Das grosse Heulen

Am Mittwoch war es wieder so weit: Die 7200 Sirenen in der Schweiz mussten sich dem jährlichen Test unterziehen. Was aber passiert eigentlich im Hintergrund, wenn das grosse Heulen durchs Land geht?

Eine von schweizweit 7200 Sirenen, die gestern getestet wurde: Die Anlage am Standort Schliern.

Eine von schweizweit 7200 Sirenen, die gestern getestet wurde: Die Anlage am Standort Schliern. Bild: Raphael Moser

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Noch ein kurzer Schwatz am Handy. Dann der obligate Kontrollgriff in die Jackentasche, wo der Schlüsselbund verstaut ist. Dazwischen hier ein Scherz, da ein Spruch. Patrick Knuchel steht vor dem Eingang eines Hochhauses in Schliern und wartet geduldig. Den 50-Jährigen bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Selbst heute nicht – an seinem wohl lautesten Arbeitstag des Jahres.

Es ist 13.20 Uhr. In zehn Minuten heulen im ganzen Land testhalber 7200 Sirenen auf. 1254 sind es im Kanton Bern. Jede Gemeinde ist am grossen Testtag, der jedes Jahr am ersten Februarmittwoch stattfindet, für die jeweiligen Sirenen auf ihrem Gebiet zuständig.

«Da will niemand danebenstehen»

In Köniz hat Zivilschutzkommandant Patrick Knuchel die Verantwortung. «Hier haben wir total 25 Sirenen», erklärt er. Will heissen: 20 stationäre Anlagen, die auf mehrere Standorte in der Gemeinde verteilt sind, sodass der Alarm möglichst von jedem Flecken aus hörbar ist. Dazu kommen 5 mobile Sirenen auf Fahrzeugen. Letztere würden im Katas­trophenfall eine definierte Route in abgelegenen Orten abfahren, damit auch dort die Bewohner vom Notfall erfahren würden. Probe gefahren sei man bereits vor einigen Wochen, sagt Knuchel. «Für den akustischen Test bleiben die Sirenen aber auf dem Kommandoposten.»

13.30 Uhr. Das Heulen beginnt. Ein lauter, auf- und absteigender Ton schallt in den verhangenen Himmel. Ein Vater beugt sich über einen Kinderwagen. Eine Frau öffnet das Küchenfenster. Patrick Knuchel schaut in Richtung Hochhausdach, wo der Lärm herkommt. Er grinst. «Da will niemand direkt danebenstehen.» Wegen der beachtlichen Lautstärke der Sirenen stehen diese in der Regel auf Hausdächern. Damit sie ihren Zweck erfüllen, müssen sie aber laut genug sein.

Wie laut, schreibt der Bund genau vor: Von überallher muss man den Alarm mit einer Lautstärke von mindestens 65 Dezibel hören. Das entspricht etwa der Lautstärke einer Nähmaschine. In städtischen, eher geräuschvollen Gebieten sind die Sirenen daher tendenziell in höherer Dichte installiert als auf dem Land. Einen Einfluss hat aber auch das Alter des jeweiligen Modells. «Die neueren, modernen Sirenen haben eine deutlich grössere Reichweite», so Knuchel.

Nach einer Minute ist der erste Testalarm – ausgelöst per Funksignal durch die Kantonspolizei Bern – vorbei. «Die Sirene hier scheint zu funktionieren», sagt Knuchel, der heute für den Standort Schliern zuständig ist. Für die Kontrolle der anderen 19 stationären Sirenen an den übrigen Könizer Standorten stehen Helfer im Einsatz. Zwei Zivilschutzleistende pro Sirene – so lautet die Devise. Sie werden dem Chef nach dem Test allfällige Störungen mitteilen müssen.

13.35 Uhr. Nun folgt Runde zwei – und somit erneuter Lärm. Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung hielten sich aber in Grenzen, sagt Knuchel. «In aller Regel wissen die Leute, dass der Test stattfindet.» Anrufe von Bürgern gebe es trotzdem immer wieder – aber nicht, weil diese erschrecken würden. «Wenn sich Leute melden, dann eher, weil sie die Sirene nicht gehört haben.» In diesen Fällen ist der Grund meist eine defekte Anlage. Eine solche müssen die Gemeinden nach dem Test dem Kanton melden, der die Fehler dann beheben lässt.

Probleme mit Wasseralarm

Um 13.45 Uhr folgt schliesslich der letzte Test. Diesen Alarm lösen Knuchel und seine Leute manuell vor Ort aus – per Schlüsseldrehung in einem Kasten. Eine Minute später ist für den Kommandanten der diesjährige Test Geschichte. Eine Kontrolle des Wasseralarms, die in der Nähe von Stauanlagen jeweils auch noch durchgeführt wird, erübrigt sich in Köniz.

Der Test 2018 wird für Knuchel einer mit tadellosem Ergebnis gewesen sein, wie er kurz darauf im Büro erfährt. «100 Prozent der Sirenen haben funktioniert.» Eine Quote, die Knuchel gerne den Kantonsbehörden weiterleitet. Diese vermelden ihrerseits gegen Feierabend weniger Erfreuliches: Zwar seien beim allgemeinen Alarm nur zwei Sirenen stumm geblieben. Beim Wasseralarm gab es aber Probleme. Dort streikte das Auslöse­system, der Alarm blieb komplett aus.

Für Kommandant Knuchel stehen nun wieder 364 – zumindest akustisch – ruhigere Tage bevor. Bis am nächsten ersten Februarmittwoch das grosse Heulen wieder beginnt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.02.2018, 20:18 Uhr

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