Die Rolle als Stadtpräsident war ihm auf den Leib geschneidert

Alexander Tschäppät war ein begnadeter Redner, der den Auftritt liebte, mit seiner Volksnähe aber auch aneckte. Keiner warb leidenschaft­licher für Bern als Tschäppät, der nun 66-jährig gestorben ist.

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Sein Leben lang war Alexander Tschäppät eine öffentliche Person. Als er am 16. April 1952 zur Welt kam, war sein Vater als Stadt- und Grossrat eine Lokalgrösse, die später zum Nationalrat aufstieg. Alexander Tschäppät war 8-jährig, als Vater Reynold in den Berner Gemeinderat gewählt wurde, mit 14 Jahren war Alex der Sohn des Stadtpräsidenten.

So stand Alexander Tschäppät zeitlebens unter Beobachtung, profitierte von der erfolgreichen Marke, die sein Name war, rieb sich daran, arbeitete sich ab am väterlichen Vorbild, befreite sich aus dessen langem Schatten und trug immer auch das Trauma in sich, das der Tod des Vaters im Stapi-Amt 1979 für ihn bedeutet hatte.

Als Sohn eines berühmten Vaters früh daran gewohnt, gefiel Alexander Tschäppät das Leben auf der Bühne und im Rampenlicht. Dort bewegte er sich bald so versiert und mit viel Talent für den grossen Auftritt, die geistreiche und witzige Rede, dass es für Generationen von Berner Würdenträgerinnen und Würden­trägern kaum eine undankbarere Aufgabe gab, als nach Alexander Tschäppät eine Ansprache halten zu müssen.

Wie der Vater

Anders als später seine eigenen zwei Söhne, grenzte sich Alexander Tschäppät nicht ab vom Werdegang des Vaters, sondern eiferte diesem nach – in frappierendem Ausmass: Wie sein Vater wurde Alexander Tschäppät Jurist und Fürsprecher, beide bekleideten sie beim Kaufmännischen Verband wichtige Funktionen, beide übten ihr Nationalratsmandat auch nach der Wahl in die Exekutive der Stadt Bern weiterhin aus – Alexander Tschäppät ab 2003 mit einem 8-jährigen Unterbruch, ehe er die wegen ihm beschlossene Regel seiner Partei umstiess, dass SP-Gemeinderatsmitglieder nicht gleichzeitig im Nationalrat sitzen dürften.

Vater und Sohn galten als trinkfreudige Lebemänner und Schürzenjäger, und beide stellten als Stadtpräsidenten etwas über alles andere: die Begeisterung für Bern. Ihre tägliche Werbebotschaft: Bern ist unvergleichlich schön. Der Subtext dieser Botschaft: Und dies nicht zuletzt dank mir, dem Stapi.

Lebensschule Richteramt

Alexander Tschäppäts erste Karriere spielte im Berner Amtshaus. Von 1982 bis 2000 amtete er dort als Gerichtspräsident, hatte mit kleinen und grossen Ganoven zu tun, mit Kranken, Gefährlichen, schrägen Vögeln, naiven Unglücksraben und gerissenen Betrügern.

Einen Teil seiner Bodenständigkeit und Hemdsärmeligkeit, die ihn später auch als Politiker auszeichneten, dürfte er dort erworben haben; der andere Teil war wohl angeboren. Zweifellos war das Richteramt eine Lebensschule, die wesentlich dazu beitrug, dass Tschäppät zu allen Milieus und Leuten einen Zugang fand, mit jedem und jeder «schnurre» konnte.

Über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen sorgte Untersuchungsrichter Tschäppät im April 1989, als er den saudischen Milliardär Adnan Kashoggi verhaften liess. Während der gut hundert Tage, die Kashoggi bis zur Aus­lieferung in die USA im Amtshaus verbringen musste, kümmerte sich Tschäppät um den prominenten Häftling – und baute zu ihm und dessen Entourage in dieser Zeit eine Beziehung auf, die danach noch jahrelang halten sollte.

Nationale Figur

Ebenfalls 1989 wurde Tschäppät als juristischer Experte in die Parlamentarische Untersuchungskommission berufen, die den Fall Kopp untersuchte und deren Bericht schliesslich dokumentierte, was als «Fichenskandal» in die Geschichte einging: Zu mehr als 700'000 Personen und Organisationen hatte der Staatsschutz Fichen angelegt. Was das ganze Land erschütterte, war für Tschäppät, der danach auch noch als stellvertretender Fichen­­­Ombudsmann fungierte, eine spannende Aufgabe mit landesweiter Beachtung.

