Der alte Tower fällt

Belp

Über vierzig Jahre lang prägte der alte Kontrollturm den Flughafen Belp. Dann wurde er durch einen neuen Tower ersetzt – und stand etwas verloren in der Landschaft. Jetzt wird er abgerissen.

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Johannes Reichen

Adrian Schüpbach steigt die enge Treppe hoch und blickt um sich. Ein Panorama von 360 Grad tut sich auf im alten Kontrollturm des Flughafens Bern-Belp. Der Blick zu den Alpen, nach Bern und Belp, wird leicht getrübt. Die Fensterscheiben wurden eine Weile nicht mehr geputzt. Kein Wunder, es riecht nach Abbruch im alten Tower. Eine abmontierte Rollstore liegt am Boden.

Seit rund fünfundzwanzig Jahren arbeitet Schüpbach als Fluglotse auf dem Flughafen Bern-Belp. Zehn Jahre lang war der Turm sein Arbeitsplatz. Ungezählte Male hat er darin die Treppe genommen. Zusammen mit etwa 15 Personen arbeitete er für die Flugsicherung, die einst Radio Schweiz, dann Swisscontrol und heute Skyguide heisst. «Früher sah das hier drinnen aus wie in einem Chalet», sagt Schüpbach.

Keine Verwendung mehr

Nun sind die Tage des alten Turms gezählt. Ab Montag wird er abgerissen. «Wir können ihn nicht mehr brauchen», sagt Heinz Kafader, der Leiter Qualitätssicherung des Flughafens Bern-Belp. Der Turm stehe schon seit längerer Zeit leer. «Wenn wir ihn weiter unterhalten wollten, müssten wir einige Veränderungen vornehmen», sagt Kafader.

Beispielsweise müssten der Brandschutz und die Gebäudesicherheit berücksichtigt oder die Toiletten erneuert werden. Die Treppen sind auch nicht gerade komfortabel. «Das wäre ein Fass ohne Boden.» Und vor allem wüsste Kafader nicht, wie der Turm überhaupt noch sinnvoll genutzt werden könnte. Der Turm, der einst das Wahrzeichen des Belpmoos war.

Anfänge der Flugsicherung

Die ersten Flugsicherungsgeräte in der Region Bern wurden in den Dreissigerjahren nicht im Belpmoos, sondern in Kernenried in einem unbewohnten Stöckli aufgestellt. Dies schreibt Flughafenchronist Rolf Ellwanger in seiner «Geschichte des Mösli». Während des Zweiten Weltkriegs wurde dann zwischen Hindelbank und Kernenried eine Peilstation eingerichtet.

Als 1946, nach dem Krieg, der Berner Flugverkehr wieder aufgenommen wurde, sei auch die Flugsicherung reaktiviert worden. Als technische Anlagen standen damals ein Funkfeuer in Uettligen, ein Sender in Münchenbuchsee und ein Mittelwellenpeiler im Belpmoos zur Verfügung.

Dann kam das Jahr 1954. In jenem Sommer, in dem Deutschland im Berner Wankdorfstadion Fussballweltmeister wurde, führte die Swissair täglich einen Flug Bern–London–Bern durch. «Die Radio Schweiz AG wurde deshalb beauftragt, einen Anflugs- und Platzverkehrsleitdienst zu organisieren und die notwendigen technischen Installationen bereitzustellen», so Ellwanger.

Auf dem Belpmoos wurde ein dreigeschossiger Kontrollturm aus Holz eingerichtet. Knapp zehn Jahre später musste er aufgestockt werden, weil zuvor auch das Flughafenrestaurant erhöht worden war. Die heutige Kanzel wurde 1978 mit einem Helikopter aufgesetzt. Auch die Instrumente für die Flugsicherung wurden ersetzt. Eines aber blieb, so Ellwanger: die «knarrende Holztreppe».

Eine knarrende, steile Treppe

Dabei war die Treppe nicht nur geräuschvoll, sondern auch steil. Es sei schon mal vorgekommen, dass jemand hinuntergestürzt sei, erinnert sich Schüpbach, der die Skyguide in Belp heute leitet. Anders als heute war der Kontrollturm damals noch ein Treffpunkt. Im Erdgeschoss befand sich die Flugdienstberatung, das C-Büro. «Hier informierten sich die Piloten über das Wetter und über die Flugpläne.»

So sei man in Kontakt gekommen. Das sei heute nicht mehr der Fall. Doch er weint dem alten Überwachungsturm keine Träne nach. Nicht nur der Platz darin war begrenzt, es gab einen weiteren Nachteil. «Die Sicht Richtung Osten war eingeschränkt», so Schüpbach.

Als Café ungeeignet

Mittlerweile führt eine Aussentreppe hoch. Sie wurde als Zugang für ein Café gebaut, das für kurze Zeit in der Kanzel eingerichtet worden war. «Das war aber nicht so praktisch», sagt Heinz Kafader. Der Platz war beschränkt, der Service ziemlich umständlich. Zu mehr aber war der Turm nicht mehr zu gebrauchen. «Jetzt wird er Stück für Stück abgebaut», sagt Kafader. Der Abbruch dauert ein paar Wochen. Manche Teile können noch gebraucht werden, andere werden entsorgt.

Heute beschäftigt Skyguide in Belp 19 Personen – im neuen Turm, der 1998 in Betrieb genommen wurde. Er befinde sich in einem Topzustand, sagt der Leiter. Erst letztes Jahr sei er ausgehöhlt und die Technik erneuert worden. Und auch wenn der Tower über einen Lift verfügt, sagt Adrian Schüpbach: «Wir steigen noch immer viel Treppe.»

Berner Zeitung

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