Die Party für den guten Zweck

Bern

Ab morgen findet in Bern die 18. Tour de Lorraine statt. Die Veranstaltung ist eigentlich politisch motiviert, doch viele interessieren sich für die Partynacht.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Meist ist David Böhner, auch ­Detti genannt, in der Druckerei der Reitschule zu finden. Gerade druckt er mit der über 20-jährigen Heidelberger eine Broschüre für die Uni Lausanne. Auf einem Palett liegen druckfrische Zeitungen für die Tour de Lorraine bereit, um verteilt zu werden.

Ab morgen startet die 18. Ausgabe. Bei allen bisherigen hat Böhner mitgewirkt. «Die Idee für die Tour kam uns ursprünglich, weil wir Geld für die Anti-WEF-Demo brauchten», weiss der 50-Jährige. Damals – als der Protest noch eine internationale Bewegung war – seien sie nach Landquart gereist, um gegen das World Economic Forum (WEF) zu protestieren.

Den Namen hätten sie übernommen, und zwar von niemand Geringerem als der Berner Band Züri West. «Sie tourten in den ­90ern durch die Lorraine und nannten dies Tour de Lorraine», erzählt Böhner. Die Brasserie ­habe damals Unterstützung gebraucht, und Züri West seien an drei Abenden in der Lorraine aufgetreten.

Zuerst Politik, dann Party

Bei der ersten Ausgabe 2001 nahmen die Brasserie, das Du Nord, das Kairo und die Reitschule an der Tour teil. Heute ist die Anzahl auf 17 Lokale gewachsen. Jeweils samstags gipfelt die Tour de Lorraine in der Partynacht, in der man 34 Bands und DJs (siehe Box) vom Breitenrain bis zum Kulturzentrum Progr hören kann. Mit grosser Sicherheit werden auch an der diesjährigen Ausgabe alle 3200 Tickets verkauft sein, da der Event nicht nur bei Linksalternativen in der Agenda dick eingetragen ist.

Tradition haben auch die langen Warteschlangen, da es keinen Vorverkauf gibt. «Am Anfang hat sich die Frage danach nicht gestellt, danach haben wir uns bewusst dagegen entschieden, damit die Leute nicht erst um Mitternacht kommen», sagt Böhner. Das Berner Partyvolk weiss sich allerdings zu helfen und rüstet sich mit Glühwein, Gerstensaft und Geduld. Und trotzt dem teilweise garstigen Januarwetter. «Man könnte die Tour auch in wärmeren Monaten machen, aber für die Lokale ist der Januar perfekt», so Böhner.

Der Gewinn aus den Eintritten kommt nun nicht mehr der Anti-WEF-Demo, sondern politischen und sozialen Projekten zugute. Ganze 22 Stück waren es 2017, die davon profitierten. «Nach der Hochphase 2003 hatte die Anti-WEF-Bewegung nicht mehr die gleiche Brisanz», so Böhner. Man habe sich überlegt, ob es die Tour noch brauche. Jedoch habe man gemerkt, dass sie funktioniere. So wurde ein Verein gegründet und zusätzlich Workshops organisiert.

Auch heute ist die Tour de Lorraine ein primär politischer Event. «Es ist aber auch in Ordnung, wenn man einfach an die Party kommt», relativiert Böhner. Er hofft einfach, dass das Ausgehpublikum sich des Hintergrunds bewusst ist.

Ausweise für Sans-Papiers

Bei der diesjährigen Ausgabe dreht sich alles um das Thema «Urban Citizenship». Unter dem Slogan «Teilhabe für alle! Da, wo wir leben» können Interessierte an Workshops darüber diskutieren, wer an der Gestaltung des urbanen Raumes teilhaben darf. Oder über solidarische Städte, die auch Sans-Papiers mit einer Stadt-Identitätskarte einen legalen Ausweis aushändigen. «Vor zwei Jahren hatten wir ein ähnlich migrationsnahes Thema. Gegen 1000 Personen besuchten die Workshops, weil es ein aktuelles Thema war.»

Kurz nach der Durchführung denkt das 10-köpfige Organisationskomitee schon an die nächste Ausgabe. Bis zum Sommer sollte das Thema stehen. «Wir entscheiden uns nicht immer für das interessanteste. Sondern für dasjenige, wo wir Organisationen in unserer Region finden, die damit arbeiten.» Heuer habe man dafür mit dem Netzwerk Migrationscharta und mit «Wir alle sind Bern» kooperiert.

Böhner selber wird am Samstag in einem Workshop auftreten und am Abend in der Reitschule die Abendverantwortung tragen. Denn ohne die rund 200 Freiwilligen würde die Tour de Lorraine nicht in die 18. Ausgabe gehen.

Berner Zeitung

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