Auf der nationalen Bühne landete er 1991 auch als Politiker, als er in den Nationalrat gewählt wurde. Seine politische Karriere hatte Alexander Tschäppät 1979 begonnen, 27-jährig, als er unmittelbar nach dem Tod des Vaters in die SP eintrat. Dort wurde er von den alten Kollegen des Vaters gefördert und schaffte es einige Monate später bei den städtischen Wahlen auf Anhieb in den Stadtrat.

In seinen Wahlkämpfen setzte er stets mehr auf die Marke Tschäppät als auf politische Inhalte, punktete mit originellen Kampagnen und Werbeartikeln, oft stilvoll gestaltet vom Grafiker-Freund Claude Kuhn. Legendär sind etwa der «Tschäppu», den er verteilte, der Würfel mit nichts als Sechsen oder das Brillentuch – für Kurz- und Weitsichtige, die mit der Wahl Tschäppäts richtig lägen.

Panaschierkönig

Mitunter war die Nomination in der Partei die schwierigere Hürde für Tschäppät als die Wahl durch das Volk, das ihm meistens sehr gute Ergebnisse bescherte. Bei den Nationalratswahlen 1999 machte er gar das beste Resultat aller Kandidierenden im ganzen Kanton. Trotzdem war die SP ein Jahr später gespalten, ob sie ihn für den Gemeinderat nominieren sollte – nicht allen gefiel, wie sich da eine Dynastie etablierte, manche zweifelten laut an Tschäppäts Teamfähigkeit.

Schliesslich trat die SP mit dem bisherigen Stadtpräsidenten Klaus Baumgartner sowie Edith Olibet und Alexander Tschäppät für den Gemeinderat an und holte mit ihnen drei von damals noch sieben Sitzen. In jedem Zählkreis an der Spitze: Panaschierkönig Tschäppät.

Nach vier Jahren als Vorsteher der Direktion für Planung, Verkehr und Tiefbau schaffte er den Sprung in den Erlacherhof, wo er von 2005 bis 2016 auf seiner liebsten Bühne wirkte: Als Stadtpräsident, oberster Bern-Promotor, Stadtvater, Mister Bärn.

Erfolge und Niederlagen

Bei seinem Rücktritt, nach 16 Jahren in der städtischen Exekutive, konnte Tschäppät natürlich eine ganze Liste von Projekten vorweisen, die er massgeblich geprägt hatte. Herausragend sind dabei die neu gestalteten Bundes- und Bahnhofplatz, der neue Stadtteil in Brünnen mit dem Westside, das Zentrum Paul Klee, die Euro 2008, die Tour de France 2016, die Sanierung des Stadttheaters oder die Planung Viererfeld, die er im zweiten Anlauf auf Kurs brachte.

Der Kulturminister, der Tschäppät als Stapi auch war, sammelte privat zwar Werke seiner Künstlerfreunde; als Politiker beschränkte er sich in der Kultur aber eher auf die grossen Linien, und ohnehin schien er sich im Sportstadion oder an der BEA-Eröffnung wohler zu fühlen als an einer Theaterpremiere.

Seine schmerzhaftesten Niederlagen als Stadtpräsident: 2004 das Nein in der ersten Abstimmung zur Überbauung des Viererfelds, 2009 die Ablehnung des autofreien Bahnhofplatzes.

Verletzlich und unorthodox

Tschäppät, der sich als harmoniebedürftig bezeichnete, hatte an Kritik schwer zu nagen und konnte furchtbar nachtragend sein – bis sich irgendwann vielleicht der Ex-Richter in ihm durchsetzte, der wusste, dass man nach einem Fehler und einer Strafe die Gelegenheit verdient hat, es besser zu machen.

Möglicherweise half ihm beim Verzeihen das Wissen, dass auch er selber mehrmals darauf angewiesen war, dass die Leute verzeihen können, wenn er sich wieder einmal einen kleinen oder mittleren Skandal geleistet hatte – beispielsweise als er sich 2010 an einem bierseligen Fest von einer Band dazu hinreissen liess, SVP-Grössen als «Motherfuckers» zu besingen; oder dann, als er öffentlich einräumte, dass er im Umgang mit Frauen zurückhaltender agieren müsse.

