Das Unsichtbare wird sichtbar

Im Berner Münster steht zurzeit ein Kunstobjekt, das Röntgenbilder ans Licht bringt.

Die Künstlerin Marion Linke vor der Lichtinstallation «Sichtbar Unsichtbares». Foto: Raphael Moser

Die Künstlerin Marion Linke vor der Lichtinstallation «Sichtbar Unsichtbares». Foto: Raphael Moser

Anastasia Presta

Von weitem scheint es, als stehe ein beleuchteter Weihnachtsbaum im Berner Münster. Er trägt jedoch weder Kugeln noch Girlanden. Stattdessen sind Wirbelsäulen, Gedärme und Schädel zu erkennen, und man merkt: Das kann kein Weihnachtsbaum sein. Es ist das Werk der Berner Konzept- und Installationskünstlerin Marion Linke. «Sichtbar Unsichtbares» heisst das Lichtobjekt, das aus einer Auswahl von vielen Hunderten von Röntgenbildern besteht. 

Abbilder der Verletzlichkeit

«In der Transparenz der Röntgenbilder zeigt sich für mich die physische und psychische Verletzlichkeit des Menschen», sagt Linke. Das von ihr konzipierte Exponat möchte daran erinnern, dass Menschen nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich verwundbar sind. «Die Botschaft des Kunstobjekts gemahnt an achtsamen und respektvollen Umgang miteinander.»

Doch könnte für manche das Kunstwerk aus Knochen und Schädeln auch makaber scheinen. Linke hat für eine solche Ansicht Verständnis: «Es gibt kritische Stimmen. Ich finde aber, dass der Betrachter näher hinschauen sollte.»

Wer einen genaueren Blick auf das Kunstwerk wirft, erkennt etwa Schrauben und Metallplatten an den Gelenken. Daneben stehen Notizen von Chirurgen. «In mir löst das Exponat keine morbide Stimmung aus. Diese Bilder wurden gemacht, um Menschen zu helfen.» Ausserdem sei die Ästhetik und Vielschichtigkeit des menschlichen Körpers nicht zu übersehen. 

Relikte einer vergangen Zeit

Mit seiner Höhe von fast sechs Metern befindet sich das Kunstwerk in der Bubenberg-Kapelle des Münsters. Es kann jedoch jederzeit verschoben werden, da es auf Rädern steht. Bestehend aus einem schwarzen Rahmengerüst, hat das Kunstobjekt die Form der Münsterturmspitze.

Im Innern beleuchten neun Lampen die Röntgenbilder, die zwischen zwei Plexiglasplatten befestigt sind. Bezogen hat Marion Linke die Röntgenbilder aus dem Archiv des Inselspitals. Sie wurden anonymisiert und sind teilweise schon sehr alt. «Es sind die Schattenbilder der Vergangenheit, Erinnerungsbilder an Menschen», sagt Linke.

Diese Röntgenbilder sind in der heutigen digitalen Welt eines Spitals Relikte einer vergangenen Zeit. Denn Chirurgen und Ärzte setzen vermehrt auf die digitale Form der Röntgenbilder.

Während fast dreier Monate erarbeitete Marion Linke aus der Vielfalt von Röntgenbildern die endgültige Komposition.«Das Licht lässt jedes Röntgenbild in einer anderen Farbe erscheinen. Manche wirken gelblich, andere gräulich», erklärt Linke. 

Ins «rechte Licht» rücken

Marion Linke ist seit über 25 Jahren eine freiberuflich tätige bildende Künstlerin. Sie hat ein Diplomstudium Kunstverglasung und Glasveredelungstechnik absolviert und trägt die Berufsbezeichnung Kunstglasermeisterin und Glasveredelungstechnikerin. Daher liegt es auch nahe, dass sie ihre lichtbezogenen Werke mit Röntgenbildern in Glas umsetzt. 

An der Vernissage der Ausstellung äusserte sich auch der Herzchirurg Thierry Carrel. In seiner Festrede sagte er: «Die Suche nach dem rechten Licht, gewissermassen also ‹ein Kunstwerk ins rechte Licht rücken›, das beschäftigt wohl viele künstlerisch Schaffende.» Aber hier sei die Suche nach dem rechten Licht von existenzieller Bedeutung. Licht erwecke dieses Kunstwerk erst zum Leben.

Bis zum 6. Januar 2019 stehtdas Kunstobjekt «Sichtbar Unsichtbares» im Berner Münster. 

Berner Zeitung

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