Bern

«Der Zeitdruck gehört leider dazu»

BernDie gravierenden Baumängel an neuen Bauwerken wie der Berner Frauenklinik oder dem Einkaufscenter Westside werfen Fragen auf. Charles Zuber, Präsident des Kantonal-Bernischen Baumeisterverbandes, nimmt Stellung.

Das Erlebnisbad Bernaqua zwei Monate vor der Eröffnung 2008: Auf der Westside-Baustelle «war der Zeitdruck von Anfang an da», sagt der Berner Baumeisterpräsident Charles Zuber.

Das Erlebnisbad Bernaqua zwei Monate vor der Eröffnung 2008: Auf der Westside-Baustelle «war der Zeitdruck von Anfang an da», sagt der Berner Baumeisterpräsident Charles Zuber. Bild: Andreas Blatter

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Herr Zuber, letzte Woche stürzte im Bernaqua im Westside ein Teil der Deckenkonstruktion in die Tiefe, zwei Menschen wurden verletzt. Vermutet wird menschliches Versagen. Was lösen solche Vorkommnisse in Ihnen aus?
Charles Zuber: Es schockiert mich immer, wenn solche Un-fälle passieren. Ich bin gespannt, was die Untersuchungen ergeben werden. Von menschlichem Versagen, über technische Probleme bis zu Planungsfehlern kann alles die Ursache für den Vorfall sein.

Das Westside ist kein Einzelfall im Kanton Bern. Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Frauenklinik des Inselspitals, die unter anderem wegen Statikproblemen und undichter Fassade Schlagzeilen gemacht hat. Weshalb treten immer wieder schwerwiegenden Baumängel auf?
In unserer Firma machen wir die Erfahrung, dass rund zwei Drittel aller Baumängel ihren Ursprung schon in der Planung haben.

Mit anderen Worten: Schuld ist meistens der Architekt oder der Ingenieur und nicht der Bauarbeiter.
Es gibt natürlich auch schlechte Ausführungen. Aber viele Konstruktionen, die am Schluss mangelhaft sind, sind oft schon auf dem Papier nicht richtig gezeichnet.

Jenes Drittel der Baumängel, die ihren Ursprung nicht in der Planung, sondern auf der Baustelle haben: Was ist die Hauptursache dafür?
Wahrscheinlich schon menschliches Versagen.

Beim Bau der Frauenklinik soll das Generalunternehmen laut eigener Aussage keine Einsicht in wichtige Planungsunterlagen gehabt haben. Sind die Baumeister den Planern ausgeliefert?
Die Basis für unsere Arbeit sind in den meisten Fällen Pläne, die uns zur Verfügung gestellt werden. Auf die verlassen wir uns, sind aber gleichzeitig verpflichtet, allfällige fachliche Mängel zu melden.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit zwischen Planern und Baumeistern?
Die ist eher schwierig.

Warum?
Meistens ist es ein Zeitproblem. Die Planung sollte abgeschlossen sein, wenn wir mit den Bauarbeiten beginnen. Der Zeitraum zwischen Auftragsvergabe, Planung und Baubeginn ist aber sehr oft zu knapp bemessen. Sowohl Planer wie auch die Baumeister stehen unter Druck. Oft werden wir schlecht bedient mit Planunterlagen.

Das heisst: Oft steht der Bauherr am Anfang einer Unglückskette, weil sein Zeitplan zu ambitioniert ist.
Ich würde es so formulieren: Wenn von dem Moment an, wenn der Bauherr den Bauentscheid getroffen hat, bis zum Baubeginn genügend Zeit bliebe, liesse sich ein grosser Teil der Baumängel vermeiden.

