«Das Päckli hat hohen symbolischen Wert»

Wabern

Die Spendenfreudigkeit der Schweizer beeindruckte ihn ebenso wie die Armut in Osteuropa. Zum 12. und letzten Mal leitet Josef Reinhardt die Aktion 2 × Weihnachten, die es seit 20 Jahren gibt. Künftig wird sie anders sein.

Josef Reinhardt hält eines der ersten Pakete in den Händen, die in Wabern eingetroffen sind. Ab 9. Januar helfen dem Projektleiter von 2 × Weihnachten Freiwillige, die Ware zu sortieren.

Josef Reinhardt hält eines der ersten Pakete in den Händen, die in Wabern eingetroffen sind. Ab 9. Januar helfen dem Projektleiter von 2 × Weihnachten Freiwillige, die Ware zu sortieren.

(Bild: Andreas Blatter)

Lucia Probst

Josef Reinhardt, wie sieht es dieses Jahr aus: Sind schon viele Päckli bei Ihnen eingetroffen?Josef Reinhardt:Wir sammeln seit 24. Dezember, und es sind jetzt schon rund 35'000 Pakete gespendet worden. Ich finde, es ist gut angelaufen.

2 × Weihnachten findet zum 20. Mal statt. Sind die Leute spendenfreudiger als früher?Die Leute sind sehr spendenfreudig. Trotz stärkerer Konkurrenz können wir unseren Level halten. Wir Hilfswerke müssen aber aufpassen, dass wir an Weihnachten nicht zu viel sammeln. Wir dürfen die Leute nicht überstrapazieren, sonst werden sie das Spenden irgendwann satthaben.

Sie sammeln Lebensmittel und fahren diese dann im Lastwagen zu Bedürftigen nach Osteuropa. Ist das nicht überholt?Ein Stück weit ist das so. Wir können in Weissrussland auch Nudeln kaufen, und das erst noch viel billiger. Lebensmittel ins Ausland zu fahren, wird auch wegen der Zollvorschriften schwieriger. Man kann seit ein paar Jahren auch online symbolisch Päck­li kaufen und so Geld spenden. 70 Prozent der Spenden sind aber immer noch Lebensmittel. Viele, die uns Teigwaren im Wert von 20 Franken schicken, würden uns keine Zwanzigernote geben, davon bin ich überzeugt. Nach 20 Jahren ist es aber Zeit, über die Aktion nachzudenken. Die 21. Aktion wird anders sein, nur kann ich dazu noch nichts verraten.

Aber Päckli gibt es weiterhin?Ja. Das Päckli als Geste hat für viele einen hohen symbolischen Wert. Es hat etwas mit Solidarität zu tun, für jemanden ein Päckli zu machen.

Die Päckli waren von Anfang an zentral, oder?Ja. Die Idee für 2 × Weihnachten entstand bei der Redaktion der Radiosendung «Espresso». Die wollte vor zwanzig Jahren zu Weihnachten etwas Kulturkritisches machen und fand, sie könnte ja die Päckli sammeln und weiterschenken, die die Leute erhalten haben, aber gar nicht wollen. Noch heute bekommen wir zum Teil ganz schön verpackte Päckli. Das ist rührend, aber es sind doch wenige, die es noch so machen.

«Es landen leider immer noch rund 10 Prozent der Spenden bei uns im Abfall.»

Werden andere Sachen gespendet als vor zwanzig Jahren?Ja, es werden mehr diejenigen ­Sachen gespendet, von denen wir immer wieder sagen, dass sie für uns ideal sind: lang haltbare Lebensmittel und Hygieneartikel.

Das heisst, Sie erhalten weniger Unbrauchbares?Es landen leider immer noch rund 10 Prozent der Spenden bei uns im Abfall. Das sind jedes Jahr fast 40 Tonnen.

Was sind das für Sachen?Es gibt Leute, die uns angebrauchte Zahnpastatuben, unvollständige Puzzles oder abgelaufene Lebensmittel schicken. Solche Ware können wir natürlich nicht weitergeben. Es stimmt mich jeweils auch etwas nachdenklich, ja macht mich bisweilen sogar etwas böse, wenn wir so miese Sachen erhalten.

Was ist am gefragtesten?Kaffee und Schokolade – davon haben wir immer zu wenig.

