«Das Wort Dichtestress habe ich hier zum ersten Mal gehört»

Bern

Vor seinem Auftritt in Bern sprach Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) über Gemeinsamkeiten zwischen beiden Städten. Und darüber, dass er das Ja zur Zuwanderungsinitiative als «kurzsichtig» wertet.

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Wolf Röcken

Klaus Wowereit, Bern sei ein Dorf, heisst es. Wie wirkt die Stadt auf Sie, als Bürgermeister einer echten Grossstadt?
Klaus Wowereit: Für Schweizer Verhältnisse ist Bern eine Grossstadt. Natürlich ist Bern nicht so gross wie Berlin. Aber wenn ich Berlin mit Tokio oder mit Buenos Aires vergleiche, gibt es da auch erhebliche Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass Städte nicht die gleichen oder ähnliche Probleme kennen.

Sie waren im Einstein-Jahr 2005 hier und an der Euro 08. Wie hat sich Bern verändert?
Im Vergleich zur Euro 08 ist deutlich weniger orange zu sehen (lacht). Im Ernst: Ausser den Räumen im Bundeshaus und im Hotel habe ich noch nicht viel sehen können.

Kriegen Sie bei solchen Besuchen überhaupt etwas mit von der Atmosphäre einer Stadt?
Durch Gespräche mit den Menschen schon. Ich versuche immer, auch was von der Stimmung mitzunehmen. Hier in Bern wird sehr stark diskutiert über die Frage, wie es nach dem Ja zur SVP-Initiative weitergehen soll. Bern hat ja anders abgestimmt als weite Teile der Schweiz, insofern ist das ein grosses Thema.

Wie interpretieren Sie denn das Schweizer Ja zur Masseneinwanderungsinitiative?
Ich halte es für eine kurzsichtige Entscheidung. Es gibt in jeder Gesellschaft Ressentiments gegenüber Fremden. Aber ich denke, dass die Schweiz gut beraten war, Menschen aufzunehmen, die gute Arbeit leisteten. Es geht ja auch um jene, die einen wesentlichen Beitrag zum Wohlstand beitragen. Ich glaube, die Schweiz hat sich selber keinen Gefallen getan und kann nur hoffen, dass man bei der Umsetzung vernünftige Regelungen findet.

Sie haben es erwähnt: Die Stadt Bern lehnte die Initiative ab, mit 72 Prozent. Wie werten Sie das?
Diese 72 Prozent entsprechen aus meiner Sicht einer Haltung, die eine Stadt einnimmt. Das ist ein gutes Zeichen. Dafür lohnt es sich, täglich zu kämpfen. Das Miteinander funktioniert nur, wenn es gelebt wird. Hier in Bern hat man mit verschiedenen Menschen offenbar gute Erfahrungen gemacht.

Was denken Sie, wie eine Abstimmung über dieselbe Frage in Deutschland ausfallen würde?
Schwierig zu sagen. Ich glaube, dass es dafür keine Mehrheit geben würde. Ich kann nicht ausschliessen, dass es bei bestimmten Ausländerfragen Ergebnisse geben würde, die mir nicht gefielen. Aber bei der Frage, wie sie sich in der Schweiz stellte, würde es keine Mehrheit geben.

Sie wurden eingeladen, um zum Thema Hauptstadt zu sprechen. Sie sind via Zürich angereist. Irritiert es Sie, dass Bern keinen grossen Flughafen hat?
Nein, das kenne ich aus anderen Bereichen auch. Wenn es die ökonomischen Verhältnisse nicht erlauben, hat man eben nicht täglich einen Flug. Zurück fliege ich aber ab Belp. Ganz früh.

Ihre Gemeinsamkeiten mit Alexander Tschäppät sind zahlreich. Sie haben nur ein Jahr Altersunterschied, sind beide Sozialdemokraten und Sie sind beide nicht um einen Spruch verlegen. Wie gut kennen Sie sich?
Wir haben uns auch in Berlin getroffen. Es ist ein Kontakt, der sich über Jahre weiterentwickelt hat. Wir telefonieren nicht jeden Tag, aber es ist eine Vertrautheit da, und das ist sehr angenehm.

In welchen Bereichen lohnt sich ein Austausch zwischen einer Schweizer Kleinstadt und einer deutschen Grossstadt?
Es lohnt sich immer, denn es gibt ja kein Copyright auf gute Ideen. Alle können voneinander lernen und hemmungslos kopieren. Ein Beispiel: Die lange Nacht der Museen ist heute weltweit verbreitet. Wir meinen, dass Berlin sie erfunden hat – aber das behaupten andere auch (lacht). Wichtig sind auch die Kultur und eine Internationalität. Metropolen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Platz bieten für Menschen aus der ganzen Welt. Bern ist eine internationale Stadt, das sollte sie sich erhalten durch eine innere Offenheit.

