Bern

Die Kunsthalle feiert ihren legendären Direktor

BernIm Jubiläumsjahr widmet die Kunsthalle Bern ihrem früheren Direktor eine Ausstellung. «Harald Szeemann: Museum der Obsessionen» verzichtet auf verklärten Personenkult und fokussiert auf die DNA der Ausstellungen des Berner «Überkurators».

<b>Da blickte die Kunstwelt nach Bern:</b> Während seiner Ägide liess Kunsthalle-Direktor Harald Szeemann den Ausstellungsort auf dem Helvetiaplatz 1968 von Christo            und Jeanne-Claude verhüllen.

Da blickte die Kunstwelt nach Bern: Während seiner Ägide liess Kunsthalle-Direktor Harald Szeemann den Ausstellungsort auf dem Helvetiaplatz 1968 von Christo und Jeanne-Claude verhüllen. Bild: Burkhard (Getty Research Institute)

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Die Skulptur hängt von der Decke wie eine grosse Zimmerpflanze, die Blatt um Blatt in den Raum gewachsen ist. Nur, dass es sich bei den Blättern um Gepäckkleber handelt, wie sie am Flughafen an den Koffergriffen befestigt werden. Jeder Anhänger dieser «Travel Sculpture» steht für eine Reise, die Harald Szeemann seit den Sechzigerjahren bis 2004 unternommen hat. Hunderte. Sie führten ihn nach Osteuropa und in die USA, nach China oder Lateinamerika. Sie zeugen von den unzähligen Atelier- und Ausstellungsbesuchen, die der Berner Kurator während seiner Wirkungszeit unternommen hat.

Vater modernen Kuratierens

Wer heute Kuratoren und Museumsdirektoren in den sozialen Medien folgt, wird mit einer Fülle an Selfies und Werkaufnahmen konfrontiert, die hier und dort entstanden sind. Längst ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacher rund um den Globus führt. In Szeemanns Anfängen war dies nicht der Fall. Der in Bern und Paris ausgebildete Kunsthistoriker (1933–2005) war es, der das Stellenprofil des modernen Kurators nachhaltig geprägt hat. Und dies nicht etwa von den Kunstmetropolen New York oder Paris aus – sondern in seiner Berner Wirkungsstätte, der Kunsthalle, die heuer ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert. Klar gehört auch eine Hommage an den Berner «Überkurator» mit österreichisch-ungarischen Wurzeln zum Festprogramm.

Ab heute steht die Ausstellung «Harald Szeemann: Museum der Obsessionen» dem Publikum offen. Es ist eine dokumentarische Schau, die vom Getty Research Institute in Los Angeles in Kooperation mit der Kunsthalle realisiert wurde und in weiteren europäischen Städten und in New York zu sehen sein wird. Seit 2011 lagert Szeemanns Archiv in L.A. Ein Kilometer Archivmaterial wurde in 4 Jahren gesichtet. Briefe, Notizen, Fotografien, Skizzen, Stempel, Plakate. Eine kleine Auswahl davon liegt nun in Schaukästen in der Kunsthalle und gibt Einblicke ins Denken und Vorgehen Szeemanns.

Hinrichtungsmaschine nach Kafka, von Szeemann 1975 entworfen. Foto: PD

Statt Werke aus aller Welt in die Kunsthalle liefern zu lassen, der Szeemann als Direktor von 1961 bis 1969 vorstand, lud er Kunstschaffende ein, ortsspezifisch Werke zu realisieren. 1968 hüllten Christo und Jeanne-Claude das Sandsteingebäude am Helvetiaplatz ein. 1969 eröffnete die heute als bahnbrechend geltende Ausstellung «When Attitudes Be­come Form» ihre Tore.

Kunstschaffende wie Richard Serra, Eva Hesse oder Bruce Nauman schufen Werke, Joseph Beuys rieb die Wände mit Fett ein, der Berner Schriftsteller Peter Saam verbrannte seine Armeeuniform. Was heute als legendär gilt, wurde damals stark kritisiert. Es kam zum Bruch zwischen Szeemann und der Kunsthalle, noch im selben Jahr reichte er seine handgeschriebene Kündigung ein – die nun prominent an der Ausstellungswand prangt. Längst sind die Wogen geglättet. Seit Jahrzehnten ist Szeemann das wichtigste Marketingargument der Kunsthalle, um die Erinnerung an ihren einstigen Hitparadenplatz in der Kunstwelt lebendig zu halten.

Aus dem Wald nach Kassel

Szeemann rückte Bern nicht nur in den internationalen Fokus, er war auch Knoten- und Angelpunkt der hiesigen Kunstszene. Er versammelte die wichtigsten Vertreter um sich, Markus Ratz, Franz Gertsch oder Meret Oppenheim. Der Berner Fotograf Balthasar Burkhardt dokumentierte das angeregte Treiben. In einem Brief klagte Szeemanns Mutter über die «Trink- und Rauchgewohnheiten» ihres Sohnes. Nebst den Videos, in denen sich Wegbegleiter an «Hary» erinnern, ist es eines der wenigen Ausstellungsexponate, das einem den privaten Szeemann näherbringt.

Das «Museum der Obsessionen» fokussiert stark auf Szeemanns Konzepten und Inspirationsquellen – etwa den Künstlerberg Monte Verità in seiner späteren Tessiner Wahlheimat – und beleuchtet auch die Kritik am Kurator. So tappt die Ausstellung glücklicherweise neben der Personenkultfalle vorbei. Sie versammelt Fragmente aus Szeemanns Ausstellungen, die er nach seiner Berner Zeit als freier Kurator mit seiner «Agentur für geistige Gastarbeit» realisiert hat. Etwa aus «Junggesellenmaschinen» von 1975. Die grassierende Maschinenästhetik war titelgebendes Thema, und Szeemann liess dafür nach eigenen Plänen die «Hinrichtungsmaschine» aus Franz Kafkas Erzählung «In der Strafkolonie» rekonstruieren – ein metallenes Ungetüm, das dem Verurteilten die Straftaten in Worten in den Körper ritzt.

Auch die 1972 von Szeemann kuratierte Weltkunstausstellung Documenta 5 in Kassel lebt dank einer Wandinstallation von Armand Schulthess wieder auf. Der Tessiner Aussteiger hat auf unzähligen Konservendeckeln und Holzplatten versucht, das Wissen der Welt festzuhalten: Notizen zu Psychologie, Chemie, Geschichte. Diese Infotafeln hängte Schulthess in einem Waldabschnitt, in dem er auch hauste, an die Bäume. Dort wurde er von der Künstlerin Ingeborg Lüscher aufgespürt, die sein Lebenswerk dokumentierte und damit ihren späteren Ehemann Harald Szeemann vertraut machte. So verdeutlicht der präsentierte Auszug aus diesem dreidimensionalen Mindmap, dass auch ein «Überkurator» stets Teil eines grösseren Geflechts ist.

Ausstellung: bis zum 2. September, Kunsthalle Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.06.2018, 10:42 Uhr

Berns «Über­kurator» Harald Szeemann (1933–2005).

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