine Woche lang wollen sich dort sechs Freikirchen mit ihrem Glauben auseinandersetzen. «Aarena 2013» heist die Veranstaltungsreihe in der 1500plätzigen Sagibachhalle .

Völlig am Boden

Im persönlichen Gespräch indes klingen bei Ursula Link bald ganz andere Töne an. Sie macht auch gar kein Geheimnis daraus, wie tief sie gleich nach Steffis Tod gefallen ist. Noch heute mag sie nicht darüber reden, was genau ihrer Tochter widerfahren ist. Sie tönt nur an, dass der Täter sehr grausam vorgegangen sein muss. Das weiss sie aus den Befragungen im Prozess. Der Anblick der übel zugerichteten Leiche sei ihr, vielleicht zum Glück, erspart geblieben, sagt sie. Und generell: «Ich möchte keine Sensationsgier befriedigen.»

Umso offener wird sie, als es um die Zeit danach geht. Sie erzählt, wie es ihr Monat für Monat schlechter gegangen ist. Freunde und Bekannte, die sie stützten, gab es zwar. Doch sobald diese in ihre heile Welt zurückkehrten, fühlte sich Ursula Link nur umso verlassener. «Mir wurde bewusst, dass der Täter nicht nur Steffis Leben, sondern auch mein Leben sowie das ihrer Schwester Nadine zerstört hatte.»

Zu den seelischen Schmerzen kamen bald körperliche dazu. Ursula Link schluckte starke Medikamente und fand dennoch nicht aus ihrem Tief heraus. Ihr Umfeld wurde ungeduldig, irgendwann, bekam sie zu hören, müsse die Trauer überwunden sein. Sie fand kaum mehr Kraft, zur Arbeit zu gehen, fehlte oft. Lohnausfälle und finanzielle Probleme waren die Folge, «nach zweieinhalb Jahren waren wir völlig am Boden.»

Ein letzter Funke Hoffnung

In dieser Situation erinnerte sie sich an eine Familie, die sie von Steffi her kannte. Sie wusste, dass die Leute Geld hatten, und hoffte auf einen Kredit. Allein, die Bekannten mussten sie enttäuschen. Dafür boten sie ihr an, sie mit der Bibel vertraut zu machen – und Ursula Link nahm an. Ein letzter Funke Hoffnung keimte auf, «ich hatte an so vielen Orten Unterstützung gesucht, doch helfen konnte mir niemand.»

In der Folge ging sie in ihrem neuen Glauben auf. Heute hat sie sich mit ihrem Schicksal und, wie sie betont, mit Steffis Mörder versöhnt. Ob ehrliche Vergebung bei einem so schweren Verbrechen wirklich möglich ist? Viele Leute könnten nicht nachvollziehen, was in ihr in letzter Zeit vorgegangen sei, sagt Ursula Link. Doch wieso sollte sie sich weiter grämen? «Steffi ist am neuen Ort ja so glücklich.»

Berner Zeitung

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