Die Helvetia aus dem Gnomengarten sucht

Schwarzenburg

3 Meter hoch und 4,5 Tonnen schwer ist Helvetia. Die letzte Statue von Jürg Ernsts Gnomengarten ist auf der Suche nach einem neuen Zuhause.

Jürg Ernst sucht für seine Helvetia ein neues Zuhause. Fotos: Raphael Moser

Jürg Ernst sucht für seine Helvetia ein neues Zuhause. Fotos: Raphael Moser

Sheila Matti

Mit erhobenem Haupt steht Helvetia da. Drei Hände braucht sie, um all ihre Aufgaben zu stemmen: Mit der ersten hält sie eines ihrer Kinder fest, in der nächsten ruht eine Flagge und in der dritten eine Trompete, mit welcher sie den Marsch bläst. Es sei ein Bild der Überforderung, erklärt Jürg Ernst: «Als Mutter muss sie so viel gleichzeitig erledigen, dass es eigentlich gar nicht möglich ist.»

Die drei Meter hohe und über vier Tonnen schwere Betonstatue steht schon seit fast fünfzehn Jahren auf dem Gelände neben Ernsts Haus in Schwarzenburg. Immer wieder hat der Künstler an ihr herumgefeilt, ein weiteres Kind hinzugefügt, das mit einer zweiköpfigen Schlange spielt, oder ein Haustier, das an einen Vogel mit stechend grünen Augen erinnert. Früher war Helvetia Teil von Ernsts Gnomengarten, ein beliebtes Ausflugsziel für Gross und Klein. Heute steht die Mutterfigur zwischen wuchernden Sträuchern und algenbefallenen Teichen.


Zerstören möchte der Künstler seine Helvetia nicht. Er hofft, für sie ein neues Zuhause in Schwarzenburg zu finden.

Das Ende des Gartens

2015 schloss der heute 69-jährige Jürg Ernst die Türen seines Gnomgartens. Drei Jahre zuvor erlitt er einen Hirnschlag, woraufhin er das Sprechen neu lernen musste. Dennoch führte Ernst weiterhin Gruppen durch die Fantasiewelt neben seinem Haus und erzählte stotternd und nach Worten ringend deren Geschichte. «Irgendwann wurde es mir dann aber doch zu viel», erzählt er.

«Als Mutter muss sie gleichzeitig so viel erledigen, dass es eigentlich gar nicht möglich ist.»Jürg Ernst

Dank des Einsatzes seiner Frau, der Mitglieder des Kunstvereins Schwarzenburg und des ganzen Dorfes konnten die meisten Figuren mittlerweile ein neues Zuhause finden. Auf dem Gnomenweg, der quer durch Schwarzenburg führt, trifft man die ehemaligen Bewohner des Gartens an. Die Gaffer stehen beim Pflegezentrum unter den alten Rotbuchen, der Wächter beim Kirchgemeindehaus, Nessie direkt neben dem Schloss.

Und Pluto, der ehemalige König des Gartens, wurde in einer spektakulären Aktion zerstört. Die Überreste seiner Krone befinden sich als Skulptur auf Jürg Ernsts privatem Grundstück. Nur Helvetia hat bisher noch keinen Abnehmer gefunden. Stumm steht sie weiterhin an derselben Stelle wie früher. Und langsam läuft ihre Zeit ab.

Ein neues Zuhause

Im Herbst will Ernst das Gelände fertig räumen. König Plutos Trümmerhügel wird mithilfe eines Baggers dem Erdboden gleichgemacht, und auch der Rest des etwa vierhundert Quadratmeter grossen Areals soll auf Vordermann gebracht und an die eigentlichen Inhaber zurückgegeben werden. Diese wollen dort irgendwann eine Wohnüberbauung realisieren, die entsprechenden Pläne sind in Arbeit.

«Ich will die Zeit, die in den Unterhalt des Geländes fliesst, lieber für neue Projekte nutzen.»Jürg Ernst

«Mit dem Gnomengarten habe ich abgeschlossen», antwortet Jürg Ernst auf die Frage, ob dies kein schwerer Schritt für ihn sei. «Ich will die Zeit, die in den Unterhalt des Geländes fliesst, lieber für neue Projekte nutzen.» Zerstören möchte der Künstler seine Helvetia dennoch nicht. Stattdessen hofft er, auch für sie ein neues Zuhause in Schwarzenburg zu finden.

Wer den Abtransport der Figur übernimmt, dürfe diese sogar kostenlos übernehmen – vorausgesetzt natürlich, sie kommt an einem angemessenen Ort zu stehen. Genug Platz brauche es etwa, damit man um die Statue herumlaufen kann. Und auch verstecken sollte man die barbusige Figur nicht. Interessenten könnten sich gerne bei ihm melden, fügt Ernst an.

Helvetia ist noch nicht fertig

Ergäbe sich eine solche Möglichkeit, würde der Künstler sich sogar noch ein Jahr Zeit nehmen, um die Statue vorübergehend auf seinen eigenen Rasen zu stellen und sie dort dann endlich zu vervollständigen. Noch fehlt es der Figur nämlich an einigen wichtigen Details, zu deren Anfertigung Jürg Ernst bisher nicht gekommen ist.

Beispielsweise möchte er noch ein zweites Vogeltier oder die vierte und letzte Hand hinzufügen, in welcher ein Spiegel ruhen soll. Und auch zwei goldene Flügel will der Künstler seiner Helvetia noch verleihen.

Berner Zeitung

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