Der Gurtenmoment liess auf sich warten – bis die Schotten kamen

Enttäuschende Hipster, folkig-rumpelnde Berner und euphorische Schotten. Das war das Gurtenfestival 2014. In Erinnerung bleiben wird vor allem ein Moment, der Tausende in die Knie zwang.

  • loading indicator

Wo sind sie, die Gurtenmomente? Jene Momente, in denen die Euphorie nicht schon in den ersten zwei Reihen verpufft, sondern auf alle überschwappt? In denen der ganze Berg zu vibrieren scheint und alle zeitgleich das Gefühl verspüren, gerade etwas Besonderes zu erleben? Solche Szenen machten das Gurtenfestival auch für Bands attraktiv, die am selben Wochenende vielleicht an einem grösseren Festival spielen könnten, meinte Veranstalter Philippe Cornu kürzlich: «Das Gelände ist klein, und mit der Steigung fühlt es sich fast wie in einer Arena an. Deshalb kann man auf der Hauptbühne den ganzen Berg nah bei sich spüren. So entstehen die berühmten Gurtenmomente.» Wir machten uns also auf die Suche nach diesen Momenten – und wurden fündig. Aber es dauerte seine Zeit.

Bläser und Pathos

Erst mal startete das Festival am Donnerstag mit viel Sonne, Schweiss, dem ersten Bier, einem kurzzeitig kurzgeschlossenen Gurtenbähnli und viel Hip-Hop. Den musikalischen Auftakt machte die deutsche Band Moop Mama auf der Zeltbühne. «Lasst die Show beginnen!», rief Rapper Keno Langbein denn auch enthusiastisch ins Publikum. Die zehnköpfige Brassband lieferte die passende Festivaleinstimmungsmusik: sommerlich entspannt, zwischen Funk und Hip-Hop. Tanzen möglich, Kopfnicken Pflicht. Die meisten blieben bei Letzterem. Schliesslich musste man sich an die Hitze erst noch gewöhnen.

Gegen Abend versuchte dann die Sängerin Ekat Bork auf der Waldbühne etwas gar angestrengt, die Menge für sich zu gewinnen. Die in Bern lebende russische Popsängerin versteifte sich im gesanglichen Dauerpathos und tanzte in knappen Shorts wie eine Fruchtbarkeitsgöttin auf einem Fakirbett. Gurtenmoment? Ähhhm – nein.

Bubi Eifach kam dem Zauber am selben Ort, aber fünfeinhalb Stunden später, schon wesentlich näher. Nicht mit Pathos und Hotpants, sondern mit Rock und Authentizität.

Hotspot Waldbühne

So war es vom ersten Tag an einmal mehr die Waldbühne, die für Aufreger sorgte, positive wie negative. Die Band Kadebostany um den Genfer DJ und Produzenten Kadebostan brachte mit ihrer wunderbaren Mischung aus Electropop, Brassmusik und Show noch den hinterletzten Lethargiker in Stimmung. Auch Stiller Has und Jeans for Jesus machten sich gut auf der Waldbühne. Erstere mit Blues und Alterszynismus, Letztere mit Pop und Jugendschalk: «Hello Berne, we are Massive Attack», begrüsste Frontmann Mike Egger das dicht an dicht stehende Publikum am Samstagabend. Bei «Estavayeah», dem letztjährigen Berner Sommerhit der Mundartband, wurde das Konzert endgültig zur ausgelassenen Party.

Und Büne Huber? Er liess die Ochsners und die Hits zu Hause und spielte mit dem Meccano Destructif Commando ebenfalls auf seiner Wunschbühne im Wald. Die Fans kamen in Scharen und am Hang war bald kein Durchkommen mehr. «Mir spile Songs, wo dir villech gar nid kennet oder scho lang vergässe heit», rief Tiefstapler Huber in die Nacht – und gab dem sanften «Schlangenäscht» einen folkig-rumpelnden Charakter.

Von der Waldbühne erklang also viel Hörenswertes, während Newcomer-Hipsterbands wie Milky Chance, Family of the Year oder die Mighty Oaks auf den grösseren Bühnen mehr Langeweile denn Lust verbreiteten. Bei Milky Chance schien sich der Erfolgssong «Stolen Dance» in Endlosschleife zu wiederholen. Die Mighty Oaks boten zwar mit ihrem Folkpop mehr Abwechslung, aber bis zu deren Hit «Brother» vertrieb sich das Publikum die Zeit lieber mit Quatschen als mit Zuhören.

Und dann kamen die Schotten

So vergingen die Konzerte und die Tage, es wurde geschwitzt, getrunken, und bis am Samstag gab es musikalisch durchaus Spannendes zu hören. Die Wundertüte Bonaparte um den Berner Tobias Jundt etwa oder die harten Jungs von The Prodigy, die ein wuchtiges, von Pyros begleitetes Konzert gaben. Aber gerade das junge Publikum schien von den aggressiven Elektrobeats der Neunzigerhelden mehr konsterniert als begeistert, und so blieb der Gurtenmoment weiterhin ein rares Phänomen. Bis die Schotten kamen.

Die Indie-Rocker von Franz Ferdinand spielten am frühen Samstagabend auf der Hauptbühne, und siehe da: Diesmal beflügelte das Publikum die Band, und nicht umgekehrt. Sofort wurde gehüpft, getanzt, es entstand gar mehrmals ein Circle Pit: Im Publikum bildete sich ein grösseres Loch, und die Leute rannten im Kreis. Ein mutiger Besucher liess sich über die Menge tragen, die später mehrmals unisono niederkniete und die Band verbeugend «anbetete». Frontmann Alex Kapranos und seine Mitmusiker konnten die Euphorie, die ihnen da entgegenschwappte, kaum fassen, liessen sich aber gern unterhalten und spielten – mit einem Dauergrinsen im Gesicht – fast eine halbe Stunde länger als geplant.

Das war er also, der musikalische Gurtenmoment 2014. Toppen konnten das auch die Headliner Placebo am Sonntag nicht mehr. In Erinnerung bleiben werden britischen Rocker trotzdem: Das Konzert musste wegen starken Regens 40 Minuten unterbrochen werden.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt