Der Wechsel zu Bernmobil verunsichert

Ängste vor weniger Lohn und vor allem vor unattraktiven Schichten: Die Chauffeure der Postautolinien im Raum Münsingen sehen dem Wechsel zu Bernmobil nicht mehr so gelassen entgegen wie auch schon.

Im Raum Münsingen wird Bernmobil im Dezember Postauto ablösen. Foto: Urs Baumann

Im Raum Münsingen wird Bernmobil im Dezember Postauto ablösen. Foto: Urs Baumann

Stephan Künzi

Die Erleichterung darüber, dass die Zukunft der Buslinien im Raum Münsingen endlich klar ist, ist unüberhörbarer Aufregung gewichen.

Als das Bundesverwaltungsgericht im Juli den Wechsel von Postauto zu Bernmobil verfügte, herrschte beim Personal kurzzeitig Euphorie. Zu sehr hatte in der Vergangenheit das Image von Postauto unter dem Skandal um erschlichene Subventionen gelitten.

Doch nun, da der für Dezember geplante Wechsel näher rückt und jeder mit Bernmobil konkret über den Arbeitsvertrag verhandelt, folgt die Ernüchterung. Weil sich der Lohn plötzlich nach einem anderen Modell berechnet und dieses andere, auch tiefere Zahlen liefern kann. Vor allem aber, weil die Dienstpläne ganz anders – sprich: viel unattraktiver – sind.

Stundenlange Pausen

Für Unruhe sorgen vor allem jene Schichten, die am Morgen bereits um sechs Uhr herum beginnen, am Abend aber erst zwischen sieben und acht Uhr enden und mittendrin eine Pause zwischen vier und sieben Stunden vorsehen. Wo doch Postauto viel kompaktere Arbeitszeiten kennt, mit Pausen zwischen einer halben und anderthalb Stunden als Regel und solchen von drei Stunden als Ausnahme.

Im Entscheid liefert das Bundesverwaltungsgericht Zahlen zum Halterwechsel, den Bund und Kanton über eine Ausschreibung herbeigeführt haben. Daraus lässt sich ableiten, dass Bernmobil für die nächsten zehn Jahre um 3,4 Millionen Franken oder jährlich 340000 Franken günstiger offeriert hat als Postauto.

Im Vergleich zu heute spare man effektiv noch viel mehr, ergänzt der Kanton mit einem Blick auf die aktuellen Betriebskosten. Über eine Million Franken pro Jahr nämlich – ob diese Einsparung nun auf dem Buckel des Personals ausgetragen wird?

Postauto-Skandal ist präsent

Sheila Winkler betreut bei der Gewerkschaft Syndicom den öffentlichen Busverkehr und Postauto. Sie kennt daher die Sorgen der vom Wechsel betroffenen Chauffeure. Die Ausschreibungen seien «ein viel diskutiertes Thema» bestätigt sie, die Chauffeure befürchteten nicht zuletzt wegen des Postauto-Skandals «eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen beim Übergang in ein anderes Transportunternehmen». Dann fügt sie bei: Der Gedanke, dass mit so und nicht anders ausgestalteten Dienstplänen Geld gespart werden kann, lässt sich nicht von der Hand weisen.

Zum Wechsel im Raum Münsingen äussert sich Winkler nicht konkret, weil für Bernmobil die Gewerkschaft VPOD zuständig ist. Allgemein weist sie aber darauf hin, dass es für ein Busunternehmen wichtig sein kann, wo die Chauffeure offiziell stationiert sind und wo sie ihre Schicht beginnen. Wo sie wie lange Pause machen oder wie lange sie zu welcher Tageszeit am Steuer sitzen – je nachdem, ob schon ein Teil des Arbeitswegs bezahlt wird, fallen mehr oder weniger Zulagen für Pausen an einem fremden Ort oder für Arbeit zur Unzeit an. Das schlägt sich sofort auf die Kosten nieder.

Stosszeiten als Problem

Wie rasch es da um viel Geld gehen kann, zeigt ein aktueller Fall aus dem Jura. Dort hat Postauto den Einsatz des Personals lange Zeit über die Schmerzgrenze hinaus optimiert. Arbeitnehmer und Arbeitgeberin einigten sich nun darauf, dass 120 Chauffeure wegen «fehlerhafter Abrechnungen von Pausen und Wegzeiten» rückwirkend auf fünf Jahre mit 1,4 Millionen Franken entschädigt werden.

Dass sich Fahrpläne mit ihren Spitzen im Pendlerverkehr auf die Dienstpläne auswirken, stellt Winkler nicht infrage. In einem schon etwas ländlicheren Gebiet wie Münsingen, wo das Angebot weniger dicht und weniger ausgeglichen ist als in der Stadt, liessen sich schwache Zeiten nicht vermeiden. Genau dann müsse das Personal Pause machen. Und doch: Die Erfahrung zeige, dass sich mit einem zusätzlichen Chauffeur und längeren bezahlten Standzeiten für die anderen die Dienstpläne verbessern liessen. Aber das koste halt.

Bernmobil beschwichtigt

Rolf Meyer ist Mediensprecher bei Bernmobil und hat zum Termin mit der Zeitung auch noch die in Personal- und in Einsatzplanung tätigen Kaderleute Rolf Gertsch und Patric Marbot mitgenommen. Zu dritt wollen sie erklären, warum die Chauffeure nichts zu befürchten hätten. Bernmobil biete in den neuen Arbeitsverträgen den bisherigen Lohn – sofern dieser den regulären Ansätzen im Unternehmen nicht widerspreche.

Und genau deshalb wird bei zwei Angestellten der fixe Lohn tatsächlich unter dem bisherigen liegen. Das gesteht Marbot offen ein – um gleichzeitig zu betonen, dass es genauso den umgekehrten Fall mit einer Lohnerhöhung gebe.

Bernmobil sei zudem bei den Zulagen und Arbeitgeberbeiträgen für die Pensionskasse attraktiv, kurz: Der in der Ausschreibung für verbindlich erklärte Gesamtarbeitsvertrag sei eingehalten. «Wir sparen sicher nicht auf dem Buckel des Personals», ergänzt Meyer.

Auch die Kritik zu den Schichten lässt Bernmobil nicht gelten. Die Chauffeure könnten unter verschiedenen Arbeitsmodellen wählen, erklärt Gertsch. Etwa, in welche Dienste sie sich einteilen lassen oder in welchem Rhythmus sie die freien Tage beziehen wollten. Die langen Pausen will er nicht schönreden, aber: Das letzte Wort sei da noch nicht gesprochen. «Wir arbeiten erst mit Entwürfen und hoffen, die Pausen noch auf vier Stunden oder weniger drücken zu können.»

Attraktive Pausenräume

Dass die neuen Verträge nicht nur einen, sondern gleich vier offizielle Arbeitsorte nennen, streiten die drei nicht ab. Dahinter stehe aber nicht die Absicht, Zulagen für Pausen an einem fremden Ort eliminieren und so sparen zu können, betonen sie. Vielmehr wolle man auf die Art den Chauffeuren ein möglichst dichtes Netz mit attraktiven Räumen für ihre Pausen bieten. Sie wüssten das zu schätzen.

Und der VPOD? Gewerkschaftssekretär Michel Berger betont nur, Bernmobil sei ohne Zweifel eine fortschrittliche Arbeitgeberin. Mehr sagt er zu den künftigen Kollegen noch nicht. «Wir werden erst im Dezember auf sie zugehen.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt