Die Gemeinden wappnen sich für die Fahrenden

Region Bern

Radelfingen erarbeitet ein Polizeireglement, Aarberg hat das seinige schon verschärft: Dass im Bernbiet vermehrt Fahrende haltmachen, lässt die Behörden reagieren. Sie wollen Konflikte wie jene im vergangenen Sommer vermeiden.

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Stephan Künzi

Plötzlich waren sie da, fuhren mit ihren Wohnwagen auf ein freies Stück Land und blieben mal kurz, meist aber für Tage oder Wochen. Das war in Hagneck so. Das war in Kirchdorf so. Das war in Laupen so, wo sich das Spiel gar dreimal wiederholte. Und das war be­sonders in Radelfingen so, wo die ­Situation mit einer zweiten Gruppe regelrecht eskalierte.

Regelmässig kam es im vergangenen Sommer zu Konflikten mit Fahrenden meist ausländischer Herkunft, die im Kanton Bern haltmachten. Besonders hoch gingen die Emotionen in Radelfingen, wo sich eine Gruppe mit dem Segen der Landbesitzer und gegen eine Gebühr in der Au niederliess. Allerdings schien die Bauernfamilie von dem, was dann geschah, überrumpelt worden zu sein. Nachdem sie im Juni mit einer ersten Familie sehr gute Erfahrungen gemacht hatte, entglitt ihr nun, Ende August, die Sache voll­ends.

Nicht genug damit, dass sie sich plötzlich mit einem Park von 120 bis 150 Wohnwagen konfrontiert sah. Für Aufruhr sorgte auch, wie sich die rund 500 bis 700 Personen benahmen. Sie benutzten die angrenzenden Felder als Freilufttoilette für das kleine wie auch das grosse Geschäft. Generell wurde ihr Auftreten als arrogant, ja ­flegelhaft empfunden.

Toilette unter freiem Himmel

Nun ist wieder Sommer, und ­Radelfingens Gemeindepräsident Urs-Martin Kuhn (BDP) blickt mit gemischten Gefühlen voraus in die kommenden Wochen. Zu knapp sind die Orte, an denen sich Fahrende hochoffiziell niederlassen dürfen, und zu schleppend kommt der Kanton in seiner Suche nach neuen Plätzen voran (siehe Kasten).

Dazu kommt, dass Radelfingen im Seeland und dieses wiederum nahe an Frankreich liegt, wo viele ­Fahrende herkommen. Kuhn ist überzeugt: Die nun durchgehende Transjurane, die neue Strasse von Frankreich ins Seeland, wird den Druck nochmals verstärken. Sogar auf Gemeinden, die wie Radelfingen nicht direkt an einem Autobahnanschluss liegen.

Vor diesem Hintergrund rechnet der Präsident bereits damit, dass sein Dorf nach der letztjährigen Premiere auch heuer wieder Besuch von Fahrenden bekommt. Er gehe davon aus, dass die Radelfinger Au als gut erreichbares, ebenes Areal auf dem Radar der Gruppen sei, sagt er. Wenigstens wollen sich die Behörden diesmal nicht mehr überraschen lassen. Sie haben eine Checkliste für den Umgang mit Fahrenden zusammengetragen und vorgängig mit den Landbesitzern gesprochen. Auch jene in der Au hätten ihm signalisiert, «dass sie keine Fahrenden mehr wollen», so Kuhn.

Parallel dazu arbeiten die ­Behörden an einem Polizeireglement, das sie wohl im Winter an die Gemeindeversammlung bringen werden. Sie hoffen, mit diesem Instrument bei künftigen Konflikten mit Fahrenden bestimmter auftreten zu können. Kuhn gibt offen zu, dass er lieber ohne das Regelwerk auskäme. «Bisher setzten wir in unserem überschaubaren Dorf auf das ­direkte Gespräch.» In der aktuellen Situation bleibe wohl aber kein anderer Weg.

Unruhe im Schwimmbad

Aarberg ist da einen Schritt weiter. Aufgeschreckt durch die Vorfälle in Radelfingen, haben die ­Behörden das bestehende Polizeireglement schon verschärft. Marc Moser (SVP) als verantwortlicher Gemeinderat denkt ungern an die Fahrenden in der Nachbargemeinde zurück, die auch in seiner Gemeinde für Unmut gesorgt haben. Allem voran im Schwimmbad, wo sie in den sanitären Anlagen Wäsche machten und zum Trocknen aufhängten. Wurden sie auf die geltenden ­Regeln aufmerksam gemacht, ­begehrten sie auf, kurz: «Wir mussten die Polizei holen und ­anschliessend einen Sicherheitsdienst aufziehen.»

Im verschärften, von den Stimmenden gerade erst so gebilligten Reglement nimmt die Gemeinde die Privaten in die Pflicht. Wer Fahrende bei sich wohnen lässt, muss dies den Behörden melden. Diese behalten sich ausdrücklich vor, auf die Landbesitzer zurückgreifen zu können, sobald wie im letzten Jahr Kosten entstehen. Allerdings geht es Aarberg nicht nur darum, sich möglichst schadlos zu halten. «Im gemeinsamen Dialog können wir den Betroffenen auch Tipps im Umgang mit Fahrenden geben und ihnen so den Rücken stärken.»

Nach den drei Besuchen im letzten Jahr möchte auch Laupen in ähnlicher Art vorgehen können. Allerdings scheiterte hier der Gemeinderat im Dezember in einem ersten Anlauf an der ­Gemeindeversammlung. Schuld waren nicht die Bestimmungen zu den Fahrenden an sich, sondern andere Themen wie die Leinenpflicht für die Hunde oder die Videoüberwachung im öffentlichen Raum, die genauso in ein Polizeireglement gehören. Bis eine zweite, abgespeckte Fassung zur Debatte stehen wird, behilft sich Laupen ebenfalls mit Checklisten und Gesprächen mit den Landbesitzern, wie Gemeindepräsident Urs Balsiger (SVP) sagt.

Drohkulisse mit Gülle

Ohnehin können Fahrende nicht einfach so weggewiesen werden. Immerhin, erinnert sich Balsiger an ein Treffen der Gemeinden mit dem zuständigen Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP), gehöre es ja zu ihrer ­Lebensweise, sich an wechselnden Orten niederzulassen. Als ­anerkannte und geschützte Minderheit hätten sie darauf ein ­Anrecht. Das schliesst zwar die Möglichkeit einer polizeilichen Räumung nicht aus. Allerdings brauchen die dafür nötigen Verfahren zum Teil so viel Zeit, dass die Fahrenden meist schon wieder weiter sind.

Wie heikel es sein kann, zu ­anderen Mitteln zu greifen, ­erlebten ebenfalls letzten Sommer die Bauern aus Hagneck. Als sie vom überraschenden Besuch hörten, fuhren sie umgehend mit Traktoren und Druckfässern zu den Fahrenden und drohten, auf dem Feld Gülle auszutragen. Die Polizei musste vermitteln und liess sie wissen: Hätten sie mit der stinkenden Brühe Wohnwagen oder gar Menschen getroffen, sie hätten eine Anzeige wegen Tätlichkeit riskiert.

Deshalb sei es umso wichtiger, fährt Marc Moser in Aarberg fort, beim Verhandeln bestimmt aufzutreten und die eigenen Standpunkte von Anfang an klar zu formulieren. Bei alledem will er nicht missverstanden werden: Es gebe längst nicht mit allen Fahrenden Probleme, «die Leute sind wie überall sehr unterschiedlich». Wer so auftrete wie die Gruppe aus der Radelfinger Au, tue den anderen keinen Gefallen – Urs-Martin Kuhn in Radelfingen pflichtet dem nur bei.

Wie sensibel Einheimische ­reagieren können, wurde letzten Sommer weitab vom Seeland in Kirchdorf deutlich, wo die Fahrenden ihr Lager etwas abseits der Siedlung aufgeschlagen hatten. Der Bauer, der das Feld vermietete, versuchte allfälliger Kritik auch vorzubeugen. Er stellte ein mobiles WC-Häuschen auf und entsorgte eigenhändig den Kehricht. Trotzdem wurden die Behörden mit, wie sie in einem Flugblatt schrieben, «täglichen Anfragen, Meinungen und Reklamationen» eingedeckt.

Und wieder der Abfall

Die einen klagten über abend­lichen Lärm, der von den Fahrenden ausgehe, reklamierten weiter, dass durch die Ansammlung von Autos und Wohnwagen das schöne Landschaftsbild gestört werde. Andere kritisierten, auf der mit Tempo 30 belegten Zufahrtsstrasse werde nun viel zu schnell gefahren. Plötzlich hielten sich Leute auch darüber auf, dass beim Aussichtspunkt unter der Linde Abfall herumliege – ob daran aber wirklich die Fahrenden schuld waren, stand auf einem anderen Blatt.

So direkt mochte es zwar niemand ausdrücken, doch als die Fahrenden nach einem guten Monat leidlichen Zusammenlebens weiterzogen, war im Dorf gut zu spüren: Alle waren er­leichtert.

Berner Zeitung

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