«Der Islam ist gefangen von Rückständigen»

Mustafa Memeti gilt als gemässigte Stimme unter den Schweizer Imamen. Damit hat sich der Berner nicht nur Freunde gemacht. Konservative Imame haben eine Fatwa gegen seine Moschee im Haus der Religionen in Bern verhängt.

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Herr Memeti, in wie vielen Sprachen predigen Sie? Mustafa Memeti: Auf Albanisch, Arabisch, Bosnisch und Deutsch. Inhaltlich erzähle ich viermal das Gleiche.

Warum sprechen die Muslime in der Schweiz nicht mit einer Stimme, wenn es darum geht, terroristische Akte wie den Anschlag auf das Magazin «Charlie Hebdo» zu verurteilen? Wir sind schwach organisiert, es bestehen ideologische Unterschiede, wir gehören verschiedenen Glaubensrichtungen an, und wir kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen.

Wie setzen Sie sich dafür ein, dass es unter den Schweizer Muslimen eine Einheit gibt? Das geht nur mit einem intensiven Dialog. Aus verschiedenen Gründen herrscht unter den Muslimen aber derzeit kein konstruktiver Dialog.

Suchen Sie den Kontakt zu anderen Imamen? Ja, sicher. Aber es gibt unter den muslimischen Verbänden und Gemeinden nichts, ausser vielleicht dem Freitagsgebet, das uns verpflichtet, zusammenzukommen.

Wissen Sie, was andere Imame predigen? Zum Beispiel in Biel? Nein, und das gibt mir zu denken. Man kann den Imamen und Referenten ja nicht vorschreiben, was sie predigen sollen.

Aber sprechen Sie mit konservativen Imamen in Biel? Wir bemühen uns, ein Gespräch zu finden, aber leider lehnen das die anderen Imame ab. Ich habe es versucht, ohne Erfolg. Es gibt eine grosse Konkurrenz unter den Imamen. Jeder versucht, seinen Einfluss zu steigern. Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) hat das Klima verschärft. Er ist nicht einverstanden mit unserem Konzept. Und er hat Mühe damit, dass wir im Haus der Religionen in Bern eine Moschee eröffnet haben.

2014 wurden die alten Räume Ihres Vereins von Vandalen heimgesucht. Sie vermuteten konservative Muslime hinter der Tat. Haben Sie dafür Beweise? Wir haben keine Beweise, aber viele Hinweise. Manche Imame haben eine Fatwa (Islamisches Rechtsgutachten, Anm. d. Redaktion) gegen unseren Verein erlassen. Sie haben das Gebet bei uns in der neuen Moschee im Haus der Religionen für ungültig erklärt.

Wurden Sie konkret bedroht? Ich habe Drohbriefe erhalten, in denen ich als Verräter, Marionette und Assimilationshelfer beleidigt wurde.

Wissen Sie, wer das war? Das waren Fanatiker.

Sprechen Sie in Ihren Predigten über solchen Extremismus oder Terror im Namen des Islam? Ja, gerade vorige Woche. Meine ganze Predigt handelte davon.

Sie wurden von der «SonntagsZeitung» zum Schweizer des Jahres gekürt, weil Sie sich für einen modernen Islam einsetzen. Was ist ein moderner Islam? Für mich stellt sich die Frage: Ist eine Religion für Menschen oder gegen sie? Ich versuche das Erstere. Und dabei denke ich in erster Linie an die Menschen und nicht nur an die Muslime. Wir wollen den Islam aus der Gefangenschaft der Rückständigen befreien.

Wie soll das funktionieren? Man muss die Radikalen ausgrenzen. Sie dürfen den Islamdiskurs nicht dominieren, indem sie mit ihrer Ideologie in der Öffentlichkeit stehen. Damit provozieren sie unsere Gesellschaft und stellen die Zukunft aller Schweizer Muslime infrage.

Aber was tun Sie konkret? Ich vertrete in der Predigt einen objektiven Islam und appelliere für Anpassungen, die an Ort und Zeit gebunden sind.

Ihr Einfluss als Imam schwindet. Die Jugendlichen radikalisieren sich im Internet. Die Imame und die muslimischen Vereine können ihre Verantwortung nicht abstreiten. Aber zuerst stehen die Eltern in der Pflicht. Sie müssen die Kinder erziehen. Meine Pflicht ist es, solche Themen mit den Jugendlichen am Freitagsgebet zu besprechen und sie vor Radikalen zu warnen.

Wie viele Jugendliche kommen am Freitag zu Ihrer Predigt? 60 bis 70 Prozent am Freitagsgebet sind unter 25 Jahre alt.

Haben Sie selber Fälle von Radikalisierung erlebt? Vor etwa drei Monaten hat sich ein junger Mann von uns abgewendet. Er ist jetzt bei einem anderen Verein.

Haben Sie ihn nochmal getroffen? Ja, aber er wollte nicht mit uns reden. Er liess ausrichten, dass er mit unserer toleranten Haltung, etwa bei den Kopftüchern, nicht einverstanden sei.

