«Die AKW-Abschaltung reduziert BKW-Gewinn um 120 Millionen»

Die Befürworter der Initiative «Mühleberg vom Netz» argumentieren, die Abschaltung des AKW lohne sich finanziell. Dem widerspricht die BKW-Chefin Suzanne Thoma: Mit dem AKW liege der BKW-Jahresgewinn 120 Millionen höher als ohne es, sagt sie.

BKW-Chefin Suzanne Thoma warnt vor einer Annahme der Initiative.

BKW-Chefin Suzanne Thoma warnt vor einer Annahme der Initiative. Bild: Andreas Blatter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Suzanne Thoma, als BKW-Chefin tragen Sie eine Mitverantwortung für die Sicherheit des AKW Mühleberg. Schlafen Sie ruhig?
Suzanne Thoma: Ich wohne in der Stadt Bern und somit auch in der Nähe von Mühleberg. Und ja, ich schlafe bestens.

Sie vertrauen also den Einschätzungen der Nuklearsicherheitsfachleute?
Es ist nicht nur eine Frage des Vertrauens, sondern vielmehr eine Frage des Wissens. Ich vertraue unseren Führungskräften, die im Kernkraftwerk Mühleberg arbeiten. Ich weiss, wer die Sicherheit kontrolliert und wie die entsprechenden sicherheitstechnischen Prozesse aussehen. In der Konzernleitung verantwortet der Chef des Geschäftsbereichs Produktion die Belange des Kernkraftwerks. In der Fachsprache nennt man diese Funktion «nuklearer CEO». Zudem gibt es übergeordnet das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi), das die Sicherheit des Kernkraftwerks Mühleberg beurteilt, sowie die IAEA, die Internationale Atomenergie-Agentur. Sie sehen, das Sicherheitsthema ist sehr breit abgestützt.

AKW-Kritiker betonen, die letzten Jahre eines Kernkraftwerks seien die gefährlichsten.
Diese Aussage ist falsch. Bis zum Ende der Laufzeit einer Anlage wird viel Geld in Nachrüstmassnahmen und in die Sicherheit investiert. Für Mühleberg ist die wirkungsvollste Massnahme die Verstärkung des Wohlensee-Staudamms. Diese Massnahme steht jetzt kurz vor dem Abschluss. Bis 2019 werden wir zusätzlich noch die Kühlwasserversorgung sowie die Kühlung des Brennelement-Lagerbeckens weiter verbessern und ausserdem die Robustheit im Reaktorgebäude erhöhen
.

Trotzdem verlangt das Ensi von der BKW weitere Nachrüstungen. Doch die BKW verhandelt mit dem Ensi hinter verschlossenen Türen über die Sicherheit.
Das Ensi würde nie mit uns über die Sicherheit der Anlage verhandeln. Und auch wir selber gehen bei diesem Thema keine Kompromisse ein. Wir sind momentan daran, unser Nachrüstkonzept auszuarbeiten, das wir dem Ensi demnächst unterbreiten werden.

Man konnte auch schon die Schlagzeile lesen, das Ensi komme der BKW in Sachen Mühleberg entgegen.
Solche Schlagzeilen entsprechen nicht der Wahrheit. Das Ensi ist eine strenge Aufsichtsbehörde. Unsere Pläne für die Nachrüstmassnahmen sind sehr solid und fundiert. Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Rahmen die Anlage bis ins Jahr 2019 weiterbetreiben dürfen, danach wird sie vom Netz genommen.

Berner AKW-Gegner bezweifeln, dass die BKW diesen Beschluss wirklich durchziehen wird.
Ich kann mich an dieser Stelle nur wiederholen: Wir nehmen das Kernkraftwerk Mühleberg 2019 definitiv vom Netz. Derzeit gleisen wir den Stilllegungsprozess auf. Wir haben kürzlich Philipp Hänggi als Leiter für den Rückbau engagiert. Das ganze Unternehmen spurt in Richtung Betriebsende 2019 ein. Aber wenn uns jemand bösen Willen unterstellen will, sind wir dagegen machtlos.

Am 18.Mai stimmt das Volk über das sofortige Ende des AKW Mühleberg ab. Weshalb hält die BKW eisern am Abschalttermin 2019 fest?
Weil die BKW ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen ist und weil es für die Aktionäre um viel Geld geht. Die BKW nimmt in der Schweiz bei der Stilllegung eines Kernkraftwerks eine Pionierrolle ein: Wir schalten Mühleberg lange vor den anderen Schweizer Kernkraftwerken ab. Die nächste Anlage geht aus heutiger Sicht frühestens in fünfzehn Jahren vom Netz. Die Betreiber werden beim Rückbau von unseren Erfahrungen profitieren können. Die BKW geht diesen Weg mit viel Engagement und Know-how, es wäre schön, wenn uns dafür auch Vertrauen entgegengebracht würde.

Welche Summen stehen auf dem Spiel?
Unsere Schätzungen bezüglich einer allfälligen Klagesumme liegen bei einer halben Milliarde Schweizer Franken. Ohne Mühleberg würden der BKW 150 Millionen Franken Umsatz pro Jahr fehlen, während die Betriebskosten bis auf einen kleinen Teil bis 2019 weiterlaufen würden. Eine Ausserbetriebnahme vor 2019 würde das Unternehmen auch sonst schädigen. Der Umbau der BKW zu erneuerbarer Produktion und die Entwicklung neuer Geschäftsfelder würde behindert werden. Die Aktionäre könnten gegen den Verwaltungsrat der BKW auf Schadenersatz klagen. Bezahlen müsste dies am Ende vermutlich der Kanton Bern, das heisst letztlich die Steuerzahler.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko einer Klage ein?
Ich gehe davon aus, dass es in jedem Fall zu einer solchen Schadenersatzklage käme, müssten wir Mühleberg aufgrund der Initiative vorzeitig abschalten.

Was macht Sie da so sicher?
Wir stehen mit unseren Aktionären in Kontakt und tauschen uns auch aus. Nebst dem direkt berechenbaren finanziellen Schaden hätte die BKW bei einem sofortigen Aus zudem ein weiteres gewichtiges Problem – nämlich ein Führungsproblem.

Wie meinen Sie das?
Unsere aktuellen Verwaltungsräte wären kaum bereit, Mühleberg sofort vom Netz zu nehmen, falls die Initiative angenommen wird. Der Kanton als Mehrheitsaktionär müsste zuerst den Verwaltungsrat auswechseln und die freien Sitze neu besetzen. Anschliessend würden wir uns in einer Situation befinden, in der wir ein oberstes Gremium hätten, das vorwiegend die Aufgabe hätte, das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz zu nehmen. Das würde besondere Herausforderungen für die strategische Führung des Unternehmens bedeuten. Es würde auf seinem Weg zur führenden Energiedienstleisterin der Schweiz gebremst werden.

Stimmt es, dass der Strom in Mühleberg teurer produziert wird, als er sich verkaufen lässt?
Das stimmt so nicht. Im Zusammenhang mit einem frühzeitigen Abstellen spielen nur die variablen Kosten eine Rolle, das heisst die Kosten, die wegfielen, wenn wir vorzeitig abstellen würden. Diese fallen leider kaum ins Gewicht. Die hohen Kosten sind die Fixkosten, und die bleiben, ob wir produzieren oder nicht.

Heisst das, dass das AKW jährlich einen Verlust einfährt? Wenn ja, wie hoch ist dieser?
Nein, ein Strom produzierendes Mühleberg liefert im Vergleich zu einem stillstehenden Mühleberg einen Beitrag von rund 120 Millionen Franken pro Jahr zum Konzernergebnis.

Was spricht finanziell dafür, das AKW bis 2019 weiterlaufen zu lassen?
Mühleberg ist rentabel. Durch eine frühzeitige Abschaltung könnten wir gerade mal zwischen 20 und 30 Millionen Franken pro Jahr einsparen. Der Löwenanteil der Fixkosten fällt auch nach der Abschaltung des Reaktors weiterhin an. Wir können die Anlage ja nicht sofort zurückbauen. Dazu braucht es von den Behörden zuerst eine Stilllegungsverfügung. Zurzeit sind wir daran, das Stilllegungskonzept zu erarbeiten. Nach der Einreichung wird die Aufsichtsbehörde eine gewisse Zeit brauchen, dieses zu analysieren und die Stilllegungsverfügung auszustellen. Insgesamt kann dieser Prozess gut und gerne bis zu fünf Jahre dauern. In dieser Zeit können und wollen wir nicht auf die Einnahmen aus dem Werk verzichten.

Auf der anderen Seite der Rechnung erhöhen sich die Kosten für die bevorstehende AKW-Stilllegung mit jedem Betriebsjahr.
Nein, die Stilllegung selber wird nicht teurer. Der Punkt ist, dass wir so oder so mit der Stilllegung erst 2019 werden beginnen können. Die BKW und die zuständigen Behörden brauchen die nächsten Jahre, um eine sichere und gesetzeskonforme Ausserbetriebnahme der Anlage gewährleisten zu können.

Trotzdem hat das Stimmvolk am Ende recht.
Das Stimmvolk hat immer recht und trägt damit auch eine grosse Verantwortung. Bei Annahme der Initiative würde das Stimmvolk beziehungsweise der Steuerzahler auch die finanzielle Verantwortung tragen, das heisst den Schaden bezahlen.

Was würde das für Sie persönlich bedeuten?
Eine Annahme der Initiative würde mich enttäuschen. Ich habe mich für den Entscheid persönlich exponiert, das Kernkraftwerk im Jahr 2019 vom Netz zu nehmen. Ich tat dies, weil ich zur Überzeugung gelangt war, dass es für die BKW, für den Kanton Bern, für Mitarbeitende und Aktionäre der richtige Weg in die Zukunft ist. Ich baue darauf, dass das Stimmvolk die Pionierrolle, die die BKW in der Schweiz einnimmt, honoriert und uns bis 2019 Zeit lässt, um die Stilllegung seriös vorzubereiten. Eine seriöse Vorbereitung ist die beste Garantie, dass die Stilllegung in sicherer, wirtschaftlicher und partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit allen Beteiligten durchgeführt werden kann.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 19.04.2014, 11:21 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kampf um das Ende des AKW

Die Initianten von Mühleberg vom Netz fordern das sofortige Aus des AKW. Die BKW aber will das Werk weitere fünf Jahre betreiben, weil der Kanton Bern sonst Schadenersatzklagen von über 100 Millionen Franken riskiert. Mehr...

Ensi unterliegt gegen zwei Mühleberg-Anwohner

Mühleberg Bewohner der Umgebung von Kernkraftwerken können Entscheide des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) anfechten. Diesen Grundlagenentscheid hat das Bundesgericht am Freitag gefällt. Mehr...

«Frühes AKW-Ende kostet Millionen»

Bürgerliche Grossräte wehren sich gegen das sofortige Ende des AKW Mühleberg. Man solle der BKW die gewünschte Zeit zur Stilllegung bis 2019 gewähren. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Blogs

In der Katastrophenlücke

Gartenblog Bastelanleitung für einen Blumenbogen

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Waagrechtstart: An den Festlichkeiten des St. Juliantag in Malta, springt ein Wettkämpfer von einem rutschigen Pfahl und schnappt sich die Fahne über dem Wasser. (20.August 2017)
(Bild: Darrin Zammit Lupi ) Mehr...