Der Gaskessel hat eine echte Debatte verdient

Dass ein einzelner Privater oder ein Stadtpräsident allein mit einem Federstrich über die Existenz eines politisch legitimierten Jugendzentrums entscheidet, wäre eine Veränderung, die sich niemand wünschen kann. Ein Standpunkt von BZ-Redaktor Christoph Hämmann.

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Die Präsidialdirektion der Stadt Bern hat den Gaskessel zum Abschuss freigegeben. Stadtplaner Mark Werren glaubt nicht, dass das 42-jährige Jugend- und Kulturzentrum neben der geplanten Wohnüberbauung auf dem Gaswerkareal eine Zukunft hat. «Ich bin der Meinung, dass man für den Gaskessel eine andere Lösung wird suchen müssen», sagte er kürzlich im «Bund». Und Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) betont regelmässig, der Standort des Gaskessels sei zu abgelegen für Jugendliche, die heutzutage lieber im Zentrum feierten. Er sei nicht etwa von sich aus zu dieser Sicht gelangt, so der Stapi: Leute aus der Kultur hätten diese Position am runden Tisch zum Nachtleben vertreten. Weil die runden Tische nicht öffentlich sind, blieben die Namen dieser Gaskessel-Kritiker bisher unbekannt.

Der Blick in die Protokolle lässt nun aber Tschäppäts Argumentation in sich zusammenfallen. Nur gerade Christian Pauli, Präsident des Dachverbands Bekult, rüttelte anlässlich des ersten runden Tisches im Juli 2012 explizit am Standort des Gaskessels – notabene in Abwesenheit der Betreiber. Andere kritisierten damals lediglich, der «Chessu habe als Jugendzentrum an Bedeutung verloren. Diese Kritik ist angekommen: Aus dem Gaskessel wird mit Zahlen belegt, dass das Haus an Schwung zugelegt hat und sein junges Publikum erreicht. Das sieht inzwischen auch Pauli so: Der 50-Jährige, einziger Zeuge des 61-jährigen Tschäppät, revidierte zumindest seine inhaltliche Kritik am Gaskessel. Er habe sich diesen unterdessen einmal genauer angeschaut, sagte er letzte Woche dem «Bund», und dabei gute Leute angetroffen, die gute Arbeit machten.

Es entsteht der Eindruck, dass ältere Männer die Bedürfnisse Jugendlicher verhandeln, ohne Letztere zu befragen. Dem Stadtpräsidenten genügt eine einzige, offensichtlich unbedarft geäusserte Meinung als Vorwand, den runden Tisch als Absender der Kritik am Standort des Gaskessels zu bezeichnen. Ins Leere zielt auch der Vorwurf, die Jungen wehrten sich gar nicht für ihren «Chessu». Er zeigt vor allem eins: Hier wie dort werden die Stimmen aus dem Gaskessel offensichtlich nicht gehört.

Hier wie dort sind die drei Medienmitteilungen, mit denen sich der Gaskessel in den letzten zehn Tagen gegen die «Kampagne» aus der Stadtverwaltung wehrte, offenbar nicht angekommen. Und hier wie dort wird lieber über den Gaskessel als mit den Gaskessel-Leuten gesprochen.

Übrigens: Als letztes Jahr im Stadtparlament über den Gaskessel diskutiert wurde, füllten die Jugendlichen aus dessen Umfeld locker die Zuschauertribüne. Kürzlich empfingen die mehrheitlich jugendlichen «Chessu»-Betreiber eine Grossratsdelegation. Die Gaskessel-Leute sind also alles andere als untätig.

In den letzten Tagen unterstützten vornehmlich rot-grüne (Jung-)Parteien den Gaskessel. Genauso wahr ist aber, dass im letzten November im Stadtrat eine Motion eingereicht worden war, die eine Finanzierung des Gaskessels über 2014 hinaus verlangt. Die Absender des Vorstosses repräsentieren von ganz links bis ganz rechts fast alle Parteien.

Was ist also bei nüchterner Betrachtung der Stand der Dinge auf dem Gaswerkareal? Es ist ein Planungsprozess angelaufen, dem wegen des Outsourcings des Geschäfts an die private Firma Losinger Marazzi AG ohnehin spezielle Beachtung gilt. Zu dieser Planung gehören Rahmenbedingungen wie der Uferschutz, die Monbijoubrücke oder die Schwimmhalle, die nach heutigem Stand mitberücksichtigt werden muss – und dazu gehört der Gaskessel, solange nicht in demokratischen Prozessen etwas anderes entschieden worden ist. Was mögliche Nutzungskonflikte auf dem Gaswerkareal betrifft, die Tschäppät fürchtet, ist die Ausgangslage ganz einfach: Wenn sich eine Überbauung des Areals explizit mit dem Gaskessel arrangieren muss, fehlt solchen Konflikten von Anfang an jede Grundlage.

Diese Stadt mag eher an zu wenig als an zu viel Veränderung kranken. Dass aber ein einzelner Privater oder ein Stadtpräsident allein mit einem Federstrich über die Existenz eines politisch legitimierten Jugendzentrums entscheidet – das wäre eine Veränderung, die sich niemand wünschen kann.

Spätestens wenn an der Nägeligasse tatsächlich ein neuer Treffpunkt für Junge entsteht, muss darüber diskutiert werden, was sich Bern in Sachen Jugendkultur leisten kann und will. Der Gaskessel seinerseits wird immer wieder – wie alle öffentlich unterstützten Institutionen – den Nachweis erbringen müssen, dass er eine wichtige Funktion erfüllt und sein Geld wert ist. Solange aber eine Mehrheit in Bern dies so sieht und den Standort des Gaskessels als genau richtig erachtet, so lange muss ein vernünftiger Betrieb des Gaskessels finanziert werden. So lange ist zudem den Betreiberinnen und Betreibern des Gaskessels und generell der Kulturstadt Bern eine Debatte zu wünschen, die ihrerseits eine gewisse Kultur wahrt.

Mail: christoph.haemmann@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.10.2013, 13:41 Uhr

BZ-Stadtredaktor Christoph Hämmann.

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