Bern

Die Lorraine bleibt eine umkämpfte Gegend

BernSteigende Mieten und teure Neubauten. Das Lorrainequartier gilt als Beispiel für die Gentrifizierung in Bern. Doch in den letzten acht Jahren sind die Mieten nicht stärker gestiegen als im Berner Durchschnitt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Egal, ob Berlin, London oder Bern – es gibt kaum eine europäische Stadt, in der nicht von diesem Szenario gesprochen wird: Ein bisher vernachlässigter Stadtteil wird saniert oder umgebaut. Dadurch steigen die Mieten. Die ansässige Bevölkerung wird durch neue, wohlhabendere Bewohner verdrängt. Dieser Prozess heisst Gentrifizierung.

Wenn in Bern davon die Rede ist, dann fällt meist der Name eines bestimmten Quartiers: die Lorraine. Dort zogen ab Anfang der 80er-Jahre die Alternativen in die sanierungsbedürftigen und meist billigen Wohnungen. Cafés, Läden und Ateliers entstanden. Der Verkehr wurde beruhigt, das Quartier wurde aufgewertet. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Lorraine gewandelt. Aus dem ehemaligen Arbeiterquartier mit Ghettoimage wurde ein Trendquartier.

Durchschnittlicher Mietzins

Ob die Lorraine bereits gentrifiziert ist oder ihr nur die Gentrifizierung droht, ist bei Experten umstritten. Manch ein Quartierbewohner hat sich aber bereits eine Meinung gemacht. «Die Mieten steigen, und Menschen, die finanziell nicht mithalten können, werden an den Rand gedrängt», lautete der Tenor an der globalisierungskritischen Veranstaltung «Tour de Lorraine» am Samstag vor einer Woche. Wer aber einen Blick in das «Statistische Jahrbuch der Stadt Bern» wirft, stellt etwas anderes fest.

Die Mietzinse im Stadtteil Breitenrain-Lorraine sind von 2004 bis 2012 im Schnitt nicht stärker gestiegen als in anderen Berner Quartieren. Beispielsweise erhöhte sich in den acht Jahren der Mietpreis für eine Einzimmerwohnung in dem Stadtteil «nur» um fünf Prozent, während sich dieser Mietzins im städtischen Schnitt um neun Prozent erhöhte. Vierzimmerwohnungen wurden «nur» um sieben Prozent teuerer, im städtischen Schnitt aber um neun Prozent. Einzig bei den Drei- und Fünfzimmerwohnungen stieg die Miete im Stadtteil Breitenrain-Lorraine stärker an als im städtischen Schnitt. Ansonsten liegen die Mietzinserhöhungen im Quartier im Berner Durchschnitt.

Darum stellt sich die Frage, warum häufig die Lorraine genannt wird, wenn in Bern von steigenden Mietzinsen und Gentrifizierung die Rede ist.

Bewohner setzen sich durch

Laut Daniel Blumer von der AG Wohnen reagiert die Bevölkerung der Lorraine sensibler auf Veränderungen als Menschen in anderen Berner Stadtteilen: «Es gibt hier viele selbst verwaltete Genossenschaften und eine engagierte Quartierbevölkerung», sagt er. Das Quartier sei seit Jahrzehnten eine umkämpfte Gegend. Bauprojekte , die höhere Mieten zur Folge haben, führen darum zu Konflikten mit der angestammten Bevölkerung. Dies sind beispielsweise teure Eigentumswohnungen, die im Quartier entstehen , oder es geht um freie öffentliche Flächen, um die gestritten wird.

Ein Beispiel dafür ist die Brache am Centralweg. Lorraine-Bewohner kämpfen dort gegen «Luxusbauten», welche die Stadt errichten wollte. Eigentlich hatte der Berner Stadtrat dem Bau eines 8,8 Millionen Franken teueren Projekts schon zugestimmt. Der Entscheid wurde aber überraschend wieder aufgehoben. Ein neues Projekt, das der Quartierbevölkerung mehr entspricht, wird nun wieder vom Berner Gemeinderat ausgearbeitet. Die Rede ist von Wohnungen für Menschen mit mittlerem bis tiefem Einkommen. Die Bewohner haben sich durchgesetzt. Ereignisse wie dieses legen den Schluss nahe: Kein anderes Berner Quartier hat eine solche mediale Präsenz und einen derartigen politischen Einfluss, wie die Lorraine. Romano Manazza vom Verein Läbigi Lorraine würde aber nicht von Lobbyismus sprechen.

Neubau mit zwölf Wohnungen

Vielleicht sei die Lorraine-Bevölkerung einfach kritischer als die anderer Berner Quartiere. «Viele Bewohner der Lorraine interessiert und kümmert es, was sich um ihr Wohnumfeld abspielt, deshalb schauen sie auch bei Neubauprojekten einfach genauer hin.»

Nicht nur städtische Planer, auch private Investoren werden im Quartier genau beäugt. Zum Beispiel Stefan Berger, der auf dem Gelände der ehemaligen Serini-Garage einen Neubau mit zwölf Wohnungen plant. Berger, der sich selber als «verantwortungsvollen Investor» bezeichnet, besitzt mehrere Liegenschaften in der Lorraine. Kürzlich hat er einen Umbau am Nordring abgeschlossen. In linken Kreisen wurde er schon als «Immobilienhai» angefeindet.

Rendite treibt Mieten hoch

Daniel Blumer von der AG Wohnen glaubt aber nicht, dass private Bauherren wegen einer kritischen Bevölkerung abgeschreckt würden. Er ist überzeugt: «Am Schluss ist die Renditeerwartung der privaten Investoren auch in der Lorraine der Treiber für steigende Wohnungsmieten.»

Tatsächlich werden auf Immobilienseiten im Internet auch für die Lorraine Dreieinhalbzimmerwohnungen für 3000 Franken im Monat angeboten. Wie ist es möglich, dass das Quartier in der Mietpreiserhebung der Stadt trotzdem nicht obenaus schwingt?

Höhere Preise auf dem Markt

Walter Eichhorn von Statistik Stadt Bern hat eine Erklärung: «Für die Mietpreiserhebung erfassen wir die Bestandesmiete. Wo die Leute aber die Mietzinserhöhungen merken, ist bei den Angebotsmieten», sagt er.

Wer auf dem Berner Immobilienmarkt eine Wohnung sucht, ist mit anderen Mieten konfrontiert als jemand in einem bestehenden Mietverhältnis. Bei diesem Szenario unterscheidet sich Bern indes nicht von bereits gentrifizierten Städten wie Berlin oder London. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.01.2014, 06:22 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Holzwürfel statt Baumzimmer

Bern Die Berner Tour de Lorraine steht heuer ganz im Zeichen des eigenen Quartiers – die Organisatoren wollen sich gegen die Gentrifizierung wehren. Gleichzeitig entsteht auf der Centralweg-Brache ein Modell für günstiges Wohnen. Mehr...

«Zwöi feissi Meitli» im Serini-Kiosk

Bern Kleiderbörse, Suppenküche, Crêpe-Stand und Take-Away-Brunch-Laden: So wollen zwei junge Bernerinnen den Serini-Kiosk im Lorraine-Quartier zwischennutzen. Mehr...

Mietpreise in der Stadt Bern steigen weiter

Stadt Bern Die Mietpreise in der Stadt Bern steigen weiter an. Vor allem Drei- und Vierzimmer-Wohnungen sind innert Jahresfrist nochmals teurer geworden. Mehr...

Dossiers

Steigende Mieten

In der inneren Stadt haben sich in den vergangenen acht Jahren (2004 bis 2012) die Mietzinse vor allem für Ein- und Fünfzimmerwohnungen massiv erhöht (15 Prozent respektive 16 Prozent).

In der Länggasse-Felsenau sind Zwei- und Vierzimmerwohnungen teurer geworden (je 11 Prozent).

Im Mattenhof-Weissenbühl sind die Mieten am meisten gestiegen. Im Quartier erhöhten sich bei vier von fünf Wohnungsgrössen die Mieten stärker als
im Berner Durchschnitt. Am teuersten wurden Einzimmerwohnungen (13 Prozent). Im Quartier Kirchenfeld-Schosshalde sind vor allem Einzimmerwohnungen massiv teurer geworden (10 Prozent).

Am günstigsten wohnt es sich in Bern nach wie vor in Bümpliz-Oberbottigen. Besonders die Mieten für Ein- und Fünfzimmerwohnungen erhöhten sich kaum (4 und 1 Prozent).

Alte Migros-Filiale

Lange war im Quartier davon die Rede, dass sich die Café-Bar Wartsaal und der Lorraineladen Lola die alte Migros-Filiale in der Lorraine hälftig teilen werden. Beim Lola bestätigte man auf Anfrage, dass die Verhandlungen mit dem Vermieter derzeit noch am Laufen seien.

Die Café-Bar Wartsaal ist dagegen aus dem Rennen. «Wir haben unser Konzept zurückgezogen», bestätigt Martin Allemann vom Wartsaal. Geplant war, auf einer Fläche von 200 Quadratmetern günstige Räume für diverse Nutzungen anzubieten. Auch Quartierfeste wären am Wochenende denkbar gewesen. Von der Verwaltung habe es aber zu starken Gegenwind gegeben, sagt Allemann.

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Echt jetzt? Bündner Brücke der Rekorde
Sportblog Saure Milch

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Kunst auf dem Gesicht: Ein Rohingya Mädchen in der Nähe von Cox's Bazar in Bangladesh hat ein verziertes Gesicht. (17. Dezember 2017)
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...