Braucht der Islam eine Reformation? Der Islam selber braucht keine Reformation, aber die Menschen müssen sich reformieren. Die heiligen Schriften zu reformieren, wäre gefährlich. Mit derartigen Vorschlägen würde man nur die konservativen Kreise und die Extremisten unterstützen. Sie hätten dann eine Rechtfertigung für ihre Auslegung des Islam und würden uns gemässigte Vertreter als Verräter bezeichnen.

Wie könnte diese Reformation aussehen? Der Islam ist heute zu politisch. Darum gibt es in der gesamten Welt so viele Kriege. Es braucht eine strikte Trennung zwischen Religion und Politik. Religion darf nicht mit dem Gesetz im Widerspruch stehen. Aber das muss die Mehrheit der Muslime auch wollen. So etwas kann man nicht von oben befehlen, es braucht dazu einen demokratischen Prozess.

Getrauen Sie sich, dies laut zu fordern, auch wenn das gefährlich ist? Im Islam und bei Muslimen darf man frei sprechen, es gibt keine Tabuthemen.

Also sind Mohammed-Karikaturen in Ordnung? Es kommt darauf an, wie man diese betrachtet und ob man sie als Provokation versteht. Aber auf eine solch moderne Provokation sollte man auf gleichem Weg antworten. Zum Beispiel mit Artikeln oder Gegendarstellungen, aber sicher nicht mit Gewalt. Anstelle von Selbstjustiz muss man mit den Mitteln des Rechtsstaates antworten.

Was halten Sie von der Idee, den Islam zu einer Landeskirche zu machen? Ich begrüsse diese Idee im Moment nicht, weil es der falsche Zeitpunkt dafür ist. Zuerst brauchen wir Muslime eine Einheit. Im Gegenteil, ich finde diese Idee provokativ für alle Seiten. Auch die Schweizer hätten dagegen wohl Vorbehalte.

Gibt es unter Schweizer Muslimen eine Art sozialer Kontrolle? Nein, es gibt keine Weisungen. Es geht im Islam ja nicht darum, die Menschen dauernd unter Kontrolle zu halten. Dies können nur die Behörden.

Und Ihre Verantwortung? Wenn man hört, dass sich junge Muslime in Moscheen radikalisieren, dann können Sie doch nicht sagen: Das ist Sache der Behörden. Es ist nicht die Aufgabe der gemässigten Imame, radikale Imame zu kontrollieren. Ich bin ja kein Polizist. Meine Aufgabe war es, in die Öffentlichkeit zu treten und zu sagen, wo die Gefahr ist und was man präventiv tun kann. Wie es weitergeht, ist nicht meine Aufgabe.

Wo ist die Gefahr, und was könnte man tun? Prediger, die unsere Werte verachten, die die Gesellschaft provozieren und vergiften, die müssen wir aus den Verbänden ausschliessen. Wenn ein Muslim sich entscheidet, im Westen zu leben, dann muss er auch die hiesigen Werte akzeptieren. Darum müsste man solche Imame entlassen.

Passiert das? Nein, darum brauchen wir einheitliche Strukturen und mehr Kompetenzen. Und die Verbände brauchen die Unterstützung der Behörden.

Also müssten die Schweizer Behörden solche Moscheen schliessen? Ja, wenn der Staat, die Gesellschaft oder der Frieden im Land durch solche Prediger gefährdet sind. Die Freiheit ist für mich heilig. Sie kommt vielleicht noch vor der Religion. Wie kann man Religion ohne Freiheit praktizieren? Gar nicht. Viele Muslime sind in die Schweiz gekommen, weil sie Freiheit wollten. Sie wollten mehr Chancen und Möglichkeiten und nicht Minarette oder Moscheen.

Der IZRS sieht das anders. Als gemässigter Muslim akzeptiere ich keine Parallelgesellschaft, wie der IZRS sie möchte. Darum müssen die Imame in der Schweiz ausgebildet werden. Ausserdem sollte der Islam nicht mehr im Versteckten stattfinden, sondern in der Öffentlichkeit, wie dies im Haus der Religionen geplant ist. Auch dürfen ohne die Bewilligung der Behörden keine neuen Vereine gegründet werden. Und die Behörden müssen neu eingewanderte Imame überprüfen.

Worin besteht der Vorteil, Imame hier auszubilden? Sie kennen die Schweiz, sie kennen unsere Werte und unsere Demokratie.

Wie geht es den Muslimen in der Schweiz? Die Muslime sind hier nicht ausgegrenzt und haben keine seriösen Probleme. Sie besitzen die gleichen Möglichkeiten und fühlen sich hier wohl. Darum müssen wir zeigen, dass unser Glauben für andere keine Gefahr darstellt. Und wenn ich mich trotzdem in der Schweiz nicht wohl fühle, was zwingt mich denn, hierzubleiben?

Berner Zeitung

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