«Der Status quo ist für beide Seiten schlecht»

Bern

Ernst Reber ist Anwalt und Mediator. Eine Mediation in der Berner Reitschule müsste man «sehr behutsam» anpacken, sagt er. Die Vermittlungsmethode sei aber immer erfolgversprechend, wenn Konfliktparteien bereit seien, sich an einen Tisch zu setzen.

Mediator Ernst Reber: «Mediation ist ein Ausfluss einer zivilisierten Gesellschaft.»

Mediator Ernst Reber: «Mediation ist ein Ausfluss einer zivilisierten Gesellschaft.»

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Ernst Reber, Sie haben langjährige Erfahrung als Mediator. Würden Sie im Konflikt in der Reitschule vermitteln?
Ernst Reber: Das wäre sicher eine interessante Aufgabe. Im Vorfeld müsste ich einige Gespräche führen, um den Konflikt besser zu verstehen. Ich würde auch prüfen, ob eine Co-Mediation sinnvoll wäre. Aber das Wichtigste: Alle Konfliktparteien müssten sich verpflichten, sich auf eine Mediation einzulassen. (Überlegt längere Zeit) Eine Mediation in der Reitschule müsste man sehr behutsam anpacken.

Weshalb?
In der Reitschule gibt es offensichtlich eine Gruppe, von der niemand so richtig weiss oder wissen will, wer dahintersteckt und was deren Absicht ist. Die basisdemokratisch organisierte Ikur müsste zudem bereit sein, eine oder mehrere Personen zu bestimmen, welche ihre Interessen während einer Mediation vertritt.

Das ist möglich? Eine Mediation, an der eine basisdemokratisch organisierte Gruppe teilnimmt?
Ja, ich kenne solche Fälle. Das sind Grossgruppen-Mediationen. Diese leitet entweder ein Mediator, oder es sind mehrere Vermittler im Einsatz. Das ist natürlich organisatorisch ein komplexer Prozess. Aber es kann funktionieren.

Würde beim Konflikt in der Reitschule eine Mediation etwas bringen?
Davon bin ich überzeugt. Denn man muss sich doch fragen, was man für Alternativen hat. Polizeischutz der Besucher bei jeder kommerziellen Veranstaltungen? Das ist kein gangbarer Weg. Der Verein Grosse Halle will Veranstaltungen durchführen, gewisse Personen sabotieren das. Die Grosse Halle wird plötzlich keine Besucher mehr haben, wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist. Das wiederum schadet der ganzen Reitschule. Der Status quo ist für beide Seiten schlecht.

Wenn der Status quo für beide Seiten schlecht ist, ist die Ausgangslage gut für eine Mediation?
Die Ausgangslage ist deswegen noch nicht unbedingt gut, aber eine Mediation müsste im Sinne beider Parteien sein. Lässt man alles so, wies ist, verlieren beide. Die Kunst ist es, daraus eine Win-win-Situation zu machen.

Allgemein gefragt: Wann ist eine Mediation erfolgversprechend?
Wenn man es fertigbringt, dass sich die Konfliktparteien an einen Tisch setzen, ist das schon die halbe Miete.

Wie könnte das im Fall der Reitschule konkret aussehen?
Vonseiten der Grossen Halle würde es wohl ausreichen, wenn eine Person an der Mediation teilnimmt. Dort ist ja die Interessenlage relativ klar. Die Grosse Halle möchte kommerzielle Veranstaltungen durchführen können. Vonseiten der Ikur müsste jemand bestimmt werden, der oder die vor jeder Entscheidung Rücksprache mit der Vollversammlung nimmt. Dort wäre der Mediator nicht dabei. Mit der Entscheidung der Vollversammlung kommt der Delegierte zurück in die Mediation.

Das klingt sehr aufwendig ...
Das ist es auch. Aber so gehen Mediatoren auch auf internationaler Ebene vor. Man macht unter Umständen nur ganz kleine Schritte. Nehmen wir als Beispiel den Ukraine-Konflikt: Vielleicht einigen sich die Parteien «nur» darauf, dass an einem Abend nicht geschossen wird. Man schliesst Teilvereinbarungen ab.

Krach innerhalb der Reitschule oder Krieg zwischen Staaten – eine Mediation läuft also in beiden Fällen ähnlich ab.
Das ist so. Man versucht, eine Lösung zu finden, die für beide Seiten zumindest besser ist als der Status quo. Das kann auch nur eine Teillösung sein. Natürlich ist es schwieriger, in einem bewaffneten Konflikt zu vermitteln als in einem Nachbarschaftsstreit.

Die Konstellation in der Reitschule würde aus Ihrer Sicht eine Mediation erlauben?
Natürlich. Eine Mediation wäre aus meiner Sicht sogar empfehlenswert. Alles andere ist nicht nachhaltig. Und meiner Meinung nach entspricht die heutige Situation auch nicht der Grundidee der Reitschule.

Die Grosse Halle möchte, dass der Gemeinderat einen Mediator bestimmt. Ist das nicht schon heikel, wenn die Stadt den Vermittler aussucht?
Ein Mediator ist zur Allparteilichkeit verpflichtet. Das heisst, er ist allen gleich verpflichtet. Er oder sie ist unabhängig. So gesehen spielt es keine Rolle, wer den Mediator oder die Mediatorin aussucht. Aber alle Konfliktparteien müssen dem Mediator vertrauen können. In diesem Punkt könnte es ein Nachteil sein, wenn der Mediator von der Stadt bezahlt wird. Ein vergleichbares Beispiel: Es gibt grosse Firmen, die Mediatoren angestellt haben, um arbeitsrechtliche Konflikte zu lösen. Da kann man natürlich auf die Idee kommen, dass der Mediator eher dem Unternehmen verpflichtet ist als dem Mitarbeitenden.

