Bern

Der Stundenschläger mit vielen Verletzungen

BernDer Stundenschläger des Zytgloggeturms wird derzeit restauriert. 30 Jahre lang war Hans von Thann Wind und Wetter ausgesetzt und hat entsprechend gelitten. Am 15.April soll er wieder im Zytglogge stehen.

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Im Jahr 1534 zeichnet ein Wandergeselle namens Sebastian Fischer einen geharnischten Glockenschläger in sein Wanderbüchlein. Heute, 480 Jahre später, beschäftigt sich ein Namensvetter des Gesellen mit der Figur: Michael Fischer-Scherler ist Restaurator. In seinem Atelier im Mattequartier steht Hans von Thann, der Stundenschläger des Zytgloggeturms. Letztmals vor 30 Jahren wurde die Figur aus Lindenholz restauriert. 30 Jahre Wind und Wetter haben Hans von Thann zugesetzt. Er hat ein böses Bein.

Das linke Bein ist verfault

«Das Holz des linken Beins ist zum Teil verfault», sagt Michael Fischer. Es habe sich Wasser darin gesammelt. Zudem seien auf der Innenseite eines Oberschenkels Risse entstanden. Und auf Höhe des Beckens, dort, wo Ober- und Unterkörper getrennt werden können, haben Hansens Drehbewegungen ihre Schleifspuren hinterlassen. Schliesslich hat auch die Vergoldung gelitten. «Trotzdem», sagt Restaurator Fischer, «ist Hans von Thanns Zustand besser als erwartet.»

Hansens Hammer schlägt an

Seit sechs Wochen steht die rund 130 Kilogramm schwere und 2,56 Meter grosse Figur (perfekter Body-Mass-Index 19,8) beim Restaurator. In dieser Zeit wurde er erst einmal ausgetrocknet. «Dann haben wir ihm den Taubenschutz entfernt», sagt Fischer. Die Paste habe sich als ziemlich hartnäckig erwiesen, «eine mühsame Arbeit.»

Man habe gar keinen Taubenkot entdeckt. «Hans von Thann steht oben im Zytgloggeturm im Durchzug, das schätzen Tauben nicht, dort kommen sie nicht hin», sagt der Restaurator. Deshalb werde man ihn vorläufig nicht mehr mit Taubenschutz behandeln. Aber immerhin mit Gold. Allerdings werde das Edelmetall nur an den defekten Stellen nachgetragen.

In den Wochen beim Restaurator werden vor allem die defekten Holzteile rekonstruiert. Auch der Stab, der durch Hans von Thanns Körper geht, muss justiert werden. Die Figur hängt im Zytgloggeturm frei an einer Eisenstange, die bis hinunter zum Leutwerk führt. Und schliesslich ist auch der Hammer beschädigt, den der Stundenschläger in der Hand führt. Der Hammerkopf aus Tannenholz hat sich vom Eichenstiel gelöst und ist leicht nach vorne gerutscht. Das heisst, der Schläger ist etwas länger geworden, gerade so lang, dass er – was er nicht sollte – bei jedem Stundenschlag die Glocke im Zytgloggeturm berührt. «Das sollte nicht passieren», meint Restaurator Michael Fischer. Die Glocke werde von einem separaten Eisenhammer geschlagen. Schlage Hansens Holzhammer an, führe dies zu Erschütterungen, und das schade der Figur.

Die Holzarbeiten wird der Antikschreiner und Restaurator Daniel Gerber in seinem Atelier an der Rathausgasse ausführen. Aber noch steht Hans von Thann in Fischers Werkstatt. Ober- und Unterkörper des Stundenschlägers stehen getrennt nebeneinander. Die beiden Experten hantieren mit einem Endoskop, das in den Oberkörper eingeführt wird. «Wir suchen die Leimstellen ab», sagt Daniel Gerber, der die winzige Kamera im Torso bewegt, während Michael Fischer die Bilder auf dem Minibildschirm analysiert.

Uni Bern schaltet sich ein

Analysiert wird Hans von Thann auch wissenschaftlich, nämlich von der Universität Bern. Mittels Radiokarbonmethode soll das Alter des hölzernen Gesellen eruiert werden. Die grosse Frage lautet nämlich: Wie viel Mittelalter steckt noch in der Figur? In den Tellbüchern der Stadt Bern taucht bereits 1389 der Name Hans von Tanne auf. Es könnte sich dabei aber um einen lebendigen Turmwächter gehandelt haben, dessen Name auf die später geschaffene Holzfigur übertragen wurde. Es gibt Quellen, die die Entstehung der Holzfigur in die Mitte des 15.Jahrhunderts ansiedeln.

Noch vor Ostern im Turm

1687 wird ihm «das stechende Bein ganz faul ein neuwes angesetzt und wider frisch von öhlfarb angestrichen». 1875 werden das Zifferblatt, die Figuren und «der Ritter im obersten Theile des Thurms» für Fr. 493.36 renoviert. 1904 erhält der Gemeinderat die Warnung, dass Hans von Thann «dem Verfall entgegengeht».

Restaurator Michael Fischer-Scherler hat recherchiert. Sicher sei: «1930 wurde Hans von Thann umfassend restauriert, viele heutige Teile stammen aus dieser Zeit», sagt er. Wer vor über 80 Jahren was genau mit der Figur angestellt hat, ist Gegenstand laufender Ermittlungen, auch durch die Denkmalpflege. Die von der Uni Bern durchgeführte Altersbestimmung wird laut Fischer keine abschliessende Klarheit bringen, weil Hans aus vielen einzelnen Holzstücken bestehe und die Figur nicht vollständig untersucht werden könne Wie dem auch sei. Noch vor Ostern, am Dienstag, den 15.April, soll Hans von Thann wieder ganz oben im Zytgloggeturm stehen – mit einem Servicevertrag. Die Stadt Bern hat laut Fischer die Absicht, den Stundenschläger regelmässig auf Schäden kontrollieren zu lassen.

Die komplette Restaurierung kostet die Stadt Bern rund 40'000 Franken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.04.2014, 10:12 Uhr

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