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Die Demenz ist für Mutter und Tochter auch eine zweite Chance

BelpDemenz ist in den meisten Fällen ein schmerzhaft langer Abschied von einer geliebten Person. Für Franziska Gaugler aus Bern aber hat die Krankheit ihrer Mutter durchaus auch schöne Seiten: Sie versteht sich seither viel besser mit ihr als zuvor.

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Dass sie sich ihrer Mutter einmal so nahe fühlen würde, hätte Franziska Gaugler nie gedacht. Über 50 Jahre lang war Luise Gaugler für ihre Tochter vor allem eines: ein äusserst kritisches Gegenüber. Bereits mit 17 zog Franziska von zu Hause aus, suchte bewusst eine gewisse Distanz.

Doch heute ist das alles weit weg. Heute besucht die 60-jährige Logopädin einmal pro Woche ihre Mutter. Die frühere Radiomacherin, Sprecherin und Schauspielerin lebt seit einem Jahr im Domicil Oberried in Belp. Eine liebevolle 83-Jährige wartet dort auf ihre Tochter und macht dieser Komplimente für ihren hübschen Mantel und ihr Lächeln. Ihre ehemaligen Schülerinnen kennen Luise Gauglers charmante Seite – für Franziska ist sie aber neu. Früher kritisierte die Mutter die zu pompösen Ohrstecker, den zu grellen Lippenstift, eigentlich fast alles an ihrer Tochter. Doch das ist vorbei. Dank einer Krankheit, die eigentlich mehr zerstört als heilt: Demenz.

Das letzte Stück Selbstständigkeit ist weg

Am Anfang brachte die Demenz vielerlei Schwierigkeiten im Alltag mit sich. Luise Gaugler wohnte 2010 alleine im freiburgischen Ueberstorf, als die Tochter und die beiden Söhne feststellten, dass die Esswaren in Mutters Kühlschrank schlecht wurden. Die Geschwister räumten die abgelaufenen Lebensmittel weg, kauften neue. Beschrifteten Tupperware mit vorgekochtem Essen für jeden Tag und beruhigten sich gegenseitig, dass das alles noch nicht so schlimm sei. Die Mutter werde halt älter.

Das Autofahren ging allerdings mit der Zeit nicht mehr. Luise Gaugler wehrte sich mit Händen und Füssen dagegen, den Führerschein abzugeben. Beschuldigte ihre Kinder, dass sie ihr das letzte Stück Selbstständigkeit wegnähmen – trotz des Befundes aus der Memory Clinic am Inselspital, die bei Demenzverdacht unter anderem Fahreignungsabklärungen durchführt. Einige Zeit stand der Wagen noch bei Franziska Gaugler in Bern. Wenn die Mutter zu Besuch kam, verabschiedete sie sich vom Auto herzlicher als von der Tochter – mit den Worten «auf Wiedersehen, mein Schatz».

Heute freut sich Luise Gaugler, wenn ihre Tochter sie besucht. Nie wirft sie Franziska vor, sie sei zu lange weg gewesen.

Immer wieder stimmt die Seniorin im Aufenthaltsraum ein Lied an. Ein paar Heimbewohner fallen spontan mit ein oder setzen sich in ihre Nähe. Am liebsten singt Luise Gaugler im Korridor, wo ein Poster des Schauspielers Hans Gaugler hängt – ihres Mannes. Oft küsst die kleine Seniorin im Vorbeigehen das Abbild des Mannes, der einst ihr Schauspiellehrer war und den sie bis zu seinem Tod pflegte. Oder sie hält ihm ein Ständchen. Die Tochter lauscht und blickt die Mutter liebevoll an. «Die Gedanken sind frei», trällert Luise Gaugler und konstatiert nach der ersten Strophe: «Ich habe keine Ahnung, was ich hier singe.» Franziska streicht ihr über den Arm: «Aber es ist wunderschön und passt, Mami.»

Der Abschied von Tonbändern und selbst genähten Kleidern

2012 passte die Situation für Franziska Gaugler und ihre Brüder nicht mehr. Ihnen wurde klar, dass ihre Mutter mehr Betreuung brauchte. Gauglers hatten Glück: Sie fanden als erste Lösung rasch einen Platz für betreutes Wohnen in der Seniorenvilla Grüneck in der Stadt Bern, und Luise Gaugler war sofort mit dem Umzug einverstanden. Die Wohnung der Mutter zu räumen, war für die Tochter schmerzhaft, aber auch wertvoll. Tagelang sass sie zwischen Manuskripten, Tonbandaufnahmen, Fotos und selbst genähten Kleidern. All diese Dinge, die Luise Gaugler einst enorm wichtig waren, bedeuteten der Erkrankten plötzlich nichts mehr. Die Tochter jedoch realisierte vielleicht zum ersten Mal, was ihre Mutter alles geschaffen hatte.

Noch heute ist offensichtlich, wie stark ihre Arbeit Luise Gaugler geprägt hat. Sie blättert in einem golden eingefassten Heft, das eine freiwillige Helferin im Heim extra für sie zusammengestellt hat. «Das Luise-Gaugler-Buch» steht auf dem Umschlag. Drinnen sind Gedichte eingeklebt, von Rainer Maria Rilke und Heinrich Heine zum Beispiel.