Die Meinungen über Tschäppäts Stapi-Bilanz und insbesondere zur Frage, ob er – beispielsweise im Bereich Stadtentwicklung – mehr hätte machen können, gehen auseinander.

Kaum bestreiten lässt sich, dass er entschieden agierte und dabei auch mal unorthodox vorging, wenn ihm etwas richtig wichtig war – etwa dann, als er (zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Andy Rihs) die Tour de France per Handschlag nach Bern holte und erst danach die politischen und vertraglichen Prozesse abwickelte; wenn er auf der Kornhaus­brücke für die holländischen Fans orange Schilder montieren liess.

Oder, um ein weniger gut gelungenes Beispiel zu zitieren, wenn er die ehemaligen Räume der Sanitätspolizei kurzerhand zum Jugendclub erklärte, obwohl man sich verwaltungsintern fast schon verbindlich auf eine andere Nutzung geeinigt hatte.

Auf Knopfdruck in Bestform

Als Stadtpräsident stand Tschäppät für den Typus (und ein Stück weit wohl auch für die Generation) des Politikers, der mitunter einfach mal entscheidet – selbst wenn er sich damit dem Vorwurf der Eigenmächtigkeit aussetzt.

Gerade in Bern, neuerdings «Hauptstadt der Partizipation», in der es einem vor lauter runden Tischen ganz schwindlig werden kann, ist dieser Politiker­typus immer seltener anzutreffen.

Ihm behage «die heutige Nullfehlerkultur» nicht, sagte Tschäppät bei seinem Abgang zu dieser Zeitung. «Sie führt dazu, dass Menschen nichts mehr entscheiden, weil sie Angst haben, Fehler zu machen.»

Ein anderes Markenzeichen Tschäppäts war seine Fähigkeit, immer dann zu Bestform auf­zulaufen, wenn es hart auf hart ging. Dies galt auch am Ende seiner politischen Laufbahn, als er manchmal müde und abwesend wirkte – etwa wenn an einer Medienkonferenz jemand anderes das Wort führte oder wenn er im Stadtrat sass.

Bis Tschäppät den Schalter umlegte – manchmal: bis ihm der Kragen platzte – und beispielsweise aufzählte, welche sozialen und kulturellen Funktionen die Reitschule erfülle und sich dabei so in ein Feuer redete, dass man sich fragte: Was geschieht mit der Reitschule, wenn sich einmal Tschäppät nicht mehr davorstellt?

Der höchste Berner

Tschäppäts erste Ehe, der die beiden Söhne entstammen, zerbrach. Mit seiner langjährigen Partnerin Christine Szakacs und den gemeinsamen Hunden zog er vor bald sechs Jahren ins Neubauquartier Schönberg-Ost – und bezog am höchsten Punkt der Stadt Bern die höchstgelegene Wohnung. Von hier aus sei es nicht mehr weit ins Altersheim, kokettierte Tschäppät schon damals mit seinem Alter.

Im ersten seiner letzten vier Stapi-Jahre musste sich Tschäppät an beiden Knien operieren lassen. Es war ein Bruch: Ganz der Alte, so schien es, war er danach nicht mehr.

Doch für ein Leben als rüstiger Rentner, für öffentliche Auftritte als Alt-Stadtpräsident, für einige Ämter und für ein paar Mandate innerhalb seines «Büros für Angelegenheiten» hätten die Energie, die Lust auf Öffentlichkeit und die Gestaltungsfreude alleweil noch gereicht – meinte man bei Tschäppäts Abgang.

Doch bereits im ersten Jahr danach wurde seine schwere Krebserkrankung ruchbar, vor gut zwei Monaten wurde sie öffentlich bekannt. Bis vor einigen Wochen war Tschäppät noch an Anlässen zu sehen, sichtlich gezeichnet nahm er als Nationalrat an der Frühlings­session teil. Öffentlich über seine Krankheit reden wollte er nicht.

Gegenüber einem seiner Biografen sprach Tschäppät im Buch «Tschäppät – ein Name, 100 Jahre Bern» davon, dass er nach dem Amtsende als Stadtpräsident «vielleicht ein bisschen neue Lebensqualität zu gewinnen» vermöge. Es war ihm nicht vergönnt. Tschäppät starb am Freitag 66-jährig. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.05.2018, 13:32 Uhr

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