Die BLS zeigt den SBB, wie es ginge

Bern

Die BLS testet eine App, mit der man in den Zug einsteigen kann, ohne vorher ein Ticket zu lösen. Das System berechnet automatisch den günstigsten Preis. Dies schweizweit umzusetzen, sei jedoch schwierig.

Adrian Mäder, Digitalleiter der BLS, erklärt, wie die neue App funktioniert. Video: Claudia Salzmann
Mirjam Comtesse

Adrian Mäder, Projektleiter digitale Geschäftsmodelle beim Bahnunternehmen BLS, steht auf dem Perron 1 am Bahnhof Bern. Er öffnet die BLS-App auf seinem Handy, drückt auf den «Start»-Knopf und steigt in den Zug nach Bümpliz-Süd ein. «Die App funktioniert über den eingebauten Ortungsdienst und ist mit dem Fahrplan gekoppelt», erklärt Mäder. Weil der Ortungsdienst auf WLAN, Mobilfunknetz und GPS zurückgreift, gibt es kaum Funklöcher.

Im gesamten Libero-Verbund

Rund 100 Personen, davon 40 gewöhnliche Bahnfahrer, testen zurzeit in einem Feldversuch die neue App. Sie erlaubt es, im regionalen Libero-Verbund unterwegs zu sein, ohne sich Gedanken darüber zu machen, welches Billett man lösen muss. Am Schluss der Fahrt tippt der Reisende einfach auf den «Ende»-Knopf. Automatisch zeigt das System auf der App den günstigsten Fahrpreis an.

Bislang funktioniert das Zahlen über die Kreditkarte. «Wir überlegen uns, in einem späteren Stadium mit elektronischen Zahlungssystemen wie Twint oder Paymit zu arbeiten», sagt Mäder. Denn so könnten Eltern ihren Kindern per Handy Geld für den Ticketkauf übermitteln.

Schwarzfahren kaum möglich

Als Niederwangen auf dem Handybildschirm erscheint, verlassen wir den Zug und steigen auf den Bus 29 um. Wir sind in keine Kontrolle geraten. «Auch das wäre kein Problem. Sie würde gleich ablaufen wie heute bei mobilen Billetts auf dem Smartphone», erklärt der Projektleiter. Ein Wisch genügt, um dem Kon­trolleur die Fahrkarte zu zeigen.

Könnte man theoretisch ohne Billett unterwegs sein und erst im letzten Moment den «Start»-Button drücken? Das Schwarzfahren sei schwierig, sagt Adrian Mäder: «Eine Uhr läuft mit. Der Kontrolleur erkennt, vor wie langer Zeit man auf ‹Start› geklickt hat.» Längerfristig, so eine mögliche Idee, könnte das System über den Bewegungssensor im Smartphone registrieren, wie schnell sich der Benutzer fortbewegt. So würde es merken, ob man sich in einem Zug befindet, der bereits fährt. «Start» anzuwählen, wäre dann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich.

ÖV-Branche ist zurückhaltend

Wir sind bis zur Gurtenbahn-Station weitergefahren und steigen nun aus. Mit dem Zug geht es zurück zum Bahnhof Bern. Auf der Fahrt erzählt Mäder, das Pilotprojekt dauere noch bis Mitte März. «Wenn die erste Testphase erfolgreich verläuft, machen wir uns Gedanken, ob wir mit anderen Partnern kooperieren könnten.» Am naheliegendsten wäre, sich mit den SBB zusammenzuschliessen.

Was sagen diese zum Pilotprojekt? Man wolle sich nicht dazu äussern, heisst es auf Anfrage. Die SBB verweisen auf den Branchenverband VÖV. Dieser ist auch der Herausgeber des Swiss Pass, den die Bahnen als ersten Schritt hin zu einem elektronischen Ticketing-System anpreisen. Allerdings sind seine Funktionen im Vergleich zur BLS-App bescheiden. Der Swiss Pass dient bislang vor allem als Ersatz für ein Generalabonnement oder ein Halbtax-Abo, das die Zugbegleiter dank Chipkarte elektronisch einlesen können. Zudem ermöglicht er Zugang zu Partnerdiensten wie Mobility und zu Skige­bieten.

Der Verband öffentlicher Verkehr ist skeptisch, ob das Pilotprojekt der BLS alltagstauglich wäre. «Es handelt sich erst um einen Versuch», sagt der Sprecher Roger Baumann. «In der Schweiz reisen 1,5 Millionen Menschen mit dem öffentlichen Verkehr. Wenn wir ein elektronisches Ticketing-System einführen wollen, muss das hundertprozentig funktionieren.»

Heikler Punkt: Datenschutz

Baumann fügt an, dass die neue App ein Bewegungsprofil der Benutzer erstelle. Obwohl der Swiss Pass ohne Bewegungsprofil funktioniere, werde bereits bei diesem immer wieder kritisiert, er ermögliche zu viele Informationen über die Bahnkunden.

BLS-Projektleiter Adrian Mäder erwidert, man halte sich strikt an die Richtlinien des Schweizer Datenschutzes und speichere keine sensiblen Daten. Dass die BLS ein eigenes System teste, sei kein Misstrauensvotum gegen den Swiss Pass, sagt er. Man wolle einfach neue Funktionen für die Kunden ausprobieren. Davon profitierten letzten Endes alle.

Wir sind wieder am Bahnhof Bern angekommen. Auf dem Smartphone des Projektleiters sind alle Stationen zu sehen, an denen wir aus- und umgestiegen sind. Der Preis für die einstündige Fahrt beträgt 2.80 Franken. Allerdings kann sich diese Summe noch ändern: Das System erfasst während 24 Stunden alle Fahrten bis zum nächsten Morgen um fünf Uhr. Dann berechnet es jeweils auch, ob eine Tageskarte günstiger wäre als die einzelnen Fahrten zusammengerechnet.

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