Bern

Die Mülltaucher finden Filet im Teig und knackige Spargeln

BernTobias Sennhauser sucht in Bern nachts im Abfall von Grosskonzernen nach noch essbaren Lebensmitteln. Mit dem «Containern» will er ein Zeichen setzen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln.

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Um 22 Uhr geht die spezielle Einkaufstour los. Tobias Sennhauser trifft seine Gefährten* beim Kurzparking im Bahnhof Bern und fährt los. Zu dritt sind sie unterwegs in dieser Nacht: Sennhauser, der erfahrene Mülltaucher, sein Mitbewohner, der erst einmal dabei war, und eine Bekannte, die mal sehen will, wie «Containern» funktioniert. Ihr Ziel: die Container bei Filialen von grossen Lebensmittelkonzernen in der Agglomeration Bern**. Sennhauser weiss, in welchen garantiert noch essbare Nahrungsmittel zu finden sind.

Der Mülltaucher erhofft sich einiges von der ersten Station: Kisten mit für den Abfall bestimmten Lebensmitteln stehen neben dem Seiteneingang eines Geschäfts. Eine saubere Angelegenheit und erst noch öffentlich zugänglich. Doch Sennhauser weiss, dass es manchmal vergebens ist, hier anzuhalten – weil die Kisten bereits leer sind. Der Mülltaucher parkiert auf dem Trottoir und steigt aus. Er geht nach einem Blick in die Kisten zurück und zuckt mit den Schultern. «Alles leer», sagt er zu seinen Begleitern. Und fährt weiter.

Mülltaucher aus Überzeugung

Seit 2007 ist Sennhauser ein Mülltaucher. Die Grosskonzerne kennen ihn von Podien zum Thema «Food Waste» – zu Deutsch Lebensmittelverschwendung. Denn der 29-jährige Berner «containert» nicht aus Armut, sondern aus Überzeugung. Am Freitag spricht er an der Museumsnacht über sein Leben (siehe Infokasten links).

Ein Dokumentarfilm gab Sennhauser 2007 den Anstoss für seinen Paradigmenwechsel. Eine Mülltaucherin stellte darin ihren Lebensstil in einen politischen Zusammenhang, der auch zu Sennhausers Motto wurde: «Wenn ich bei einem Konzern einkaufe, bin ich mit dessen Philosophie einverstanden», sagt er. Das heisse, er unterstütze damit Discountangebote wie etwa drei für zwei, die oft dazu führten, dass die Konsumenten mehr kaufen, als sie benötigen.

Und dazu, dass Essen verderbe und weggeworfen werde. Zudem unterstütze er damit Vorgaben, nach denen verkaufbare Produkte einer optischen Norm entsprechen müssen – was dazu führt, dass Gemüse auf den Feldern liegen bleibt. «Wenn ich aber die Produkte aus dem Container hole, generiere ich keine Nachfrage und unterstütze die Konzerne nicht», sagt Sennhauser.

Bei der zweiten Station muss Sennhauser nicht zuerst nachschauen, ob Lebensmittel da sind. «Hier hat es immer etwas», sagt er und steigt aus. Er verteilt Latexhandschuhe an seine Gefährten – denn das hier wird eine schmutzige Angelegenheit. Statt der sauberen Kisten wartet ein normaler Container auf die Mülltaucher. Von einer grünen Lampe erleuchtet, steht er auf dem Areal. Keine Absperrung, kein Zaun und keine Tür. Die Mülltaucher streifen die Handschuhe über, ergreifen die Einkaufstaschen und setzen Stirnlampen auf. Automatisch geht ein helles Licht an, als sie in Richtung Container gehen. Es erlischt bald wieder.

Illegal – aber «oft toleriert»

Sennhauser blickt sich um. Hier ist er schon mal beim «Containern» erwischt worden. Als er und ein Begleiter sich mit vollen Taschen zum Auto begaben, hielt ein Security-Mann sie zurück. «Er war anfangs ziemlich aggressiv», erinnert sich Sennhauser. Die beiden Mülltaucher zeigten ihm die Taschen. Sagten dem Mann, dass sie Müll gestohlen hätten. Ob man denn Müll stehlen könne. Und ob es nicht erschreckend sei, was da alles weggeworfen werde. Nach einer Viertelstunde liess der Security-Mann die Mülltaucher ziehen. Mit ihrer Beute.

«Die Leute haben in der Regel viel Verständnis für diese Form des Aktivismus», sagt Sennhauser, der hauptberuflich bei der Tierrechtsorganisation Tier-im-fokus.ch arbeitet. Seine Mutter habe ihm gesagt, wenn sie jung wäre, würde sie auch «containern». Sogar seine Grossmutter zeige mittlerweile Verständnis dafür. Die Polizei liess ihn einmal sein Werk vollenden, als er versprach, dabei nichts kaputt zu machen. Die Beamten fanden Vandalismus schlimmer als das «Containern».

Das geschah ebenfalls an einem öffentlich zugängigen Ort. Meistens aber klettert Sennhauser über Zäune und öffnet Türen, um an Lebensmittel zu kommen. Bei einem solchen Hausfriedensbruch wurde er noch nie erwischt. Ein Schloss habe er noch nie geknackt, betont er. Die meisten Konzerne würden ihre Container sowieso offen lassen, obschon es ein Leichtes wäre, sie abzuschliessen. Sennhauser deutet dies als Zeichen von Toleranz gegenüber Mülltauchern.

