Die Burger entrümpeln das Casino für 74 Millionen Franken

Bern

Grosse Pläne und neue Risiken: 74 Millionen Franken kostet die Total­sanierung des Berner Kultur-Casinos ab Juli 2017. Unter Starkoch Ivo Adam als Geschäftsführer will die Burgergemeinde das Prunkhaus öffnen – und mit Zürich konkurrieren.

Im Kultur-Casino besteht Erneuerungsbedarf, sowohl baulich, als auch konzeptionell.
Oliver Meier@mei_oliver

«Abwasserleitung defekt», steht auf einem Blatt, das an der Türe klebt. «Dahinter befindet sich eine Dusche», sagt Hans Traffelet und lacht. «Ein hoffnungsloser Fall. Das Abwasserrohr ist komplett verrostet und lässt sich mit vernünftigen Mitteln nicht mehr reparieren.»

Traffelet, Präsident der Casino-Kommission, steht im dritten Stock des Ostflügels, dort, wo das ehrwürdige Kultur-Casino markant an Ehrwürdigkeit einbüsst. Wie oft er wohl schon zum Rundgang lud? Traffelet weiss es nicht mehr genau. Aber es dürften mehr als zwanzig Mal gewesen sein.

Der Erklärungsbedarf ist gross – auch in der Burgergemeinde. «Es ist ein schwieriges Projekt», räumt Traffelet ein. 74 Millionen Franken soll die Totalsanierung kosten. Und die Frage, die der Burgervertreter am meisten zu hören ­bekommt, lautet: «Wozu denn? Sieht doch alles ganz gut aus.»

Toilettennot im Casino

Traffelet zeigt dann hoffnungslos verrostete Abwasserrohre. Er zeigt die überdimensionierte Küche, er zeigt das arg veraltete Lüftungssystem. Er führt durch das Foyer, wo man ohne Sonderhinweis nicht unbedingt auf die Idee käme, dass es im Casino auch ein Restaurant gibt – und wo sich Köche, Musiker und Konferenzteilnehmer zuverlässig in die Quere kommen.

Traffelet führt in den zweiten Stock, zu den Toiletten, wo viele Konzertbesucher die Pausen mit Anstehen verbringen (und mit Kaltwasser vorliebnehmen müssen). Er führt zu den Garderoben, wo die Burger lieber Getränke verkaufen würden. Und er führt durch verwinkelte Gänge, wo an allen möglichen und unmöglichen Orten Dinge vor sich hinschlummern, die irgendwie nicht dorthin gehören.

Und die Denkmalpflege?

Kurzum: Es gibt viel zu tun im Kultur-Casino, auch wenn das auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist. Allein 50 Millionen Franken kostet der aufge­laufene Unterhalt. Die Sanierung des Casinos hat etwas von einer gigantischen Entrümpelungsaktion. Doch die baulichen Eingriffe gehen zum Teil markant dar­über hinaus. Hier eine Wand weg, dort ein Stück Stuck, da noch ein Lift rein und dort ein Grossraumbüro – wo bleibt bloss die Denkmalpflege? Traffelet beruhigt. Man stehe in Kontakt.

Überhaupt: Sanierung bedeutet in diesem Fall vor allem Rückbau. Als die Burger das Gebäude mit dem herrlich überdimensionierten Dach zwischen 1907 und 1909 erbauen liessen, kamen innovative Verfahren zum Einsatz. Vor lauter Stuck und Sandstein ist kaum ersichtlich, dass das Casino ein Stahlbetonbau ist.

Auch der damals eingebaute Lüftungskamin war durchaus zukunftsträchtig – zukunftsträchtiger jedenfalls als manches, was in den Jahrzehnten hinzukam. Ganze neunzehnmal ist das Casino seit 1909 umgebaut worden, stets ohne Blick auf das Ganze, geleitet von architektonischen Moden, die sich im Rückblick als kulturhistorische Verirrungen entpuppen.

Zurück zur alten Substanz also. Entrümpeln. Entflechten. Vereinfachen – auch um die Betriebskosten zu senken. Das ist das eine. Das andere: Plötzlich ist von «Branding», von «Corporate Identity», von einem «Betrieb aus einer Hand» die Rede. Und von «nationaler Ausstrahlung» – mit der Tonhalle Zürich als Referenz. Der Mann, der die burgerlichen Ambitionen repräsentiert, heisst Ivo Adam.

Hohe Erwartungen an Adam

Seit April amtet der Seeländer Sternekoch und Gastrounternehmer als Geschäftsführer des Kultur-Casinos. Adam soll das Haus öffnen und den Kulturbereich eng mit dem Gastrobereich verzahnen. Die Erwartungen der Burger sind hoch, wirtschaftlich und was das Image betrifft.

Bis zu drei Viertel des Gesamtertrags muss Adam über die Gastronomie hereinholen – auch um das Kulturangebot querzufinanzieren. Zudem soll er ein neues, jüngeres Publikums anlocken. Auf Kosten der Klassik? Adam schüttelt den Kopf. Aber auch Kleinkunst und Comedy oder andere Kultursparten sollen im Casino künftig Platz haben – abgestimmt mit dem Gastroangebot.

Lange haben die Burger das Casino-Restaurant verpachtet. Damit ist bald Schluss. Die Burger gewinnen an Spielraum. Doch auch die wirtschaftlichen Risiken liegen nun in ihren Händen. Ob das Konzept aufgeht? Wer alles anbietet – kulturell wie kulinarisch –, schärft jedenfalls nicht unbedingt das Profil.

Adam indes strotzt vor Zuversicht. Zugleich will er den Eindruck zerstreuen, die Burger hätten extravagante Pläne. «Wir wollen kein Bling-Bling, keinen Lifestyle. Wir wollen mehr Wärme und Emotion ins Haus bringen.»

Noch ist das Konzept mitsamt Millionensanierung nicht unter Dach und Fach. Damit im Juli 2017 der zweijährige Umbau beginnen kann, muss das burgerliche Stimmvolk das Projekt im Dezember abnicken.

Berner Zeitung

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