Bern

«Der Unmut in der Kulturszene ist stark gewachsen»

BernDer Berner Kulturszene fehle ein Gegenüber für Kritik und Diskussion, kritisiert Christian Pauli, Präsident des Dachverbands Bekult. Es herrsche Ärger. Pauli fordert dringend einen runden Tisch.

Christian Pauli, Präsident des Dachverbands Bekult.

Christian Pauli, Präsident des Dachverbands Bekult. Bild: Stefan Anderegg

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Christian Pauli, wie ist die Stimmung in der Berner Kulturszene?
Christian Pauli: Es gibt eine gehörige Portion Ärger und Verstimmung, aber auch Gleichgültigkeit.

Weshalb der Ärger?
Das Hauptproblem momentan ist, dass es kein Vertrauen gibt, kein Gegenüber, bei dem man Kritik loswerden und mit dem man diskutieren kann.

Kultursekretärin Veronica Schaller sagte gegenüber dieser Zeitung, dass sie keinen Unmut spüre (siehe Box). Diesen Eindruck habe sie aufgrund von Rückmeldungen aus der Szene.
Diese Aussage empfindet man in der Szene als Affront. In den letzten ein, zwei Jahren ist der Unmut gegenüber der Verwaltung respektive der kulturpolitischen Verantwortung, welche die Stadt wahrnehmen sollte, stark gewachsen – aber es wird kaum zur Kenntnis genommen.

Redet nicht einfach einer dem anderen nach?
Das gibt es auch. Aber das Verhältnis ist zerrüttet, das ist überall zu hören. Deshalb erstaunt es mich, wenn ausgerechnet die Kultursekretärin behauptet, sie spüre keinen Ärger.

Sie fordern ein Gegenüber für eine Debatte. Was sollte dieses Gegenüber leisten?
Die Politik tut sich generell schwer mit Kultur, weil es um zu wenig geht. Es sind nicht die Schauplätze, wo die grossen Kämpfe ausgetragen werden. Es geht um viel Symbolik, aber um verhältnismässig wenig Geld. Gerade deshalb braucht es Vertrauen in Form von Personen, die sich einer Debatte stellen.

Und das macht die Berner Kultursekretärin mangelhaft?
Die Pflicht macht sie gut – soweit ich das beurteilen kann. Die Kür aber ist ungenügend. Und die ist in der Kultur entscheidend. Das Dossier Kultur ist in den Händen von Stadtpräsident Alexander Tschäppät und der Kultursekretärin. Mein Eindruck ist, dass Frau Schaller von Herrn Tschäppät alleine gelassen wird. In seiner Agenda hat er offenbar andere Prioritäten. Denn ohne ihn geht gar nichts. Dabei würde er mit mehr Elan bei der Kultur offene Türen einrennen.

Konstruktive Kulturpolitik kann aber nicht in den Händen von zwei Personen liegen.
Natürlich nicht. Auch die politischen Parteien wären viel mehr gefragt. In Bern spielen sie im Kulturbereich ihre Rolle nicht oder nur teilweise. Von der SP, der grössten Partei und politischen Heimat des Stadtpräsidenten wie der Kultursekretärin, könnte ich mir bedeutend mehr Impulse vorstellen.

Die Rede ist von Ärger und Unmut. Aber zum grossen Aufschrei kommt es dennoch nicht. Weshalb nicht?
Das hat damit zu tun, dass viele selber Subventionsempfänger und letztlich alle Konkurrenten sind. Die Szene ist heterogen, aber in Bern doch so geeint, wie sie es nur sein kann. Vereine wie Bekult oder Museen Bern, die einen guten Teil der Szene abdecken, versuchen, den Zusammenhalt zu fördern.

Die Kulturszene zeigt sich auch nicht gerade beweglich.
Richtig. Die Kulturszene sollte ihre Rolle stärker spielen und öffentlich mehr Engagement zeigen. Falsch wäre es aber, zu sagen, dass Lethargie herrsche. Immerhin gibt es in Bern Ansätze einer Kulturdebatte, die es etwa in Zürich nicht gibt.

Vereinzelte Kulturschaffende und Politiker fordern eine solche Debatte. Grundlage könnte eine Kulturstrategie sein. Kultursekretärin Schaller findet aber, das sei ein Papier für die Medien.
Das ist schade, und es ist unglücklich formuliert. Immerhin ist es mittlerweile ein Auftrag des Parlaments. Es geht bei einer Strategie auch um Partizipation und um eine Diskussion, die man anstösst. An beidem mangelte es in den letzten Jahren.

Welche Form von Debatte stellen Sie Sich vor?
Die Debatte ums Nachtleben hat gezeigt, was möglich ist. Das war sehr gute Arbeit, wenn man bedenkt, wie verschieden die Teilnehmenden sind.

