Bern

Das Nachwuchsproblem in der Berner Drogenszene

BernUnter den Heroinabhängigen in Bern macht sich die Überalterung bemerkbar. Die jüngeren Generationen greifen lieber zu Kokain. Oder zu Ecstasy-Pillen, deren Konzentration und Gefährlichkeit rasant zunimmt.

Wird von der Stadt Bern für eine Kundschaft saniert, die ins gesetzte Alter kommt:  Die von der Stiftung  Contact geführt  Drogen-Anlaufstelle an der Hodlerstrasse bei der Schützenmatte.

Wird von der Stadt Bern für eine Kundschaft saniert, die ins gesetzte Alter kommt: Die von der Stiftung Contact geführt Drogen-Anlaufstelle an der Hodlerstrasse bei der Schützenmatte. Bild: Christian Pfander

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der klassischen harten Drogenszene geht der Nachwuchs aus. Langjährige Heroinkonsumenten kommen ins Renten- oder sogar Altersheimalter, die jüngeren Generationen meiden Heroin, dem das Image der Verliererdroge anhaftet.

Barbara Mühlheim ist Gross­rätin der Grünliberalen und eine der erfahrensten Berner Expertinnen in Drogenfragen. Sie arbeitet als Geschäftsleiterin der kontrollierten Drogenabgabe (Koda) in Bern, die von einem Verein getragen wird, dem unter anderem die Stadt Bern und die Klinik Südhang angehören. In zwei Koda-Programmen erhalten Süchtige ärztlich verschriebenes Heroin, das sie unter Aufsicht konsumieren.

Die meisten von ihnen befinden sich im gesetzten Alter. Von den derzeit knapp 200 Koda-Patienten sind gerade noch vier Prozent unter 30-jährig. Die Überalterung der Heroinabhängigen, verbunden mit ihrem schnell schlechter werdendem Zustand, sei «aktuell die grosse Herausforderung in der Drogenarbeit», sagt Barbara Mühlheim.

Koda wird zusammengeführt

Die Koda-Geschäftsleiterin ­rea­giert auf die demografische Entwicklung ihrer Klientel mit einer Betriebszusammenlegung. Die Koda-Abgabestelle an der Nägeligasse in der Innenstadt wird per Anfang April geschlossen und in den Hauptsitz an der Belpstrasse unweit des Eigerplatzes verschoben, wie Mühlheim bestätigt. «Die Gelegenheit ist günstig», sagt sie, «das Reisebüro im Gebäude an der Belpstrasse zieht aus, deshalb haben wir jetzt Platz, die beiden Koda-Stellen zusammenzuführen.» Am Konzept des Programms ändere sich nichts, doch sie könne ihr Personal flexibler einsetzen.

Die Überalterung der Heroin-Abhängigen, verbunden mit ihrem schnell schlechter werdendem Zustand, sei «aktuell die grosse Herausforderung in der Drogenarbeit», sagt Barbara Mühlheim, Koda-Geschäfts­leiterin.

Ein ähnliches Signal sandte kurz vor Weihnachten die Berner Stadtregierung aus, als sie ­bekannt gab, die Suche nach einem zweiten Standort (neben dem bestehenden an der Hodlerstrasse) für eine Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige eingestellt zu haben. Zwar verlangt nun Stadträtin Christa ­Ammann (Alternative Linke) in einer Motion, die Suche unverzüglich wieder aufzunehmen.

Aber: Die Stadtregierung entschied sich auch mit Blick auf die älter und eher weniger werdende Kundschaft, anstelle eines zweiten Fixerstübli die Sanierung des bestehenden in Angriff zu nehmen und dieses zum Beispiel auch rollstuhlgängig zu machen.

Anders als in den USA

Dass die Anlaufstelle – wo Drogen konsumiert werden dürfen, aber nicht abgegeben werden – überflüssig werde, davon sei man weit entfernt, sagt Rahel Gall, Geschäftsleiterin der Suchthilfe­stiftung Contact, von der das ­Lokal an der Hodlerstrasse geführt wird. Kantonsweit gebe Contact bis heute täglich 2500 saubere Injektionsnadeln ab.