In ihrem früheren Leben konnte Luise Gaugler unzählige Gedichte auswendig deklamieren. Sie hat sie alle vergessen, doch mit dem Heft bleiben ihr einige erhalten. «Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne/Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben», rezitiert die Seniorin Hermann Hesse. Noch immer könnte man ihre Stimme aufnehmen und am Radio abspielen – auch wenn Luise Gaugler nicht mehr weiss, was sie da liest.

Das Bad bringt auch emotionale Nähe

Der Anfang ihrer neuen Beziehung zur Mutter kostete Franziska Gaugler viel Überwindung. Als ihr Bruder erzählte, er habe die Mutter gebadet und diese habe das genossen, erkannte die Tochter darin eine Gelegenheit, mit ihrer Mutter etwas Positives zu erleben. Obwohl sie sich so viel körperliche Nähe nur schwer vorstellen konnte, überwand sie sich, ihre Mutter regelmässig in deren Badezimmer in der Grüneck zu baden. Es war ein vorsichtiges Sich-aneinander-Herantasten, das mit der Zeit emotionale Nähe mit sich brachte.

Wenn Franziska Gaugler heute ihrer Mutter ihr iPhone in die Hand drückt, aus dem deren Lieblingsmusik erklingt, weiss sie: Das hier ist ein Supplement. Etwas, womit sie niemals gerechnet hätte. Die Demenz bringt für sie keine Geldsorgen – ihre Mutter arbeitete ein Leben lang und hat genügend Reserven für das Heim. Und was auch kommen mag: Franziska Gaugler fühlt sich gemeinsam mit ihren Brüdern als gut funktionierendes Team. In einer Gesprächsgruppe der Alzheimervereinigung kann sie sich zudem mit anderen Angehörigen austauschen.

Die Gnade des Vergessens

Luise Gaugler lächelt, die Tochter streichelt ihre Wange und hilft ihr in den Mantel, um im Garten vom Oberried spazieren zu gehen. In der Grüneck versöhnte sie sich mit ihrer Mutter, auch wenn diese Zeit nicht nur einfach war. Immer wieder büxte Luise Gaugler aus, übernachtete sogar einmal in einem leer stehenden Haus. In der UPD Waldau versuchten die Ärzte, ihre krankheitstypische Unruhe mit Medikamenten abzuschwächen. Trotzdem war es nun nötig, für die Mutter einen Platz in einem auf Demenz spezialisierten Heim zu finden.

Und wieder hatten Gauglers Glück: Im Domicil Oberried wurde innert weniger Tage ein Platz frei. Anfangs war es für Luise Gaugler schwierig, ihr Zimmer mit einer Mitbewohnerin zu teilen. Heute nimmt sie diese Frau kaum mehr wahr, spürt nur, dass noch jemand da ist – was sie beruhigt.

«Es ist so schön mit dir», sagt Franziska Gaugler und schlendert mit ihrer Mutter Arm in Arm durch den Park. «Dabei hatten wir es über 50 Jahre lang gar nicht so einfach zusammen, gell Mami?» Luise Gaugler stutzt: «Wir zwei? Das weiss ich gar nicht mehr.» Die Tochter verspricht, es auch gleich wieder zu vergessen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.03.2015, 10:12 Uhr

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Demenz

Im Kanton Bern leben rund 16'300 Menschen mit Demenz. Weil wir immer älter werden, geht die Alzheimervereinigung Schweiz davon aus, dass sich diese Zahl bis ins Jahr 2035 nahezu verdoppeln wird.Damit wird Demenz in Zukunft zu einer noch grösseren Herausforderung, der auch mit innovativen Projekten wie dem geplanten Demenzdorf in Wiedlisbach begegnet wird.

Demenz zeichnet sich nicht bloss durch Vergesslichkeit aus, sondern bringt immer auch eine Veränderung im Verhalten und in der Persönlichkeit der Erkrankten mit sich. Sie können verunsichert wirken, aggressiv werden oder auch liebevoller und zugänglicher.

«Eine Persönlichkeits- und Verhaltensveränderung ist oft das Erste, was die Angehörigen von einer Demenz spüren – noch bevor die Diagnose steht», sagt Verena Gygax von der Alzheimervereinigung Bern. Solche Veränderungen würden gerade von Menschen, die sich bei der Alzheimervereinigung Hilfe suchen, meistens als negativ empfunden, sagt Gygax.

Doch hört die Beraterin auch immer wieder von Angehörigen, dass durch die Demenz eine grössere Nähe zu den Erkrankten möglich wird – so wie im Fall von Luise und Franziska Gaugler (siehe Haupttext).

Vergesslichkeit, Sprachprobleme, Orientierungsschwierigkeiten, Wahrnehmungsstörungen und eben die Veränderung der Persönlichkeit können Symptome der Demenz sein. Als erste Ansprechperson für Betroffene gilt der Hausarzt. Man kann sich aber auch jederzeit an die Beratungsstellen Demenz der Alzheimervereinigung Bern wenden: Sie ist erreichbar unter der Telefonnummer 0313120410. Weitere Informationen sind unter www.alz.ch/be abrufbar. sar

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