Sie waren mit Ihrer Baufirma am Bau des Einkaufscenters Westside direkt beteiligt. Wie haben Sie den Zeitdruck erlebt?
Im Westside hat die Bauherrin im Voraus ein Eröffnungsdatum festgelegt, dadurch war der Zeitdruck von Anfang an da. Zudem war der Bau sehr komplex, die Planung schwierig. Die Ingenieure gerieten rasch unter Druck und folglich auch wir Baumeister. Auf den letzten Drücker hat es dann noch gereicht. Das sind zwar nicht ideale Arbeitsbedingungen, das gehört auf dem Bau aber mittlerweile leider schon fast dazu.

Wenn man Ihnen so zuhört, waren Sie wohl nicht sonderlich überrascht, dass nun ausgerechnet im Westside ein Baumangel zu einem ernsten Zwischenfall geführt hat.
Doch, ich war sehr überrascht. Denn die Firmen, die dort engagiert waren, sind alles moderne Bauunternehmen, die nach Normen und Grundsätzen arbeiten und diese auch einhalten.

Trotzdem wäre es doch verständlich, wenn der Zeitdruck Einfluss auf die Konzentration der Bauarbeiter hätte.
Ich möchte noch einmal betonen, dass noch nicht feststeht, wer am Zwischenfall im Westside die Schuld trägt. Aber für unsere Firma gilt, dass die Qualität immer oberste Priorität hat, auch unter Zeitdruck.

Folgerichtig wäre demnach, dass eine Baufirma bei guter Auslastung neue Aufträge ablehnt?
Wenn ein Unternehmen sonst schon genug Arbeit hat, ist eine Ablehnung sicher sinnvoll.

Nur: Wegen des steigenden Preisdrucks sinkt die Gewinnmarge stetig. Das führt doch dazu, dass die Firmen möglichst viele Aufträge akquirieren.
An den sinkenden Margen habe ich als Baumeisterpräsident natürlich auch keine Freude. Weil es aber immer einen Anbieter gibt, der unter dem Marktpreis offeriert, spitzt sich der Preiskampf zu. Dagegen kann auch der Baumeisterverband nichts machen.

Welche Rolle spielen in diesem Preiskampf die Generalunternehmer?
Sie heizen den Kampf zusätzlich an. Oft vereinbaren Generalunternehmen mit der Bauherrschaft im Voraus einen fixen Preis für ein schlüsselfertiges Haus. Jeder Franken davon, den das GU nicht ausgibt, fliesst dem Reingewinn zu. Die Preisverhandlungen mit einem Generalunternehmen sind für uns meistens hart.

Hat eine Baufirma viele Aufträge, greift sie auf temporäre Mitarbeiter zurück, oft ohne deren genaue Qualifikation zu kennen. Ist das nicht ein erhebliches Risiko?
Da sehe ich kein Problem. Mit der Wirz AG arbeiten wir seit Jahren mit den gleichen Vermittlungsagenturen zusammen und machen gute Erfahrungen. Vor allem die Fachkräfte aus Deutschland sind gut ausgebildet.

Wie ist der Alkoholkonsum auf Baustellen geregelt?
Das ist im Bauhauptgewerbe streng verboten. In unserer Firma haben wir keine Probleme damit.

Was passiert, wenn ein Arbeiter in der Mittagspause zu seinem Sandwich trotzdem ein Bier trinkt?
Zuerst gibt es eine schriftliche Verwarnung. Passiert es ein zweites Mal, wird der Betroffene entlassen.

Befürchten Sie, dass das Image des Baugewerbes unter solchen Vorfällen wie jenem im Westside leidet?
Ich möchte festhalten, dass dieser Vorfall nichts mit den eigentlichen Baumeisterarbeiten zu tun hatte, es war ja beispielsweise nicht die Betondecke, die schadhaft war. Dennoch ist es so, dass solche Ereignisse der ganzen Branche schaden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.04.2011, 10:57 Uhr

Der Berner Baumeisterpräsident Charles Zuber. (Bild: zvg)

Zur Person

Charles Zuber (57) ist seit 2009 Präsident des Kantonal-Bernischen Baumeisterverbandes. Er leitet seit 11 Jahren die Baufirma Wirz mit Sitz in Bern.

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