Bern

Der Mann mit dem Pistolenkoffer und seine Schwäche für die Frauen

BernJobs und Aufträge für Freunde und (Ex-)Freundinnen, schwache Führung: Wie der abgetretene Intendant Stephan Märki seine glänzende Bilanz der ersten Jahre selbst zerstört hat.

Auftritt: Märki mit Pistolenkoffer, 2011.

Auftritt: Märki mit Pistolenkoffer, 2011. Bild: Urs Baumann

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Der Abgang unter Tränen passte zum Bild, das Märki in den vergangenen Jahren abgegeben hat. Seit der Freistellung von Stephanie Gräve 2016, der damaligen Schauspielchefin, stand der Intendant von Konzert Theater Bern (KTB) öffentlich in der Kritik. Erst recht, nachdem es diesen Frühling auch mit dem aktuellen Schauspielleiter Cihan Inan zum Bruch gekommen war. Märki fühlte sich ungerecht behandelt.

Berichte über sein problematisches Liebesleben tat er als «Gossip» ab. Er litt darunter, dass sich Bern nur für den Skandal interessiere und viel weniger fürs Wesentliche, die Künste, die unter Märki doch gar nicht so schlecht liefen!

Jetzt geht er, wegen der unmöglichen Liebe. Shakespeare. Da tritt ein feinfühliger Romantiker ab. Einer auch, der Mühe damit hat, die Fehler bei sich selbst zu finden. Selbst wenn er einige gravierende gemacht hat, wie sich jetzt, drei Wochen nach dem Rauswurf, zeigt.

Der Vertrauensbruch nach der Beichte

Ganz so einvernehmlich wie kommuniziert einigten sich ­Märki und Konzert Theater Bern nicht auf den Abbruch des Arbeitsverhältnisses. Offenbar musste er zum Aufgeben gedrängt werden durch die neue Stiftungsratspräsidentin Nadine Borter und ihren Vorgänger Marcel Brülhart.

Märki krallte sich an seinem Posten fest, auch als es ­offensichtlich war, dass es nicht mehr ging. Der Vertrauensbruch war zu gross, nachdem er gestanden hatte, was er über Monate ­abgestritten hatte: dass er und Kommunikationschefin Sophie-Thérèse Krempl eine Liebes­beziehung führten.

Entscheidend bei Märkis Liaison mit Krempl war nicht, dass er damit wohl gegen das Geschäftsreglement verstossen hat, weil beide in einer Kaderposition waren. Problematisch war der Umgang mit der Beziehung. Sophie-Thérèse Krempl hatte dadurch, dass sie Märki nahestand, einen weit grösseren Einfluss auf das Haus, als dies ihre Position im Vierspartenhaus erlaubt hätte.

Laut Insidern hat sie wiederholt Entscheide, die ihr nicht passten und nicht in ihrem Kompetenzbereich lagen, via Märki ausgehebelt. Dass die Liebesbeziehung nicht als solche deklariert wurde, ist unter diesen Umständen das grösste Versäumnis von Stephan Märki in seiner Berner Zeit.

Abgang: Märki am 6. Juli 2018. Rechts: Nadine Borter. Bild: Franziska Rothenbühler.

Märki, der Krempl stets als «brillante Mitarbeiterin» verteidigt hat, liess sich aber nicht nur durch seine Partnerin beeinflussen. Auch seine Ex-Freundin, Regisseurin Claudia Meyer, hatte mehr Einfluss, als eine Regisseurin gewöhnlich hat. Märki machte sie zur Hausregisseurin und gab ihr damit eine Jobgarantie.

Er zog sie beratend in Ensembleentscheidungen mit ein. Bereits in Märkis früherer Wirkungsstätte Weimar durfte sie regelmässig inszenieren. Wer die (durchaus umstrittene) Qualität ihrer Arbeit hinterfragte, hatte schnell Krach mit ihm. Auch Stephanie Gräve lief unter anderem ihretwegen bei Märki auf.

Ist das schon Günstlingspolitik – oder noch berechtigte Förderung durch den Intendanten, der an Qualitäten von Theaterleuten glaubt? Dass Stephan Märki sensibel mit dieser Problematik umzugehen in der Lage ist, hätte man von ihm erwarten dürfen.

