Köniz

Das Repair-Café lief auf Hochtouren

KönizKostenloser Einsatz gegen die Wegwerfmentalität: Am Samstag reparierten Fachleute und Tüftler an der Landorfstrasse in Köniz defekte Geräte und kaputte Kleider. Mit vollem Erfolg, wie die Initiantin Anna Thüler sagt.

Bald wieder einsatzbereit:   Der ferngesteuerte Rennwagen von Aurel Widmer (links) und seinem Bruder Vital auf dem Reparaturtisch.

Bald wieder einsatzbereit: Der ferngesteuerte Rennwagen von Aurel Widmer (links) und seinem Bruder Vital auf dem Reparaturtisch. Bild: Christian Pfander

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Ein kleiner Pfeil mit der Aufschrift Repair-Café und viele Leute, die dem Eingang an der Landorfstrasse 21 zustreben: Dieses Bild bietet sich am Samstagnachmittag in Köniz. Und damit ist auch klar, dass der «Aktionstag gegen die Wegwerfindustrie» ein Erfolg wird.

Was in Holland als Idee entstand, erfreut sich offensichtlich auch in der Schweiz immer grösserer Beliebtheit. Statt nicht mehr funktionierende Dinge wegzuwerfen, kämpfen Frauen und Männer mit viel Fachwissen und mit dem Einsatz von Nähmaschinen, Lötgeräten und Schraubenziehern unentgeltlich gegen die Entsorgung an.

Kundenstrom reisst nicht ab

Bereits um 10 Uhr morgens haben 24 freiwillige Fachleute ihre Arbeit in den beiden zum Repair-Café umgestalteten Räumen aufgenommen. Und schon vor dem Start warteten Leute mit Staubsaugern, Handys und Spielsachen vor dem Eingang. Danach sei der Strom der Kunden nicht abgerissen, sagt die Initiantin Anna Thüler. Später wird sie die Anmeldeformulare zählen und feststellen, dass über 120 Personen das Angebot in Köniz genutzt haben.

So am frühen Nachmittag auch Amélie Bürgy. Die 85-Jährige aus dem Liebefeld kann sich einfach nicht von ihrem Bügeleisen trennen. Die rote Farbe ist bereits verblasst, der Schriftzug «Jura» aber noch deutlich zu erkennen. Das Bügeleisen stammt aus den 70er-Jahren, doch seit geraumer Zeit heizt es nicht mehr richtig auf. «Ich mag die ‹Glettise› der neuen Generation nicht», gesteht Bürgy ihrem Gegenüber.

Christoph Maurer lächelt kurz und öffnet das Bügeleisen der ganz alten Sorte. Der Informatiker und ehemalige Elektriker wird schnell fündig. Er muss ein defektes Stück Kabel ersetzen. «So, das hätten wir», meint er kurz darauf. «Diese alten Bügeleisen sind wirklich kaum zu bodigen.» Der Dank der Frau ist ihm gewiss. Schnell steckt sie noch etwas Geld in die aufgestellte Spendenkasse.

Der Wegwerfgesellschaft ein Schnippchen schlagen

Die Spenden werden für die Materialkosten und die Werbung verwendet. Maurer selbst arbeitet gratis. «Wir schlagen hier der Wegwerfgesellschaft ein Schnippchen», sagt er. Das reiche ihm als Motivation. Es sei Zeit, der Euro 9.99-Manier Einhalt zu gebieten, fügt er noch an.

Ähnlich tönt es am Tisch nebenan. «Das hier entspricht meiner Einstellung. Was geflickt werden kann, soll geflickt werden», sagt Francesco Caputo. Der Kaffeemaschinentechniker mit eigenem Geschäft ist an diesem Tag ein gefragter Mann. Er besitzt eine Kamera, die mit einem Schlauch in Geräte eingeführt werden kann. So stellt er fest, ob sich im Innern einfach zu viel Kalk abgelagert hat oder ob ein gröberer Schaden entstanden ist.

Bei Sandra Ellenberger aus Köniz ist es der Kalk. Sie trägt ihr Dampfgerät unbehandelt wieder hinaus, weiss aber, was Abhilfe schafft: «Es braucht ein Spezialmittel aus der Apotheke, dann sollte mein Vaporex wieder funktionieren.» Eine solche Information hätte sie beim Detailhändler nie erhalten, ist Ellenberger überzeugt: «Sie hätten mir gesagt, eine Reparatur lohne sich nicht, ich solle ein neues Gerät kaufen.»

Weitere Anlässe gesichert

Es sind genau solche Informationen, die Anna Thüler bewogen haben, zusammen mit weiteren Personen ein Repair-Café zu organisieren. Die Idee ist angekommen, 40 Personen haben sich nach einem Aufruf als Helfer gemeldet. Damit sei die Durchführung von zwei nächsten Anlässen gesichert, so Thüler. Auch weil das erste Repair-Café so grossen Anklang fand. Ein Teil der Fachleute machte bereits beim bestehenden Repair-Café im Progr Bern mit. Hier holte sich Thüler Rat. Und ermöglichte dadurch den Start in Köniz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.03.2015, 06:09 Uhr

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