Der missglückte Pressespiegel

Wie berichtet die internationale Presse über die Aare? Weniger als gedacht.

Andere Medien fernab von Bern produzieren über die Aare vor allem Stoff nahe an der Verklärung unserer Badekultur.

Andere Medien fernab von Bern produzieren über die Aare vor allem Stoff nahe an der Verklärung unserer Badekultur.

(Bild: Andreas Blatter)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Dieser Text handelt vom Scheitern und ein wenig von der Aare. Aber vor allem vom Scheitern, also meinem persönlichen. An dieser Stelle sollte ich Ihnen etwas über die internationale Medienpräsenz der Aare erzählen. Und bitte glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage: Ich war bemüht, wirklich. Aber gefunden habe ich eigentlich … Ach, lesen Sie selbst!

Damit Sie verstehen, wieso dieser Text hier steht, müssen Sie etwas über die Herbstferien wissen. Gefühlt lag das halbe Land in den letzten Wochen irgendwo an der Sonne oder wanderte durch die Berge. Wir von der Zeitung aber blieben hier, wir liefern Ihnen täglich Stoff. Klar, das ist derzeit viel Wahlkampf, aber das ist uns bewusst. Darum rückt die Redaktion die Aare in den Fokus: Abwechslung. Die Kolleginnen und Kollegen produzieren laufend Texte über die Lebensader, das Naherholungsgebiet, die Todeszone. Kurz: eine schöne Serie, journalistische Qualitätsarbeit. Nun war es an mir.

Kreuzworträtselrecherche

Die Sache hörte sich einfach an: «Wir wollen den Blick von aussen», sagten sie, «einen Pressespiegel.» Vielleicht gab man mir den Auftrag, weil ich im Aaretal aufgewachsen bin, keine fünf Minuten von der Uttiger Welle. Ich habe Hochwasser miterlebt und Ambulanzeinsätze am Ufer. Einer meiner besten Freunde geriet unterhalb der Schwelle mal in einen Strudel. Er liess sich an den Grund ziehen und kam raus. Heute lachen wir darüber, lustig war es aber eigentlich nicht. Sie sehen: Ich verbinde etwas mit diesem Fluss, viele Erinnerungen und so etwas wie Heimat – lauter Gefühle, die man leicht mit Gewissheiten verwechselt. Alles sehr ichbezogen. Höchste Zeit, die Optik zu wechseln, meine Welt zu erschüttern.

Also auf zur «New York Times». Wenn irgendwer den Lokalkolorit zerbröselt und die Wahrheit darunter freilegt, dann die selbst ernannte Beschützerin des kritischen Journalismus. Da gab es Reiseberichte über Bern («Why go now?») und Texte über hippe Leute in der Matte («The man with pink hair»). Im digitalen Archiv stiess ich auf einen Artikel vom 15. Mai 1955, der Motellerieboom hatte Interlaken erreicht. Die Aare aber war eine Randnotiz. Ab und an schafft sie es offenbar ins legendäre Kreuzworträtsel des Blattes. Sogar regelmässig genug, dass sie in den «New York Times Guide to Essential Knowledge» aufgenommen wurde – in den Leitfaden der Dinge, die der moderne Mensch wissen könnte und vielleicht auch sollte.

«Pah, die ‹Times›!», mögen Sie sich sagen. Dachte ich mir irgendwann auch. Also schaute bei der «Washington Post» vorbei. Und tatsächlich: Der Kolumnist John Kelly war in Bern, machte das Marzili zum Thema und sogar die Aare. Sein Fazit: ein nicht ganz ernst gemeinter Gedanke, wonach die politische Stabilität der Schweiz daher rühre, dass Spitzenbeamte, Politikerinnen, all die Machtmenschen im Sommer halb nackt auf der Wiese unter dem Bundeshaus liegen und sich zusammen im Fluss treiben lassen. Er fragte: «Wäre das etwas für Washington D.C.?»

Kloakenschwimmen

Nun habe ich es mir nicht so leicht gemacht und mich nur beim US-Mainstream bedient. Ich ging ohne Scheuklappen an die Sache ran! Suchte selbst in der «China Daily» nach Aarestücken. Doch auch die beschränkte sich auf eine Bildstrecke mit badenden Menschen. Überhaupt ging es eigentlich überall nur ums Baden.

In der «Süddeutschen» («Das Aarewasser stammt aus dem Gletscher und ist dementsprechend kühl»), im «Guardian» («Europe’s swimming capital») und vielleicht auch bei «Le Monde» (aber der Link war tot). Leise Kontroverse in den Kommentarspalten des «Spiegel», wo ein Leser die Aare immerhin als «Kloake» bezeichnete. Wirklich fundiert fand ich aber auch das nicht. Hätte der Herr mal die BZ gelesen, wüsste er: Ein Schluck ist absolut unbedenklich.

Dann habe ich resigniert, ich gebs zu. Eine Recherche gibt nur her, was der Redaktor taugt. Aber so ein Scheitern hat auch seine guten Seiten. Man wächst daran. Ich nehme aus der Sache zwei Dinge mit: Über die Aare produzieren sie auch fernab von Bern viel Stoff nahe an der Verklärung unserer tatsächlich tollen Badekultur. Nochmals Kelly: «Sie springen in den kalten, schnell fliessenden, schneegefütterten Fluss.» Und richtig wichtig ist sie eigentlich nur in Bern.

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