Es könnte aber auch funktionieren, wenn die Stadt den Mediator sucht und bezahlt?
Ja. Wenn beide Konfliktparteien an die Unabhängigkeit des Mediators glauben. Der Erfolg einer Mediation steht und fällt also mit dem Vertrauen in den Mediator. Der Erfolg hängt vom Verfahren ab und von der Person. Es kann auch sein, dass während des Prozesses der Mediator ausgewechselt werden muss.

Sie arbeiten auch als Anwalt. Weshalb wird heutzutage in Konfliktfällen gerade vom Gericht oft zuerst eine Mediation vorgeschlagen?
Nach einer Gerichtsverhandlung gibt es einen Sieger und einen Verlierer. Nach einer Mediation ist die Zufriedenheit der Betroffenen darum deutlich höher. Nur schon deshalb lohnt sich eine Mediation. Ein Gerichtsverfahren ist kostspielig und kann über mehrere Instanzen auch langwierig sein.

Im besten Fall gibt es also nach einer Mediation nur Gewinner.
Ja, im besten Fall ist das so. Das strebt man als Mediator an.

Aber Sie erreichen dieses Ziel nicht immer?
Als Mediator muss ich gemeinsam mit den Betroffenen herausfinden, was für sie wichtig und ein Gewinn ist. Bei einer Mediation darf man nicht nur die einfache Kosten-Nutzen-Abwägung machen.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Wenn jemand unter einem Konflikt leidet, kann das nicht allein mit Geld gutgemacht werden. Nehmen wir einen Familienstreit. Der Vater will für seine Kinder keinen Unterhalt bezahlen. Natürlich geht es in diesem Fall um Geld. Aber auch um verletzte Gefühle. Die Mutter – oder die Kinder, wenn sie alt genug sind – fühlen sich zurückgewiesen, nicht wertgeschätzt, nicht geliebt. Der Vater sagt: Es war schon immer so. Alle sind gegen mich, und ich soll auch noch zahlen.

Wenn man sich auf eine Mediation einlässt, will man demnach nicht unbedingt das Maximum für sich herausholen?
Bei einer Mediation fliessen nicht materielle Werte mit ein. Die Wertschätzung zwischen Menschen ist ein höheres Gut als ein materieller Sieg vor Gericht. «Lieber einen Freund behalten, als ihn besiegen» – ich finde, dieses Zitat bringt es auf den Punkt.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote als Mediator?
Sehr hoch. Das muss ich aber relativieren: In unserer Kanzlei befassen wir uns oft mit Familienrecht, also mit Trennungen, Scheidungen, Sorgerecht. Wenn Paare bereit sind, sich an einen Tisch zu setzen, dann ist die Chance gross, dass man eine gute Lösung findet. Mütter und Väter wollen gute Eltern bleiben, auch wenn sie getrennt sind. Darum ist in diesem Bereich die Erfolgsquote so hoch.

Gibt es Konflikte, bei denen eine Mediation keinen Sinn macht?
Eine Mediation ist immer einen Versuch wert. Die Frage ist bei angeordneten Mediationen berechtigt. In den USA ist man verpflichtet, eine Mediation zu machen, bevor man sich an ein Gericht wenden kann. Ich frage mich, ob es Sinn macht, wenn jemand zu einer Mediation gezwungen wird. In der Schweiz schlagen Gerichte Mediationen vor, aber sie ordnen sie nicht an.

Zurück zum Konflikt in der Reitschule: Kann eine Mediation klappen, wenn eine Gruppe sagt, wir wollen eine Mediation, aber die andere noch nicht mit im Boot ist?
Das kann durchaus gutgehen. Jemand muss ja die Idee ins Spiel bringen. Könnten Sie aus dieser Lose-lose- eine Win-win-Situation machen? (lacht) Es wäre auf jeden Fall spannend, es zu versuchen Nur schon rein organisatorisch wäre es eine riesige Herausforderung.

Die Arbeit als Mediator ist sicher befriedigender als die Arbeit als Anwalt ...
Es sind zwei verschiedene Rollen. Als Anwalt habe ich Spielregeln in Form von Prozessordnungen. Bei einer Mediation bestimmen die Parteien das Verfahren. Sie sind absolut frei, was sie am Schluss in der Vereinbarung festlegen wollen. Es geht einerseits um durchsetzbare rechtliche Verbindlichkeiten, andererseits auch um moralische. Letzteres fliesst nie in ein Gerichtsurteil ein. In einer Mediationsvereinbarung kann zum Beispiel stehen, dass getrennt lebende Eltern einmal im Monat mit ihren Kindern eine gemeinsame Mahlzeit einnehmen.

Haben Streitigkeiten zugenommen, welche die Betroffenen nicht mehr ohne Hilfe einer Fachperson lösen können?
Ich glaube nicht, dass es mehr Konflikte gibt als früher. Aber man macht sie transparenter und kehrt sie weniger unter den Teppich.

Nahm früher nicht eher ein Familienmitglied die Rolle des Mediators ein, wenn es Streit gab?
In manchen Familien und in vielen Kulturen ist das immer noch so. Der Dorfälteste nimmt zum Beispiel die Rolle eines Mediators wahr. Interessant ist das Beispiel China. Weil die Chinesen Konflikte nicht gerne öffentlich austragen, haben sie eine lange Tradition mit Vermittlern. Die Chinesen haben die Mediation in die USA gebracht. Mediation ist ein Ausfluss einer zivilisierten Gesellschaft. Man schlägt sich nicht einfach mit einer Hellebarde den Schädel ein, sondern setzt sich gemeinsam an einen Tisch und löst den Konflikt im Gespräch.

Berner Zeitung

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