Der Radiopionier geht in Pension

Er gehört zu den Schweizer Gründervätern des Mediums Privatradio: Matthias Lauterburg. Nach über 40 Jahren geht der Journalist in Pension. Ein Höhepunkt war 1983: Er ging mit Radio ExtraBE auf Sendung.

TeleBärn-Redaktionsleiter Matthias Lauterburg  im TeleBärn-Studio. Heute ist sein letzter Arbeitstag.

TeleBärn-Redaktionsleiter Matthias Lauterburg im TeleBärn-Studio. Heute ist sein letzter Arbeitstag.

(Bild: Urs Baumann)

Rahel Guggisberg

«Vom Radio bin ich besessen. Ich sehe mich quasi als Radiogeburtshelfer», blickt der 65-jährige Matthias Lauterburg zurück. Mehrere Schweizer Privatradios hat er gegründet, im Aufbau unterstützt. Der gebürtige Langnauer sitzt im Studio des Fernsehsenders TeleBärn, die Beine übereinandergekreuzt. Gerne erzählt er von seiner Tätigkeit als Journalist. Schon als Jugendlicher wusste Lauterburg: Er will einmal bei den grossen Medien arbeiten. Die Laufbahn begann er mit 20 Jahren als Praktikant beim «Emmenthaler Blatt».

Ein Karrieresprung war für Lauterburg die Vollzeitstelle bei Radio DRS ab 1974: «Anderthalb Millionen Leute hörten damals den Beginn des ‹Rendezvous am Mittag›. Man konnte sich einen Namen schaffen», so Lauterburg.

Einer, der in dieser Zeit bei Radio DRS eng mit Lauterburg als Journalist zusammengearbeitet hat, ist Roland Jeanneret. Der nachmalige «Mister Glückskette» sagt: «Ich habe Matthias als Spürhund erlebt. Er hat mit zittriger Schnauze Geschichten erschnuppert.» Und wenn er dann eine Spur aufgenommen hatte, liess er nicht mehr davon ab. «Er hat auf eine kritische und fundierte Art berichtet.» Jeanneret ergänzt lachend, dass Lauterburg stets unbestechlich war. Von Zeit zu Zeit hätte er sich gefreut, wenn Lauterburg etwas über die Glückskette gebracht hätte: «Doch er machte keinen Gefälligkeitsjournalismus.»

Der Gründer von ExtraBE

1983 begann in der Schweiz eine neue Ära: Radio DRS verlor die Monopolstellung, und Private konnten Radiostationen betreiben. Die treibende Kraft bei Radio ExtraBE war Lauterburg. Er und Matthias Steinmann, emeritierter Professor, finanzierten ExtraBE mit je 50000 Franken Startkapital. «Ein Radio zu machen mit offenem Programm, reizte mich. Woran ich mich gerne erinnere: wie wir Radio ExtraBE aufgebaut haben», so Lauterburg. «Es war ein Riesenchaos. Ein absoluter Horror.» Die Anlage für die Werbespots wurde erst am Abend vor Sendestart geliefert. Und musste zuerst noch installiert werden. Am 1.November 1983, um null Uhr, war es so weit: Radio ExtraBE, heute bekannt als Radio Bern1, ging in einer Ecke des Restaurants Löwen an der Spitalgasse auf Sendung. «Wir machten auf eine Art und Weise Radio, wie das heute nie mehr möglich wäre», so Lauterburg. «Ich kam auch mal am Morgen ins Studio und sah, dass da in der Nacht über den Sender eine wilde Party gefeiert worden war.»

Jeanneret erinnert sich, dass er in den ersten Tagen von Radio ExtraBE mit DRS-Leuten im Löwen-Studio aufgetaucht ist. Das Team um Lauterburg habe diesen Besuch aber als unkollegial empfunden. Dabei habe es keinen Grund gegeben, sagt Jeanneret: «Lauterburg hat beim Aufbau seines Radios gearbeitet wie ein Tier. Glaubt er an etwas, so geht er fast bis zur Selbstaufgabe.» Vor lauter Arbeit habe er teilweise das Essen übersprungen und sich mit Rauchen entspannt.