Was wird zwar gerne gespendet, nützt aber wenig?Plüschtiere. Wir erhalten sie tonnenweise. Aber wir stecken lieber Lebensmittel in unsere Lastwagen. Immerhin: Die Plüschtiere brauchen wir jeweils, um die Ladungen zu stopfen. So schaffen es doch auch viele ins Ausland.

Wer ist eigentlich Ihr bester Spender?Das ist ein Grossverteiler. Wir erhalten von ihm jedes Jahr Sachen mit einem Warenwert von mindestens 500 000 Franken. Auch andere Firmen unterstützen uns. Da bekommen wir manchmal tolle Sachen. Mal haben wir superschöne Regenjacken einer alten Kollektion erhalten. Die waren pro Stück fast 500 Franken wert.

Hatten Sie nie Probleme damit, dass so schöne Stücke beim Sortieren gestohlen wurden?Es gab auch schon Diebstähle, oft war das aber nicht der Fall. Die Freiwilligen arbeiten für uns ehrenamtlich und erhalten nicht einmal Spesen.

Haben Sie auch mal am Sinn der Aktion gezweifelt?Man kann uns vorwerfen, dass sie nicht nachhaltig ist. Es geht darum, Bedürftigen eine Freude zu machen. Immerhin verteilen wir die Sachen im Ausland nur in Ländern, wo wir auch sonst aktiv sind.

«Die schwierigste Aufgabe ist es, die Sachen gerecht zu verteilen.»

Was ist für Sie die schwierigste Aufgabe dabei?Die Sachen gerecht zu verteilen. Ich musste immer erklären können, warum wer was bekommt. Das habe ich auch bei meiner Haupttätigkeit für das Schweizerische Rote Kreuz gelernt. Ich wurde angestellt, um nach den Unwettern 2005 im Kanton Bern rund 11 Millionen Franken von der Glückskette an die Betroffenen zu verteilen.

Wie kamen Sie als Leiter der Katastrophenhilfe Schweiz dazu, auch 2 × Weihnachten zu leiten?Wie die Jungfrau zum Kind. Man fand, ich hätte noch Zeit dafür. Ich kannte die Aktion damals gar nicht, bin eingestiegen, und sie macht mir bis heute Freude.

Sie machen das jetzt seit zwölf Jahren und sind vor Ort auch ­Menschen begegnet, die von den Hilfsgütern profitieren.Als ich anfing, kannte ich Osteuropa überhaupt nicht. Durch 2 × Weihnachten habe ich diese wunderbaren Länder und ihre wertvolle Kultur entdeckt. Doch Osteuropa scheint mir hierzulande heute eine vergessene Region zu sein. Ich hätte auch nie gedacht, dass es am Rand von Europa so grosse Armut gibt.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Reise?Ja. Die hatte etwas Traumatisches. Im April 2006 fuhr ich nach Srebrenica. Die Stadt war so sehr vom Krieg versehrt. Nicht nur die Schusslöcher überall waren für mich schwer zu ertragen. Ich sah auch, wie hier Leute nebeneinander weiterleben mussten, die sich sehr viel Leid angetan hatten und das auch voneinander wussten.

Was lösten solche Reisen bei ­Ihnen aus?Ich bin dankbarer geworden für alles, was wir hierzulande haben. Umgekehrt haben mich auch der Lebensmut und die Kraft dieser armen Leute beeindruckt. Diesen Herbst traf ich in Armenien eine 17-jährige Frau, die völlig in der Pampa bei ihrer Grossmutter lebt, aber sie hat den Traum, Regisseurin zu werden, und ihr Hobby ist Armdrücken. Es gibt nicht nur Depression dort, sondern auch viel Widerstandskraft und Hoffnung auf bessere Zeiten.

Auf Sie kommen andere Zeiten zu. Sie werden 2017 pensioniert. Sortieren Sie künftig als Frei­williger in Wabern Ware von 2 × Weihnachten?Ich habe immer gesagt, wenn ich aufhöre, seht ihr mich zwei, drei Jahre nicht mehr hier. Ich will meinen Nachfolgern nicht dreinreden. Osteuropa aber wird in meinem Leben sicher weiterhin eine Rolle spielen.

Zur Person: Josef Reinhardt (65) lebt in Bern und arbeitet seit 2005 beim Schweizerischen Roten Kreuz in Wabern. Ende Februar wird er pensioniert.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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