Vor einem Jahr berichteten wir, dass sich Berlin nach Berner Vorbild einen Schwimmabschnitt in der Spree leisten will. Kommt das Projekt zustande?
Es ist noch nicht vorwärtsgekommen, aber es wird weiterverfolgt. Es stellen sich Fragen: nach der richtigen Stelle oder inwieweit die Schifffahrt betroffen ist.

Berlin und Bern tragen den Bären im Wappen und halten die Tiere in der Stadt. In Berlin soll damit Schluss sein, wenn die Bärin Schnute stirbt. Weshalb?
Viele Tierschützer sind mit der Bärenhaltung nicht einverstanden. Es kommt sicher niemand mehr auf die Idee, in Berlin einen neuen Bären aufzunehmen. Diese Tradition wird auslaufen. Eine Gemeinsamkeit mit Bern könnte der Kampf darum sein, Nachbargemeinden an Infrastruktur zu beteiligen. Wie verteilt Berlin die Zentrumslasten?
Wir haben ein System des Länderfinanzausgleichs. Aktuell gibt es zwar keine Diskussion darüber. Aber der Ausgleich wird 2019/2020 neu diskutiert, da sind solche Themen latent. Wie auch das Thema, dass Lohn- und Einkommenssteuer am Wohnort und nicht am Arbeitsort erhoben werden. Hier machen wir Verluste, weil viel mehr Menschen nach Berlin pendeln als aus der Stadt.

Wer zahlt die sogenannten Hauptstadtlasten?
Wir erhalten über den Hauptstadtvertrag bestimmte Leistungen von der Bundesregierung erstattet. Aber aus unserer Sicht eben nur die Hälfte des Aufwands. Wir fordern permanent einen höheren Betrag. Wenn bei uns die Bauern demonstrieren, richtet sich das ja nicht gegen die Politik der Stadt Berlin, sondern gegen jene der Bundesregierung.

Spüren Sie einen Anti-Berlin-Reflex?
Persönlich nicht. Aber klar: Es ist anders als mit Bonn. Das war eine Hauptstadt, die niemandem Konkurrenz machte. Gegen Berlin gab es sicher Ressentiments im Westen und im Osten. Man muss aber berücksichtigen, dass in der DDR fast alles zuerst in die Hauptstadt ging. Aber heute wird eher verstanden, dass eine starke Hauptstadt nicht gegen das System des Föderalismus spricht.

Was tragen Sie zu diesem Verständnis bei?
Das wächst dadurch, dass sehr viele Menschen in die Stadt kommen und Berlin als ihre Hauptstadt erleben. Wenn ich unterwegs bin, sage ich immer «eure Hauptstadt». Denn Berlin ist die Hauptstadt aller Deutschen. Und hat eine grosse Anziehungskraft. Wie geht Berlin mit den Touristenströmen um?
Wir freuen uns darüber, ehrlich. Jährlich steigen die Übernachtungszahlen um 8 bis 10 Prozent. Wir haben 27 Millionen Übernachtungen und 130'000 Hotelbetten, und es sind weitere 40 Hotels in Planung oder im Bau. Wir wollen, dass Menschen nach Berlin kommen, Junge sowie auch Ältere.

Wie steuert die Stadt das riesige Partyleben, das weitere Hunderttausende anlockt? Das ist nicht einfach so zu planen. Das Ruhebedürfnis der Menschen ist mit dem Clubleben nicht immer in Einklang zu bringen. Das kann man in einer Demokratie nicht bis ins Detail steuern, man muss Konflikte auch austragen. Berlin wächst rasant. Gibt es Stimmen, die finden, Berlin dürfe nicht mehr weiterwachsen?
Ja, die gibt es. Berlin ist in den letzten beiden Jahren jeweils um rund 50'000 Einwohner gewachsen. Das hält an, und es braucht neuen Wohnraum. Berlin hat den Vorteil, dass es riesige Flächen auf Stadtboden gibt, die brach liegen und die man nutzen kann. Entsprechend haben aber auch Leute Angst vor Gentrifizierung und hohen Mieten.

In Zusammenhang mit Wachstum ist in der Schweiz das Wort Dichtestress aufgetaucht. Was verstehen Sie darunter?
Ich habe das Wort am Montag zum ersten Mal gehört. Ich muss also erst noch mal richtig drüber nachdenken (lacht).

Der 60-jährige Klaus Wowereit (SPD) ist seit 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin. Er ist der dienstälteste Regierungschef eines Bundeslandes. Von 2009 bis 2013 war er stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD.

Berner Zeitung

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