Bern

Der verschlungene Weg von Kandinskys «Drei Klängen»

BernIn einer Geheimaktion vermittelte der Berner Kunsthändler August Klipstein 1939 mit Hildebrand Gurlitt mehrere Kandinsky-Gemälde in die USA, die von den Nazis als «entartet» beschlagnahmt worden waren.

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Gleich vier berühmte Kandinsky-Gemälde aus dem New Yorker Guggenheim-Museum sind bis Ende September im Zentrum Paul Klee ausgestellt. Was kaum jemand weiss: Eines davon wäre ohne namhafte Berner Beteiligung gar nicht erst nach Amerika gekommen.

«Drei Klänge» heisst das Werk, entstanden 1926. Als «Geschenk» sei es in die Guggenheim-Sammlung gelangt – so wird es heute kommuniziert, auch in der aktuellen Berner Ausstellung.

Doch damit vernebeln die Museen die Geschichte des Gemäldes. Es ist eine beispielhafte Geschichte, die nur teilweise aufgearbeitet worden ist. Sie steht für das Schicksal moderner Werke, die in den Dreissigerjahren von den Nazis als «entartet» verunglimpft wurden. Und sie deutet an, dass Bern bei der Verwertung von «entarteter Kunst» eine Rolle spielte, die bis heute praktisch unbekannt geblieben ist.

Rund 20'000 Werke wurden in Deutschlands düsteren Jahren aus Museen beschlagnahmt. Fast die Hälfte davon wurde dazu verkauft oder getauscht, Devisen für die Kriegskasse zu generieren.

Von Kandinsky waren knapp sechzig Werke betroffen, darunter zehn Gemälde. «Drei Klänge» zum Beispiel hing bis 1937 in der Gemäldegalerie in Dessau, wo Kandinsky und Klee zeitweilig als Bauhaus-Lehrer tätig waren.

Kornfelds Vorgänger in Bern

Berühmt-berüchtigt ist die Auktion bei Theodor Fischer in Luzern 1939, bei der 125 beschlagnahmte Bilder unter den Hammer kamen. Bereits im Jahr zuvor aber war ein Berner Kunsthändler in die Verwertung von «entarteter Kunst» involviert: Der Kunsthändler und Auktionator August Klipstein, der Vorgänger von Eberhard W. Kornfeld.

Im Sommer 1938 kursierte unter Kunsthändlern eine erste Liste mit 500 konfiszierten Werken aus deutschen Museen. Zur selben Zeit war die deutsche Emigrantin Hilla von Rebay auf der Suche nach passenden Bildern für ein neues Museum, das der Industrielle Solomon R. Guggenheim in New York eröffnen wollte – das heutige Guggenheim-Museum.

1938 kauft Guggenheim bei Klipstein ein erstes Kandinsky-Gemälde (Studie für «Landschaft mit Turm»). Monate danach setzt Klipstein nach. Und er engagiert dafür einen Verbindungsmann: Otto Nebel, Maler und Dichter, der Deutschland als verfemter Künstler 1933 verlassen hat.

Nebel ist wie Paul Klee in die Schweiz emigriert, nach Bern. Und er ist bestens bekannt mit Hilla von Rebay, Guggenheims Kuratorin. Im August 1938 wendet sich Nebel im Namen Klipsteins an Rebay, bietet ihr konkrete Bilder aus dem Bestand der konfiszierten Werke an.

Damit begünstigt er einen Handel, den er selber eigentlich ablehnt: Hier würden Kunstwerke in Waffen verwandelt, schreibt Nebel. Und er schreibt auch: «Weder Ihr noch mein Name sollten in dieser Angelegenheit erwähnt werden, falls die Foundation an diesen Bildern interessiert sein sollte.»

Die US-Kunsthistorikerin Laurie Stein-Pyritz zitiert Nebels Brief in einer unveröffentlichten Studie, erstellt für die Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg.

Gurlitts Gewinne

Der Deal kommt 1939 zustande, vermittelt durch Klipstein, Nebel und Hildebrand Gurlitt, einem der vier offiziellen Kunstverwerter im Auftrag der Nationalsozialisten. Gurlitt hat insgesamt sechzehn Kandinsky-Werke von den Nazis erworben, um sie zu veräussern. Sechs Gemälde gelangen schliesslich im Februar 1939 via Klipstein zu Guggenheim, der sie formal seiner Stiftung schenkt.

Weitere Informationen zur Herkunft bietet das Guggenheim-Museum bis heute nicht, weder vor Ort noch im Internet. Es ist eines von vielen Beispielen, wie defensiv Museen bis heute in der Kommunikation agieren, wenn es um die Herkunftsgeschichte einschlägiger Werke geht.

Wie aber ist der Kandinsky-Deal einzuschätzen? Ein zwiespältiger Fall: Einerseits werden die Kandinskys durch den Verkauf nach Amerika in gewisser Weise gerettet. Andererseits profitieren sowohl Gurlitt als auch Klipstein (und wohl auch Nebel) finanziell davon.

Je 200 Franken hat Gurlitt dem Nazi-Regime für die Kandinsky-Gemälde bezahlt. Der Gesamterlös für den Verkauf an Guggenheim beträgt 20'000 Franken. 1000 Franken fliessen als Provision an die Berner Vermittler. Im Archiv des Guggenheim-Museums finden sich die Belege dafür.

Noch einmal, viele Jahre später, wird in Bern ein Kandinsky-Werk aus dem Gurlitt-Bestand verkauft: Das Aquarell «Abschluss», einst im Museum Moritzburg in Halle als «entartet» beschlagnahmt. 1982 kommt es in der Galerie Kornfeld für 70'000 Franken unter den Hammer, eingeliefert von Cornelius Gurlitt. Dessen Vater hatte es vom Nazi-Regime für 20 Franken erworben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.06.2015, 11:41 Uhr

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