Die Kirche der etwas anderen Katholiken

Vor 150 Jahren wurde die Kirche St. Peter und Paul geweiht – als erste katholische Kirche in Bern nach der Reformation. Doch schon bald kam es in der Kirchgemeinde zu einem Umsturz.

Sakristan Jan Straub und Pfarrer Christoph Schuler (links) in der Christkatholischen Kirche St. Peter und Paul.

Sakristan Jan Straub und Pfarrer Christoph Schuler (links) in der Christkatholischen Kirche St. Peter und Paul.

(Bild: Susanne Keller)

Sandra Rutschi

150-jährig ist die Kirche St. Peter und Paul direkt neben dem Berner Rathaus. Und damit die erste katholische Kirche, die nach der Reformation im Staate Bern erbaut wurde. Die Katholiken, zuvor in Bern geächtet und verfolgt, konnten wieder Fuss fassen – und dank ihres charismatischen Gemeindepfarrers Antoine Baud (1805–1867) eine frühgotische französische Kathedrale im Kleinformat direkt neben dem Rathaus in Bern bauen. «Damals verbannte man andere Religionen nicht in Tiefgaragen und Industriequartiere, sondern man holte sie ins Zentrum.

Man nahm sie sich sozusagen zur Brust, auch, um sie besser kontrollieren zu können – das war vorbildlich. Denn so beugt man Extremismus vor», findet Christoph Schuler. Er ist heute Pfarrer in der Kirche St. Peter und Paul, die zur Feier ihres 150-jährigen Bestehens die Krypta – eine in der Region seltene Form einer Kirche unter der Kirche – renovieren liess.

Der Kulturkampf der beiden Strömungen

Dass sich die reformierten Politiker die Katholiken 1864 zur Brust nahmen, führte dazu, dass heute neben Christoph Schuler auch eine Frau in dieser katholischen Kirche als Pfarrerin amtet. Doch der Reihe nach.

Schon im ersten Jahrzehnt, in dem St. Peter und Paul als Gotteshaus genutzt wurde, tobte der Kulturkampf, was auch in der katholischen Kirchgemeinde Auswirkungen hatte: Eine der Strömungen orientierte sich immer mehr in Richtung Rom und erklärte schliesslich im Ersten Vatikanischen Konzil den Papst zum unfehlbaren Oberhaupt der Kirche.

Das widerstrebte der liberalen Strömung in der Gemeinde, die sich am Christentum des ersten Jahrtausends orientierte: Damals waren die östliche orthodoxe und die westliche katholische Kirche noch eine Einheit, die verschiedenen Strömungen innerhalb der Christenheit wurden unter einem Dach gelebt. Diese Ökumene strebten die liberalen Katholiken an, sie wollten ihre Kirche demokratisch gestalten – und nicht nach einem absoluten Herrscher ausrichten. Der Papst war für sie nur eines von mehreren wichtigen Oberhäuptern.

Mit welcher der beiden Bewegungen die reformierten Politiker im Rathaus neben St.Peter und Paul sympathisierten, lässt sich leicht erraten: Mit der liberalen. Und so spalteten sich die liberalen Christkatholiken – ausserhalb der Schweiz Altkatholiken genannt – von den papstorientierten Römisch-Katholischen ab. «Die Mehrheit der Gemeinde wählte den liberalen Weg», erzählt Sakristan Jan Straub.

Und so übernahm diese Mehrheit 1875 St. Peter und Paul als ihre Kirche, welche später zur Bischofskirche für die Schweizer Christkatholiken wurde. Die Anhänger der römisch-katholischen Gemeinde feierten künftig in Restaurants und Privathäusern ihre Gottesdienste – bis 1898 die Dreifaltigkeitskirche eingeweiht wurde.

In der Krypta wird die Ökumene gelebt

Noch heute ist die Kirche St.Peter und Paul die christkatholische Bischofskirche. Mit 900 Mitgliedern in Bern und Umgebung ist die Gemeinde mittlerweile aber wesentlich kleiner als jene der römisch-katholischen Kirche – denn viele Zuwanderer sind römisch-katholisch. Dass aus den Christkatholiken, die 1875 einen derart grossen Zuspruch erhielten, zwar eine Landeskirche, aber keine grössere Glaubensgemeinde geworden ist, führt Schuler auf die Toleranz der Strömung zurück: Die Christkatholiken leben die Ökumene.

In der Krypta, ihrer sanierten Unterkirche, feierten seit je andere christliche Glaubensrichtungen Gottesdienste. 40 Jahre beherbergte sie die serbisch-orthodoxe Gemeinde, nach deren Umzug nach Belp ist nun die eritreische koptisch-orthodoxe Gemeinde dort eingezogen.

Während andere Landeskirchen über einen Mitgliederschwund klagen, bekommen die Christkatholiken indes stetig Zuwachs: «Leute, die sich von der Kirche entfernt haben und auf der Suche sind, die in der reformierten Kirche vielleicht das Sinnliche vermissen und in der katholischen die Offenheit, finden bei uns beides», versucht Schuler seine Gemeinde zu beschreiben. An den Gottesdiensten nehmen jeweils 50 Leute teil.

Kein Zölibat, dafür Frauen im Priesteramt

Und was ist mit dem einstigen Kulturkampf zwischen Römisch-Katholischen und Christkatholischen? «Wir haben es heute sehr gut miteinander», sagt Pfarrer Schuler und verweist auf die Orgelsanierung, welche die römisch-katholische Gemeinde für die christkatholische Krypta gespendet hat. «Das ist monetär und symbolisch ein sehr grosses Geschenk», sagt er.

Auf keinen gemeinsamen Nenner stossen die beiden katholischen Strömungen, wenn es um das Zölibat oder um Frauen als Pfarrerinnen geht. Bei den Christkatholiken dürfen Pfarrer seit je heiraten und Frauen seit 1999 das Priesteramt ausüben, bei den Römisch-Katholischen wäre beides undenkbar. «Vielleicht brauchen sie einfach noch ein bisschen mehr Zeit», sagt Pfarrer Schuler.

Berner Zeitung

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