Die Nachtlebendebatte entstand auch nach Druck von Akteuren und aus der Bevölkerung. Das gibt es in der Kultur nicht.
Das ist so, und das ist auch nachvollziehbar: Beim Nachtleben geht es um handfeste Interessen, etwa um einen Club, der in der Nachbarschaft eröffnet. Bei der Kultur regt man sich eventuell über Millionen auf, die ans Stadttheater fliessen. Man muss nicht ins Stadttheater gehen; den Lärm vom Club hat man aber so oder so. Das ist der Unterschied.

Was braucht es , damit eine Kulturdebatte in Gang kommt?
Zusammen mit Stadträtin Christine Michel (GB), welche den Vorstoss für die Erarbeitung einer Kulturstrategie eingereicht hat, haben wir vom Stadtpräsidenten einen runden Tisch gefordert. Nun ist diese Einladung für ein «Hearing Kultur Stadt Bern» am 27.Januar 2014 endlich gekommen. Das ist ein erster Schritt. Ich hoffe sehr, dass Politik und Verwaltung offen sind für neue Ideen. Ich freue mich auch, dass neben dem erwähnten Hearing auch andere, verwaltungsunabhängige Diskussionsplattformen in Vorbereitung sind.

Wohin soll eine Kulturdebatte führen? Zu strukturellen Änderungen?
Es geht nicht nur um Schwerpunktsetzungen und nicht nur ums Geld. Denn Kultur ist nicht einfach eine Besten-Geschichte, wie sie in der Debatte um die Kunsthalle erzählt wurde. Es geht auch um Leidenschaft, um ein Sichtbarmachen und um ein Kämpfen für die Kulturstadt Bern. Dabei würde eine Schwerpunktsetzung zumindest helfen.

Inwiefern?
Bern hat eine dichte und kreative Szene. Aber wir sind kaum vorne mit dabei; es gibt vor allem viel Mittelmass. Man müsste die Ansprüche relativieren oder zuspitzen.

Dann kommt es zu Kürzungsvorschlägen, die doch wieder von allen Seiten bekämpft werden.
Das ist eine billige Ausrede, es nicht zu versuchen.

Beim Nachtleben kam es nach der breit geführten Debatte sogar zu einer kleinen Aufbruchstimmung. Wäre das in der Kultur auch möglich?
Ja, das wäre möglich. Und es wäre bitter nötig. Auch um gegenüber den Medien klar zu signalisieren: Kultur in Bern ist wichtig und gehört zur Identität der Stadt.

Christian Pauli ist Präsident des Kultur-Dachverbands Bekult, dem 70 Kulturinstitutionen aus Bern und Umgebung angehören – vom Gurtenfestival über Kulturagenda, vom Schlosskeller Fraubrunnen über «Bern für den Film» bis hin zu Konzert Theater Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.11.2013, 10:45 Uhr

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Stadt reagiert – und lädt zum Hearing

Anfang September äusserte sich die städtische Kultursekretärin Veronica Schaller in dieser Zeitung zur Kritik an ihrer Abteilung und zur Grundstimmung in der Kulturszene. Unter anderem sagte Schaller, dass sie unter Kulturschaffenden kein Rumoren wahrnehme. Weiter bezeichnete sie eine Kulturstrategie als «Papier für Medien, Politik und Öffentlichkeit, aber nicht für Kulturschaffende». Hingegen brauche es eine Standortbestimmung, bevor das kantonale Kulturförderungsgesetz 2016 in Kraft trete. Für Schwerpunktsetzungen seien, so Schaller, Kulturschaffende mit ihren Ideen und Kulturförderungskommissionen zuständig.
Einige dieser Aussagen gerieten Kulturschaffenden in den falschen Hals, wie hinter vorgehaltener Hand zu hören war.

Allerdings: Ein Aufschrei blieb aus. Es sind einzelne Stimmen, die eine Kulturdebatte oder -strategie fordern. Nebst anderen etwa GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer, der in einem «Bund»-Gastbeitrag einen «kulturpolitischen Hosenlupf» mit rundem Tisch und eine Kulturstrategie verlangte. Oder Bernhard Giger, Leiter des Kornhausforums, der von einer «dringend nötigen Kulturoffensive» schrieb.

Die Jungfreisinnigen wiederum provozierten mit der Idee der Schliessung der Kunsthalle und forderten eine neue Kulturstrategie unter dem Motto «Fokus statt Wildwuchs». Ob als Reaktion auf die Kritik oder nicht: Jedenfalls macht die Stadt nun einen Schritt. Stadtpräsident Alexander Tschäppät lädt für den 27. Januar 2014 zum, vorerst einmaligen, Hearing Kultur Stadt Bern. Eingeladen wird breit: zum einen die Verantwortlichen der subventionierten Betriebe und die Mitglieder der Kulturförderungskommissionen. Dabei sind aber auch Vertreter von Pro Nachtleben, Bekult, der Bar- und Clubkommission Buck sowie die stadträtliche Kulturgruppe.

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