Die Geschwister der Verstorbenen

Im Mai 2011 ist Kerstin Langenegger gestorben. Cystische Fibrose. Ihre Schwester Aline sammelt nun Geld für einen Dokumentarfilm. Er soll zeigen, wie es Geschwistern ergeht, die alleine zurückbleiben.

Aline Langenegger fühlte sich hilflos, als ihre Schwester an Cystischer Fibrose starb. Jetzt soll ihr Film etwas bewirken.

Aline Langenegger fühlte sich hilflos, als ihre Schwester an Cystischer Fibrose starb. Jetzt soll ihr Film etwas bewirken.

(Bild: Susanne Keller)

Dominik Galliker@DominikGalliker

Ein Dokumentarfilm soll es werden, 52 Minuten lang. Premiere in einem kleinen Kino, dann, «hoffentlich», will ein Fernsehsender ihn zeigen.

«Ich wage noch gar nicht, so weit zu denken», sagt Aline Langenegger. Sie weiss, was sie sich vorgenommen hat, ist gross. Die Devise lautet: Probieren geht über Studieren. «Ein wenig Naivität braucht es.» Ein kurzes Lachen. «So bin ich halt.»

Aline Langenegger ist siebenundzwanzig Jahre alt und Moderatorin beim RadioFr in Freiburg. Während sie von ihrem Projekt erzählt, sitzt sie auf dem Balkon ihrer Wohnung in der Stadt Bern. Vor ihr ein Fotoalbum mit Bildern von ihr und ihrer Schwester Kerstin. Die beiden liegen auf einer Wiese, stehen an einer Hauswand – sie lachen, sehen gesund aus. 26.April 2011 – dieses Datum steht auf dem Album. Das Fotoshooting fand genau ein Monat vor Kerstins Tod statt.

Vier Geschichten

Kerstin Langenegger wurde zwanzig Jahre alt. Sie litt an Cystischer Fibrose, einer vererbbaren Stoffwechselkrankheit, die die Lunge angreift. Sie musste häufig ins Spital, erzählt Aline Langenegger. Doch in diesem Frühling 2011 erwischte sie einen Infekt, den sie nicht überlebte. Es kam unerwartet.

Heute, vier Jahre später, will Aline Langenegger den Tod ihrer Schwester in einem Dokumentarfilm aufarbeiten. Er soll die Geschichten von drei jungen Erwachsenen zeigen, die ein Geschwister wegen Cystischer Fibrose verloren haben. Vielleicht kommt eine vierte dazu: ihre eigene. Der Film soll dazu auffordern, sich über Organspende Gedanken zu machen. Er soll aber auch Betroffenen Mut machen, erzählt Langenegger.

Wie sie den Tag nach Kerstins Tod erlebte, weiss sie nicht mehr. «Wenn jemand stirbt, ist die Anteilnahme am Anfang gross. Das Loch kommt erst später.» Wie eine ständige Erschöpfung sei es gewesen. Dann, nach Abschluss der PH, trat sie eine neue Arbeitsstelle an, bei Radio Neo 1 in Langnau, und fand Ablenkung. «Das war meine Therapie: moderieren, ein aufgestelltes Team, Zeitdruck.»

Aber vollständig verarbeitet habe sie den Tod ihrer Schwester bis heute nicht. Nun wolle sie sich noch einmal intensiv damit auseinandersetze, sagt Aline Langenegger. «Als Schwester fühlst du dich immer so hilflos. Kerstin hatte Mühe zu atmen, aber ich konnte nur zuschauen.» Jetzt habe sie das Gefühl, etwas für die Betroffenen tun zu können. Die Idee, die Sicht der Geschwister in den Fokus zu rücken, entstand während ihrer Ausbildung an der Journalistenschule MAZ in Luzern.

Suche nach Protagonisten

Mittlerweile arbeitet Aline Langenegger mit dem Berner Filmemacher Gregor Frei zusammen. Über die Schweizerische Gesellschaft für Cystische Fibrose hat sie Protagonisten gesucht. «Es war sehr emotional», sagt sie. Sie sei durch die ganze Schweiz gefahren – Muri, Olten, Wallis, Basel - um einige Stunden mit fremden Menschen über das gemeinsame Schicksal zu sprechen.

Entstanden sind ein Drehbuch und ein Trailer. Als Nächstes muss Geld her. 80'000 Franken kostet die Produktion. Ein Grossteil soll mit Stiftungsgeldern finanziert werden, die restlichen 20000 mit privaten Unterstützern, mit sogenanntem Crowdfounding.

«Nehme ich mich zu ernst?»

«Bevor wir den Trailer veröffentlicht haben, habe ich schlecht geschlafen», sagt Aline Langenegger. Eine Unsicherheit bleibe bei so persönlichen Projekten wohl immer: «Nehme ich mich zu wichtig?» Sie sei im Zug ge-sessen, als sie das Projekt schliesslich veröffentlicht habe. «Ich hatte feuchte Hände, als ich diesen Klick machte», sagt sie. «Jetzt kann ich nicht mehr zurück.»

Die Crowdfounding-Plattform Wemakeit gibt ihr 30 Tage Zeit, um die 20'000 Franken zusammenzubekommen. 10 sind mittlerweile vergangen. 115 Personen unterstützen das Projekt. 14'600 Franken.

Infos und Crowdfounding unter www.wemakeit.com/projects/die-fehlende-lunge

Berner Zeitung

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