Der gute Verdienst lockt die Roma in die Schweiz

Die Roma und Sinti reisen nicht ohne Grund Sommer für Sommer in Scharen in die Schweiz ein: Die ausländischen Fahrenden, die bei den Ansässigen für so viel Ärger sorgen, verdienen hier viel besser als in ihrer Heimat.

Das Camp bei Wileroltigen: Ausländische Fahrende verdienen in der Schweiz viel besser als in ihrer Heimat. Das lockt sie an.

Das Camp bei Wileroltigen: Ausländische Fahrende verdienen in der Schweiz viel besser als in ihrer Heimat. Das lockt sie an. Bild: Keystone

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In einem Punkt sind sich alle einig: Die Schweiz ist für ausländische Fahrende ein attraktiver Ort für einen Halt. Zu gut ist hier der Verdienst im Vergleich zum Ausland. «In Österreich kann man für die gleichen handwerklichen Arbeiten nur halb so viel verlangen wie in der Schweiz», sagt Andreas Geringer, selber Fahrender und Mediator beim Verband Sinti und Roma Schweiz.

Wahrscheinlich liegt just darin der Grund dafür, dass im Moment so viele Wohnwagen mit ausländischen Kennzeichen unterwegs sind, die nicht Touristen gehören. Allein in den zurückliegenden gut anderthalb Monaten sorgten im Grossraum Bern zwei Camps für Aufsehen.

Erst vor Wochenfrist nahm eine Sippe mit 30 Fahrzeugen in Vechigen ein Feld in Beschlag. Schon Anfang Juni war Ähnliches auf dem Autobahnrastplatz Wileroltigen passiert. Als das Bundesamt für Strassen Druck machte, wichen die Fahrenden auf ein benachbartes Feld aus. Es gehört ebenfalls dem Bund, liegt aber aus­serhalb der Gefahrenzone der Autobahn. Die zeitweise bis zu 500 Franzosen und Spanier können daher nicht einfach so weggewiesen werden.

In Wellenbewegungen

Die Schlagzeilen sind keine Premiere. Schon im letzten Sommer kam es mehrfach zu Spannungen zwischen den fremden Gästen und der ansässigen Bevölkerung. In Radelfingen bei Aarberg genauso wie in Laupen, mal traten sie arrogant auf, mal missbrauchten sie die Landschaft als Freilufttoilette.

Derart sensibilisiert, fragte sich so mancher, als es mit Beginn der diesjährigen Reisesaison wieder losging: Ob die ausländischen Fahrenden nicht immer mehr werden? Weil das Lohnniveau in der Schweiz eben so hoch ist, dass das in kurzer Zeit verdiente Geld im weit günstigeren Ausland für eine längere Zeit locker ausreicht?

Andreas Geringer als Vertreter der Sinti und Roma, die den Hauptharst der ausländischen Fahrenden stellen, gibt nicht direkt Antwort. Er sagt nur, dass von April bis September jeweils 500 bis 800, in den Spitzenzeiten gar 1500 ausländische Wohnwagen gleichzeitig in der Schweiz unterwegs sind. Gleichzeitig relativiert er: In der Schweiz seien die Verdienstmöglichkeiten zwar attraktiv, aber es sei auch schwieriger, an Aufträge zu kommen.

Ohnehin liegt ihm viel daran, den Zuzug zu relativieren: Die Situation bei den Fahrenden entspreche dem generellen Trend: Mit der europaweiten Freizügigkeit sei der Anteil ausländischer Ar­beitnehmer auch bei den Ansässigen markant gestiegen.

Genauere Hinweise geben Zahlen des Statthalteramts Bern-Mittelland. Es stellt die Gewerbebewilligungen für die Fahrenden aus – schwergewichtig und kantonsweit zentral für jene, die aus dem Ausland anreisen. Im Jahr 2010 tat es dies gegen 300-mal, 2011 und 2012 sogar gegen 500-mal. Nach einem Rückgang auf weit unter 300 Bewilligungen im Jahr 2013 stieg die Zahl bis 2015 wieder auf knapp 400 an, um im letzten Jahr auf unter 230 zu fallen. Im laufenden Jahr waren es bis gestern Freitag schon wieder 380.

Schlecht fürs Geschäft

Dieser wellenartige Verlauf deckt sich zumindest in Teilen mit dem, was die Jenischen beobachten. Die Fahrenden mit Wurzeln in der Schweiz grenzen sich klar ab von der Kultur der ausländischen Sinti und Roma und fühlen sich von ihrem Auftreten bedrängt. Das wurde schon klar, als diese Zeitung Ende Juni eine Woche bei Claude Gerzner und seiner Familie zu Besuch weilte: «Sie machen viel kaputt», liess sich Gerzner, der zu den Köpfen der Jenischen-Bewegung gehört, damals zitieren.

Nicht allein der allgemeinen Verärgerung wegen, die sofort auf die Jenischen zurückschlägt. Die ausländischen Fahrenden stellen auch wirtschaftlich eine Konkurrenz dar, wie Gerzner nun unumwunden zu Protokoll gibt. Für ihn mache es zurzeit gar keinen Sinn, im Raum Wileroltigen auf Hausierertour zu gehen. Die Leute dort seien in der aktuellen Situation kaum bereit, von einem Fahrenden Ware zu kaufen.

«Dass sehr viele Roma da sind, spüren wir an der Haustür jeden Tag. Sie sind schlecht fürs Geschäft.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.07.2017, 07:37 Uhr

Die Situation in Wileroltigen

Die Diskussionen haben sich etwas verlagert. Bei den Leuten in Wileroltigen ist nicht mehr das aktuelle Camp beim Autobahnrastplatz das grosse Thema, wie Gemeindepräsident Christian Grossenbacher sagt. Sondern die Absicht des Kantons, auf dem Feld einen Durchgangsplatz für Fahrende aus dem Ausland einzurichten. Und so die ­Lösung für das Problem, das sich mit dem grossrätlichen Nein zu einem Platz in Meinisberg noch verschärft hat, in Wileroltigen zu finden.

Die Situation hat sich auch insofern verändert, als nicht mehr ganz so viele Fahrende da sind wie noch Anfang Monat. Laut Mediator Andreas Geringer, der in Wileroltigen auch als Platzwart fungiert, ist ein Teil der Fahrenden mittlerweile weitergezogen. Statt 200 Wohnwagen zähle er zurzeit noch deren 70, sagt er. Und ergänzt: Man habe sich bereits auf einen Termin geeinigt, an dem die Fahrenden abzögen. Das genaue Datum werde zwar nicht kommuniziert, es werde aber «in absehbarer Zeit» so weit sein.

Für ihren Aufenthalt in Wileroltigen zahlen die Fahrenden übrigens keine Platzmiete. Aus gutem Grund, wie Thomas Rohrbach als Sprecher des zuständigen Bundesamts für Strassen erklärt: Ein entsprechender Vertrag würde den aktuellen Zustand nur legalisieren. Mit dem Verzicht dagegen mache der Bund klar, dass er die Fahrenden eigentlich gar nicht wolle.

Die Fahrenden mussten einzig ein Depot hinterlegen. Mit dem Geld will der Bund allfällige Wiederherstellungsarbeiten auf dem Feld finanzieren.

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