Das Fleisch lässt er liegen

Auch an diesem Container hängt kein Schloss. Sennhauser und seine Gefährten heben den Deckel und beginnen im Müll zu wühlen. Die Bekannte fischt eine Kilopackung Lauch heraus und untersucht sie mit der Taschenlampe. «Heute abgelaufen. Der ist noch gut, oder?», fragt sie und reicht das Paket Tobias Sennhauser. «Wenn du die äusserste Schicht wegnimmst, ist der tipptopp», erwidert er. «Moment, da hat es noch mehr Lauch», ruft der Mitbewohner.

Kilopackung um Kilopackung ziehen die drei aus dem Abfall. «Wir können unmöglich all den Lauch mitnehmen, das ist zu viel für uns. Denken wir auch an die anderen Mülltaucher. Nehmt einfach den schönsten», sagt Sennhauser. Er kennt nicht viele Mülltaucher. Man bleibt anonym in dieser Szene, weiss nur vereinzelt voneinander. Sennhauser schätzt, dass in Bern rund 50 Leute an die Container gehen.

Was im Abfall landet, hängt von der Saison ab. Im Moment sind Spargeln, Lauch und Orangen hoch im Kurs. «In den letzten zwei Wochen gab es bei uns jeden Morgen einen Fruchtshake», erzählt Sennhauser. Orangen und Bananen würde er nicht kaufen, weil diese von zu weit her importiert werden. Im Container aber greift er zu. Auch Fleisch und Milchprodukte landen immer wieder im Abfall. Diese lässt Sennhauser aber liegen – auch wenn er wie vor einer Woche auf ein Filet im Teig stösst.

Nicht einmal seinen Bekannten, die ab und zu bei ihm eine Bestellung aufgeben, würde er tierische Produkte verteilen. Sennhauser ist überzeugter Veganer. Vielleicht sei er auch deshalb noch nie von den Produkten aus dem Mülleimer krank geworden, sagt er. Pilze, Milchprodukte und Fleisch haben mehr Bakterien als Gemüse.

Normale Einkäufe sind nötig

Das grüne Licht schimmert über dem Container. Es riecht nach Abfall. Die Mülltaucher finden ihre Perlen inmitten verfaulter Erdbeeren und runzeliger Salatköpfe: Knackige Spargeln, Artischocken ohne sichtbaren Fehler, Kartoffeln, Rüebli, Orangen, Kohl und Stangensellerie landen in ihren Einkaufstaschen. Die Donuts und die Rüeblitorte lassen sie liegen. «Schaut mal, ein Weissbier», sagt Sennhausers Mitbewohner und sucht nach dem Ablaufdatum. «9. Januar 2015», murmelt er, «was hat das im Müll verloren?» Die Bekannte dreht eine zweite Flasche in ihren Händen. «Vielleicht ist es zu trüb für den Verkauf», sinniert sie. Etwa zehn Flaschen Bier landen in den Einkaufstaschen.

Es gibt Produkte, die findet man selten im Container. Dazu gehören Wein und Spirituosen. Auch Zucker, Öl, Gewürze, Teigwaren und Reis sind rar – weil diese Produkte kaum ablaufen. Nebst dem «Containern» ist Sennhausers Gemüseabo bei Soliterre seine zentrale Nahrungsmittelquelle. Er geht aber auch normal einkaufen.

Bei gewissen Produkten lobt er die Grossverteiler sogar: Dass etwa die Migros ihr Budget-Toilettenpapier aus Recyclingprodukten macht, findet er toll. «Das umweltfreundlichste Produkt ist das günstigste. So soll es sein», sagt er. Sowieso sei es für die Konzerne schwierig, der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. «Sie stehen in grosser Konkurrenz zueinander. Wenn die Migros samstags um 15 Uhr kein Brot mehr anbietet, kaufen es die Kunden im Coop – und umgekehrt.»

Genug für eine Woche

Kurz nach 23 Uhr ist Feierabend. Die Mülltaucher streifen ihre Handschuhe ab und schmeissen sie in den Container. Leise schliessen Sennhauser und sein Mitbewohner den Deckel. Ihre Einkaufstaschen sind gefüllt, sie haben genug Lebensmittel für die nächste Woche. Die Mülltaucher laden ihre Beute in den Kofferraum und machen sich auf den Weg zurück zum Bahnhof Bern. Im Auto riecht es nach Müll. Müll, der noch essbar ist.

*Die Begleiter wollen namentlich nicht genannt werden. **Aus Rücksicht auf die Mülltaucher nennt die Redaktion keine genauen Orte und keine Filialen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.03.2014, 10:00 Uhr

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Infobox

Im Rahmen der Ausstellung «Wir essen die Welt» von Helvetas im Käfigturm Bern erzählt Tobias Sennhauser an der Museumsnacht von morgen Freitag, 21.März, um 23 Uhr von seinem Leben als Mülltaucher. Zuvor referiert um 22 Uhr ein Mitbegründer der Informations- und Diskussionsplattform Foodwaste.ch über die Verschwendung von Nahrungsmitteln in der Schweiz.

Zutritt zu beiden Anlässen gibt es nur mit Museumsnachtticket. Die Ausstellung «Wir essen die Welt» widmet sich Themen wie Globalisierung, Geschäft, Hunger sowie Qualität der Lebensmittel. Sie ist noch bis zum 24. Mai im Käfigturm zu sehen. (sar)

Ausstellung: Bis 24.Mai, Käfigturm. Mo–Fr: 8–18 Uhr, Sa: 10–16 Uhr. www.wir-essen-die-welt.ch

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