Mit der Zeit kamen Drögeler in die Beiz. Nachdem ein Gast versucht hatte, einem Redaktor eine Flasche an den Kopf zu werfen, zog das Radioteam an die Laupenstrasse. Finanziell gesehen war ExtraBE für Lauterburg ein Desaster: «Am Schluss, nach 3 Jahren, blieb ich mit einem Schaden von 50000 Franken da.» Die Berner Zeitung hat Radio ExtraBE übernommen und saniert.

Der Workaholic bei Grischa

1988 hat Lauterburg in Chur Radio Grischa aufgebaut. Der damalige Bundesrat Leon Schlumpf erteilte die Konzession für das 24-Stunden-Programm: «Grischa ist mein wichtigstes Baby. Es war das erste computergesteuerte Radio Mitteleuropas», so Lauterburg. Herz des Studios war eine für die damalige Zeit einmalige Sendeanlage.

Der Fernsehmann Andri Franziscus mag sich gut an die Gründerzeit bei Radio Grischa erinnern. «Lauterburg hat in seiner Cheffunktion nicht nur delegiert. Tag und Nacht hat er mitgearbeitet. Die Gründercrew war wie eine Familie.» Lauterburg fehlte Zeit, um selber Kinder zu haben. Seine Frau, die ehemalige Stadt- und Grossrätin Lilo Lauterburg, und er entschieden sich bewusst für die Karriere und gegen Kinder.

Andri Franziscus ist Lauterburg noch heute dankbar für das journalistische Know-how, welches er ihm beigebracht habe. Lauterburg habe sich immer für die Sache eingesetzt: «Wenn er bei der Zusammenstellung des Musikmixes bemerkte, dass sich jemand vom eigenen Geschmack leiten liess, konnte er schon laut werden.» Nach 2 Jahren verliess Lauterburg Radio Grischa. Er half bei verschiedenen Privatradios aus und übernahm dann für 2 Jahre die Programmleitung bei Radio Förderband.

Der Stadtressort-Leiter der BZ

1998 wechselte Lauterburg zur Berner Zeitung. Der damalige Chefredaktor Andreas Z’Graggen stellte ihn für die Leitung des Stadtressorts an. Er war der Wunschkandidat. Doch bald stiess Lauterburg auf internen Widerstand. Das ganze Team des Stadtressorts kündigte. Der Vorwurf: Lauterburg sei ein chaotischer Organisator. Zudem kritisierten die Mitarbeiter «dessen Boulevardstil und entpolitisierte Berichterstattung». Im Jahr 2000 trat er von seinem Posten zurück. Der Vorwurf, er habe nach seinem Abgang einen Scherbenhaufen hinterlassen, bezeichnet Lauterburg heute als «Unsinn». Z’Graggen sagte damals: «Der Kapitän verlässt das Stadtschiff zu früh.» Auf die Zeit bei der Berner Zeitung angesprochen, sagt Lauterburg: «Ich bin ein Radiomensch. Meine Heimat sind elektronische Medien.»

Die «Gluggere» bei TeleBärn

Danach folgte eine lange, stabile Phase: Gut 13 Jahre arbeitete er als News-Chef bei TeleBärn. Sein Chef Marc Friedli sagt: «In den 25 Jahren, seit ich Matthias kenne, hat er sich vom bissigen Radiopionier zur sozialkompetenten Vaterfigur entwickelt.» Er sei heute fast ein bisschen wie eine «Gluggere», ein erfahrener Mann, der dafür sorge, dass es Journalisten gut gehe. Bis zum letzten Arbeitstag sei er ein Workaholic: «Er ernährt sich von Kaffee, Schoggistängeli und Würstli im Teig. Ich hatte oft den Eindruck, ein Windhauch müsste ihn umwehen. Aber das täuscht, ich kann mich nicht erinnern, ihn in all den Jahren je krank erlebt zu haben.» TeleBärn verliere in ihm einen Mitarbeiter mit exzellentem Gedächtnis.

Der rastlose Lauterburg arbeitet natürlich weiter: «Ich will noch viele Sachen mit meiner Firma Lacosa machen.» Und: «Ich will mich wieder mit dem Internet und dem Computerprogrammieren beschäftigen.» Zeit dafür hat er ja jetzt eigentlich.

Berner Zeitung

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