Der Gebäudetechniker arbeitet im 3-D-Kino

Bei vielen Lehrberufen ist die Informatik inzwischen wichtiger als das Handwerk, wie ein Augenschein an den Berufsmeisterschaften in Bern zeigt. Doch es fehlen Lehrstellen und junge Frauen, die sich dafür interessieren.

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Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hat Erfahrung mit schwierigen Reden. An der nationalen Berufsschau Swiss Skills wäre der Bundesrat eigentlich in seinem Element. Das duale Bildungssystem der Schweiz hat er schon bis nach Indien angepriesen; auch in Bern lobt er es am Eröffnungstag als bestes der Welt, das die Jugendarbeitslosigkeit tief halte und Spitzenleistungen in der Industrie garantiere.

Doch je länger die Laudatio des Bundesrats dauert, desto weniger ist davon zu verstehen. Im Hintergrund wird unbeirrt gebohrt, gesägt und gebaut. Die Landschaftsgärtner, deren Verband einer von 135 an der Messe vertretenen Berufsverbände ist, konstruieren Holzstege um die Wette. Damit signalisieren sie auch: Die Lehrberufe brauchen sich nicht zu verstecken, auch nicht vor der hohen Politik.

Plänefalten kein Thema mehr

Viele der ursprünglich stark handwerklich geprägten Berufe sind in den letzten Jahren durch die Digitalisierung verändert worden. Das zeigt sich bei den Gebäudetechnikern. Kurt Frei, 66, hat das Handwerk des Heizungszeichners noch am Reissbrett gelernt, die Baupläne wurden auf Papier gezeichnet, Fehler mit der Klinge weggekratzt, andere erst auf der Baustelle bemerkt und korrigiert.

Seine Tochter Vanessa Frei, 29, hat zunächst die kaufmännische Lehre absolviert, weil sie etwas anderes lernen wollte als der Grossvater und der Vater, für die sie schon früh Baupläne gefaltet hatte. Als Vanessa Frei eine dreijährige Zusatzlehre als Gebäudetechnikplanerin in Angriff nahm, abends die Berufsmatur ab­solvierte und ein dreijähriges Studium anhängte, war das Bau­plänefalten kein Thema mehr.

Vorteile der Digitalisierung

Gezeichnet wurde dreidimensional am Computer (CAD). Bei den Architekten und Bauunternehmungen ging bald nichts mehr ohne digitale Erfassung und Modellierung aller relevanten Daten, im Fachjargon Building Information Modeling. «Für erfahrene Berufsleute bedeutet das, dass sie ihren eigenen Beruf alle paar Jahre neu lernen müssen», sagt Kurt Frei. Er hat sein Unternehmen mit zehn Angestellten abgegeben und übernimmt noch Beratungsaufgaben.

Tochter Vanessa Frei, die als Projektleiterin Lüftung beim Ingenieurunternehmen Amstein + Walthert in St. Gallen tätig ist, sieht in der zunehmenden Digitalisierung des Berufs zahlreiche Vorteile. «Heute erkennen wir schon im digitalen Modell, wenn eine Kollisionsgefahr zwischen einer Heizungs- und einer Lüftungsleitung droht.»

Die elektronische Ausstattung von Gebäuden sei so komplex geworden, dass Installateure heute mit dem Computer auf die Baustelle kämen, um eine knifflige Situation aus allen Perspektiven anschauen zu können. Wie der Lüftungsschall am besten gedämpft werde oder welche Ventilatorgrösse für einen Raum angemessen sei, könne «auf Knopfdruck berechnet und ausgetestet» werden.

Und wo Vater Kurt Frei noch mit kritischem Auge auf der Baustelle prüfte, ob alles seine Ordnung hatte, montiert Vanessa Frei die 3-D-Brille, um die installierte Realität exakt mit der digitalen Modellierung abzugleichen.

Ein Anliegen verbindet Tochter Vanessa und Vater Kurt Frei: Obwohl die Nachfrage nach ­Gebäudetechnikern auf dem Arbeitsmarkt gross ist, interessieren sich zu wenig Jugendliche für die Berufslehren des Suissetec-Verbands. «Alle wollen Architekt werden, obwohl es davon schon zu viele gibt», sagt Vanessa Frei. «Dabei ist es mindestens so spannend, sich um Heizung oder Lüftung zu kümmern.»

Abwerben statt ausbilden

Nachwuchssorgen anderer Art hat Serge Frech, Geschäftsführer der ICT-Berufsbildung. Das Interesse an Informatiker-, Mediamatiker- und Applikationsentwickler-Lehrstellen ist gross, und die Wirtschaft sucht händeringend nach diesen Fachleuten, schafft aber zu wenig Lehr­stellen. Das Ziel von Frech ist es, dass das jährliche Angebot von 2300 Lehrstellen bis in vier Jahren auf 3000 erhöht wird.

Das gelingt laut Frech allerdings nur, wenn nicht nur Post, Swisscom, UBS oder SBB Informatiker ausbilden, sondern auch die internationalen Beratungsunternehmen oder globale Player wie Google, die bisher «mehr gut Ausgebildete abgeworben als selber ausgebildet» haben. Zudem müsse es endlich gelingen, junge Frauen für IT-Berufe zu begeistern, damit deren Anteil auf über 15 Prozent steige.

Bessere Perspektiven

Noch bleibt viel zu tun, wie der Augenschein an den Swiss Skills zeigt: Nicht nur die Lehrlinge sind durchs Band männlich, auch unter den Besuchern lassen sich kaum Schülerinnen ausmachen.

Laut Frech drängt die Zeit: Ohne raschen Ausbau des Lehrstellenangebots und vermehrte Umschulungen könnten in wenigen Jahren Zehntausende von IT-Fachleuten fehlen. Im kleinen Rahmen will Serge Frech auch selber Gegensteuer geben: Seinen Kindern rät er, ­zuerst eine Berufslehre zu machen statt der Matura. Das biete bessere Perspektiven und sei ­lukrativer. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2018, 20:48 Uhr

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