Nachdem ihm in Weimar die Vergabe eines Cateringauftrags an eine Ex-Freundin fast zum Verhängnis geworden war – es kam nicht zu einer gerichtlichen Verurteilung –, hatte er dem Stiftungsrat von Konzert Theater Bern Transparenz in Sachen persönliche Verstrickungen versprochen.

Wie es nun aussieht, profitierten indes nicht nur Freundinnen und Ex-Freundinnen von der Nähe zum Intendanten. Laut einem Insider soll Märki die Gagen befreundeter Gastkünstler eigenhändig (und grosszügig) aus­gehandelt haben, über den Kopf seiner Spartenleiter hinweg, die eigentlich für die Budgets ihrer Sparte zuständig sind.

Gerangel wegen unklarer Organisation

In der Diskussion über Märki wurde oft ins Feld geführt, das Intendantenmodell sei zu überdenken, die Position des starken Mannes an der Spitze des grossen Kulturhauses sei überholt. Jetzt zeigt sich aber, dass nicht etwa eine Führung mit eiserner Hand das Problem war.

Märki, der stets mit einem Pistolenkoffer als Accessoire auftrat, zeigte eklatante Führungsschwäche: Die Hierarchien und Entscheidungswege waren unklar, die interne Kommunikation sowieso.

Nachdem Sophie-Thérèse Krempl, damals noch Chefdramaturgin, zur Kommunikationschefin ernannt worden war, verzichtete KTB, dies zu kommunizieren. Die Medien, die mit der Kommunikationsabteilung eines grossen Kulturhauses regelmässig zu tun haben, wurden nicht informiert.

Weit gravierender noch: Selbst intern wurde Krempls Versetzung verschwiegen. Statt einer Mail an alle Mitarbeiter wurde, Monate später, ein Zettel am unübersichtlichen Anschlagbrett aufgehängt. Einigen Mitarbeitern war über Wochen schleierhaft, wer ihre Vorgesetzte war.

Die Machtkämpfe und persönlichen Auseinandersetzungen, die durch die unklare Führung befeuert wurden, führten zu Problemen, bei denen immer wieder Stiftungsrat Marcel Brülhart vermitteln musste.

Entscheidend ist nicht der Verstoss gegen das Geschäfts­reglement, das Problem war der Umgang mit der Beziehung.

Dass ständige operative Eingriffe durch die strategische Ebene so gut wie nie zu erspriesslichen Resultaten führen – diese Erkenntnis gehört zum kleinen Einmaleins der Wirtschaftslehre.

Gute Arbeit im Schatten der Zerwürfnisse

Angesichts der grossen Probleme scheint unglaublich, wie gut am Anfang Bern und Märki zusammenpassten. Zunächst profilierte er sich als Baumeister. Er hat es geschafft, die Fusion von Stadttheater und Symphonieorchester zu Konzert Theater Bern zu vollziehen, zu einer Einheit mit Facetten.

Er hat die Einschränkungen durch die Stadttheater als Chance erkannt, um hinauszugehen und das Theater den Leuten näherzubringen. Der Waisenhausplatz-Kubus war 2016 der «place to be» in der Hauptstadt. Bevor er sich durch die Kritik an seiner Führung in die Defensive gedrängt fühlte, führte er das Haus mit Weitsicht und liess ab und an Platz für Extravaganz.

Letztes Jahr erhielt KTB sogar eine Einladung zum Theatertreffen in Berlin, die höchste Adelung im deutschsprachigen Theater. Das Symphonieorchester legte unter Mario Venzago einen ständigen Steigerungslauf auf hohem Niveau hin. Die kleine Tanzsparte von Estefania Miranda hat sich etabliert und weist jedes Jahr bessere Zahlen auf.

Bei der Oper konnte nach jahrelangem Rückgang der Zuschauerzahlen die Trendwende geschafft werden. Es lief, auch wenn offenbar Märki und Operndirektor Xavier Zuber nicht immer ein Herz und eine Seele waren. Das Sorgenkind war – trotz der Erfolge – das Schauspiel. Jene Sparte, in der Märkis persönliche Verstrickungen am grössten und am folgenschwersten waren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.07.2018, 11:07 Uhr

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