Bern

Dialekte der Schweiz aus 100 Jahren

BernIn der Nationalbibliothek können 40 Schweizer Dialekte aus über 100 Jahren gehört werden. Die älteste Stimme wurde 1913 aufgenommen.

In diesem Raum sind historische und aktuelle Stimmen aus der Schweiz zu hören. Die Ausstellung «Sapperlot» widmet sich den Mundarten.

In diesem Raum sind historische und aktuelle Stimmen aus der Schweiz zu hören. Die Ausstellung «Sapperlot» widmet sich den Mundarten. Bild: zvg

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Der Boden des Ausstellungsraumes ist als Flachrelief der Schweiz gestaltet. An der Decke hängen Lautsprecher, aus denen 40 Schweizer Dialekte zu hören sind. In Vitrinen liegen regionale und nationale Wörterbücher, und auf einem Tisch stehen ein Dutzend Tonträger, vom über 100-jährigen Phonographen bis hin zum modernen Digitalrekorder.

Die Ausstellung «Sapperlot» in der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) ist den Schweizer Mundarten gewidmet. «Die Basis der Ausstellung bildet die einzigartige Sammlung historischer Tondokumente des Phonogrammarchivs der Universität Zürich», erklärte NB-Direktorin Marie-Christine Doffey an der gestrigen Medienorientierung. Dieses Archiv besitzt Tonaufnahmen ab 1909.

Eine Stimme von 1913

Die älteste Stimme in der Ausstellung stammt von Emilio Zanini aus Cavergno. Der Tessiner Lehrer erzählt die Parabel vom verlorenen Sohn, sie wurde 1913 mit einem Phonographen aufgezeichnet. Zu hören sind nicht nur historische, sondern auch aktuelle Dialekte aus allen Regionen der Schweiz, etwa der Freiburger Ständerat Urs Schwaller oder die Aargauer Bundesrätin Doris Leuthard.

Auch Literaten kommen in ihrem Dialekt zu Wort, unter anderem: Pedro Lenz mit einem Slam, Hendri Spescha und Clo Duri Bezzola mit Gedichten sowie Franz Hohler mit seinem «Totemügerli». Vertreten sind auch Jugendliche mit ihrem Ethnolekt sowie seltene oder ausgestorbene Dialekte wie das Surbtaler Jiddisch. 1961 unterhielten sich in dieser Mundart zwei Pferdehändler namens Jakob Guggi und Henri Guggenheim. Wer ihnen in der Nationalbibliothek zuhört, versteht kein Wort.

Als die Schweizer Juden zu Beginn des 17.Jahrhunderts aus den Städten vertrieben wurden, durften sie sich nur in den aargauischen Surbtaler Gemeinden Lengnau und Endingen niederlassen, wo sie einen eigenen Dialekt entwickelten. Aus Endingen stammen berühmte Persönlichkeiten wie jene Guggenheims, die später Museen gründeten, oder der US-Filmregisseur William Wyler, der ein Schweizer war. Heimatberechtigt in Endingen ist auch Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss, die den ausgestorbenen Dialekt aber nie gesprochen hat. «Meine Familie verliess das Surbtal, als es möglich geworden war, Ende des 19.Jahrhunderts», sagt sie, «sie sprachen aber nie Surbtaler Jiddisch.»

Dialekt im Studio aufnehmen

«Mit der Ausstellung wollen wir einen Diskussionsbeitrag zur Bedeutung und zur Kontroverse der Dialekte leisten», sagte NB-Direktorin Marie-Christine Doffey. Weltweit gebe es rund 6000 Sprachen, jede zweite sei gefährdet. «Die Unesco sagt, dass alle zwei Wochen eine Sprache stirbt.» Auch die Patois in der Westschweiz seien auf dem Rückzug. Demgegenüber hätten die Dialekte im Tessin und in Graubünden ihre Vielfalt bewahren können.

Besucherinnen und Besucher der Ausstellung können selbst einen Beitrag zur Mundartforschung leisten. In zwei Tonstudios wird ihr Dialekt aufgenommen und später von der Universität Zürich ausgewertet. Dieses Angebot ist auch via Internet möglich: www.stimmen.uzh.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.03.2012, 07:00 Uhr

Daten

Ausstellung «Sapperlot» in der Nationalbibliothek, vom 7.März bis 25.August, Eintritt frei. Parallel laufen zahlreiche Rahmenveranstaltungen. www.nb.admin.ch

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