«Die Berner Luftfahrt ist im Belpmoos gefangen»

Belp

In den letzten fast hundert Jahren liebäugelte Bern mehrmals mit einem Grossflughafen. Doch die meisten Projekte scheiterten am eigenen Widerstand, zeigt Historiker Sandro Fehr auf.

Eröffnung: Im Jahr 1929 wurde der Flugplatz im Belpmoos in Betrieb genommen.

Eröffnung: Im Jahr 1929 wurde der Flugplatz im Belpmoos in Betrieb genommen.

(Bild: zvg)

Johannes Reichen

Eine halbe Stunde lang redete Historiker Sandro Fehr am Dienstag von der Vergangenheit. Fehr hielt an der Universität Bern einen Vortrag über die Geschichte der Luftfahrt im Kanton Bern. Der Zukunft widmete er nur wenige Sätze, dann war alles gesagt. «Das Potenzial bleibt stark begrenzt», sagte Fehr zu den Zuhören. «Denn die Berner Luftfahrt ist gefangen im Belpmoos.»

Fehr hat an der Uni Bern Politologie und Geschichte studiert. Vergangenen Sommer ist seine Dissertation als Buch erschienen: «Die Erschliessung der dritten Dimension» widmet sich der Infrastruktur der Schweizer Luftfahrt von 1919 bis 1990. In seinem Vortrag an der Uni im Rahmen der Reihe «Buch am Mittag» ging er nur auf die Berner Aspekte ein.

Für Fehr steht fest, dass die Berner immer ein ambivalentes Verhältnis zum Luftverkehr hatten. «Es gab Phasen, in denen Bern eine wichtige Rolle oder gar eine Pionierrolle spielte.» Aber diese guten Zeiten hätten sich mit Krisen und Misserfolgen abgewechselt.

Widerstand in Utzenstorf

1919 ging es noch ganz gut los. Da nahm eine erste Luftpostlinie ihren Betrieb auf und verband Zürich, Bern, Lausanne und Genf. Nach einem Jahr wurde sie allerdings wieder eingestellt. In der Folge verschwand Bern von der Bildfläche, die beiden Flugfelder in Oberlindach und auf dem Beundenfeld waren ungenügend eingerichtet. Das änderte sich erst, als 1929 der Flugplatz im Belpmoos eröffnet wurde. Die Alpar trat auf den Plan, sie war damals noch Flughafengesellschaft und Fluggesellschaft in einem.

«Bern konnte schon in dieser frühen Phase nicht mehr mit dem Dreieck Zürich, Basel und Genf mithalten», sagte Fehr. Allerdings sei diese Hierarchie keineswegs in Stein gemeisselt gewesen. Denn Ende der 30er-Jahre sei der Bund bestrebt gewesen, dieses Dreieck zu zerstören. Er sei davon ausgegangen, dass die Schweiz einen interkontinentalen Flughafen für «Riesenschnellflugzeuge» bauen müsse, wenn sie den Anschluss nicht verlieren wolle. Das Berner Projekt in Utzenstorf stiess aber auf erheblichen Widerstand vor Ort, die Wahl fiel auf Zürich.

Verworfene Projekte

Die Bundesstadt sollte dennoch nicht leer ausgehen. Der Bund sah für Bern wie auch für Basel und Genf immerhin einen Kontinentalflughafen vor. «Doch die Berner hatten dafür schlicht und einfach keinen Plan», so Fehr. «Und das Belpmoos war nicht geeignet.» Die Berner Regierung plädierte in der Not für einen Ausbau des Belpmoos, bis ein neuer Standort gefunden sei. Doch die Bevölkerung verwarf das Projekt.

Es ging im gleichen Stil weiter. Die Projekte Bern-Ost (Bremgarten) 1954 und Bern-West (Rosshäusern) 1969 scheiterten ebenso wie das Grossprojekt im Grossen Moos 1972. Auch zwei Ausbauprojekte fürs Belpmoos wurden 1980 und 1983 verworfen. Der Widerstand war zu gross. «Zahle mir z’Bärn für Abgas und Lärm?», fragten sich die Gegner.

Zwar ist Bern-Belp mittlerweile der grösste Regionalflughafen der Schweiz. «Und immerhin konnte der heutige Standort etwas stärker ausgebaut werden als früher vermutet», sagte der Historiker. Dennoch spiele er eine kleine Rolle in der Schweizer Luftfahrt.

Das müsste nicht sein. Wie Sandro Fehr aufzeigte, hätten es die Berner mehrmals in der Hand gehabt, in einer höhere Liga zu spielen. Doch sie wollten es nicht, und so bleiben sie «gefangen im Belpmoos».

Das Buch. Sandro Fehr: «Die Erschliessung der dritten Dimension», 58 Franken, Chronos-Verlag.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt