Die Spitex Bern hat die ganze Branche in Verruf gebracht

Johannes Reichen, Redaktor Region Bern, zum Rücktritt der Spitex-Präsidentin Rahel Gmür.

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Stolze 17 Jahre lang stand Rahel Gmür an der Spitze der Spitex Bern. Das ist eine lange Zeit, und der Preis, den sie nun dafür bezahlt, ist hoch. Nach heftiger Kritik tritt sie aus gesundheitlichen Gründen zurück, sie braucht eine Auszeit. Zur Wiederwahl an der nächsten Generalversammlung tritt sie nicht mehr an.

Für die Spitex Bern ergibt sich die Chance auf einen Neuanfang. Den hätte sie bitter nötig. Es geht in diesen Tagen drunter und drüber bei der Spitex Bern. Es ist ein Konflikt zwischen dem Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung, der wohl im Gerichtssaal fortgesetzt wird.

Aber es ist ein Streit, unter dem die wichtigsten Angestellten der Spitex leiden: die Pflegefachleute. Im Betrieb herrscht grosse Verunsicherung und Ungewissheit, das belegen diverse Reaktionen.

Die Angestellten geben sich Mühe, dass die Kunden davon nichts merken. Der Verwaltungsrat eher nicht: Mit diffamierenden Briefen an Kunden, Organisationen und Ärzte stellt er die eigenen Angestellten bloss und wiederholt mit heiligem Ernst die Geschichte eines «Schlachtplans».

Das Problem ist allerdings hausgemacht. Die Spitex Bern, das war in den letzten Jahren vor allem Rahel Gmür. In ihrer Funktion wäre es eigentlich ihre Aufgabe, den Betrieb zu beaufsichtigen.

Allerdings ist Gmür seit ein paar Jahren auch Angestellte. Eingesetzt von sich selbst. Jetzt müsste sie sich selbst beaufsichtigen. Man fragt sich, was alles schiefgelaufen sein muss, dass es so weit kommen konnte.

Nun ist es höchste Zeit, dass der Kanton die Spitex-Organisationen genauer unter die Lupe nimmt. Nicht nur in Bern, auch anderswo.

Hinweise auf einen systemischen Fehler gibt es derzeit zwar nicht. Aber wenn sich Personen fast nach Belieben bedienen können in einer Branche, die zu grossen Teilen von der Öffentlichkeit finanziert wird, stimmt etwas nicht.

Man muss sich fragen, warum nicht schon bisher bessere Kontrollen existierten. Der Kanton wusste bis letzte Woche nichts von der Doppelrolle Gmürs und ihrer Entschädigung von 180'000 Franken pro Jahr.

Spitex-Mitarbeitende sind in einem höchst sensiblen Bereich tätig. Sie gehen zu alten, schwachen, kranken verwund­baren Menschen nach Hause. Dabei bauen sie manchmal sehr persönliche Beziehungen auf. Gleichzeitig sind sie ihrem Arbeitgeber verpflichtet ­­– und stehen unter Druck. Zeit und Geld sind in der Spitex knapp.

Die Angestellten verrichten eine schwierige, sehr wertvolle Aufgabe. Dafür haben sie nicht nur einen anständigen Lohn, sondern auch einen fähigen und stabilen Arbeitgeber verdient, der ihnen Rückendeckung gibt. Die Spitex Bern war das in den letzten Jahren nicht. Die Geschäftsführer kamen und gingen, immer wieder fehlte Geld. Das muss aufhören.

Unter dem Konflikt der Spitex Bern leiden nicht nur unschuldige Angestellte. Die ganze Branche steht unter Generalverdacht. Die Spitex Bern muss nun alles daransetzen, dass der gute Ruf der Spitex wiederhergestellt wird – notfalls auf Druck des Kantons.

johannes.reichen@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.02.2018, 18:38 Uhr

Johannes Reichen, Redaktor Region Bern. (Bild: zvg)

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