Zu Zeiten der offenen Drogenszene vor 25 Jahren waren es laut Barbara Mühlheim, die damals die Spritzenabgabe leitete, zwar ­sicher doppelt so viele. Aber: «In Bern wird nach wie vor viel Heroin konsumiert», hält Rahel Gall fest. In der Anlaufstelle sind heute von den über 600 registrierten Benutzern 225 unter 40-jährig. Sie werden die Anlaufstelle noch jahrzehntelang frequentieren.

Es sei schon richtig, dass derzeit immer weniger Junge ins ­Heroin, das dämpfend wirkt, einsteigen. Daraus für die Schweiz einen Zukunftstrend abzuleiten, hält Gall für verfrüht.

«In Bern wird nach wie vor viel Heroin konsumiert», sagt Rahel Gall, Stiftung Contact.

In US-amerikanischen Städten etwa grassiert gerade eine ­Heroinepidemie historischen Ausmasses. Tote wegen Über­dosen, in der Schweiz seit dem Ende der offenen Drogenszenen eine Seltenheit, sind an der ­Tagesordnung. Ob dieser Trend nach Europa überschwappe, ­könne man heute ­seriös nicht ­voraussagen, sagt ­Rahel Gall.

Selbst in der Schweiz zeigen sich kleinräumig unterschied­liche Muster. Neuenburg ist die unbestrittene Hochburg der künstlichen Droge Crystal Meth. Interlaken erlebt, tourismus­bedingt, einen Kokainhöhenflug. In Biel hingegen nimmt die Frequenz in der Anlaufstelle für ­Heroinabhängige eher zu. Und, fügt Rahel Gall an, steigend sei auch in Bern die Nachfrage nach Plätzen in Programmen, in denen Heroinkonsumenten Ersatz­medikamente wie Methadon oder Subutex abgegeben werden.

Bern im Kokainmittelfeld

So oder so ist klar: Zum lang­samen Abstieg von Heroin gibt es eine florierende Gegenbewegung: «Kokain boomt gewaltig», sagt Gall. Contact leitet dies von den zahlreicher werdenden ­Heroinkonsumenten ab, die ­daneben auch noch koksen (siehe auch Text rechts oben). In der Partyszene gehört Kokain – neben Alkohol, Cannabis, Speed und Ecstasy – zu den stimulierenden «Big Five».

Verlässlich feststellen kann man die Zunahme des Kokainkonsums indes fast nur in den regelmässigen Abwasseranalysen, die von der europäischen Drogenfachstelle in Lissabon ­jedes Jahr für die wichtigsten Städte des Kontinents gesammelt werden. Bern hat einen hinteren Mittelfeldrang auf sicher, notabene aber vor Partydestinationen wie München oder ­Berlin.

Die aufputschende Wirkung von Kokain ist bestens kompatibel mit kreativen Anforderungen der jugendfixierten Leistungs­gesellschaft. Viele haben den Konsum im Griff. Deshalb sind Kokainkonsumenten normalerweise integriert und unauffällig – und weder im Problemfokus der Politik noch der Drogenarbeit. Immer stärker in den Fokus rückt hingegen die Juniorenabteilung des Drogenmarktes: die Konsumenten der psychoaktiven Ecstasy-Pillen. Seit 2014 führt Contact an der Speichergasse das stationäre Angebot DIB+ mit Beratung, wo man Pillen gratis auf ihre Inhaltsstoffe testen lassen kann.

Wird tendenziell immer weniger gebraucht: Utensilien für sauberen Heroin-Kosum in einer Anlaufstelle. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Wenn die Party vorbei ist

Aus diesen Tests weiss man: Die Konzentration des Wirkstoffs MDMA in den Pillen nimmt in schwindelerregendem Tempo zu. Werden hochgezüchtete Pillen unwissentlich eingeworfen, ist die Party schnell vorbei – es drohen Symptome wie Nervenzucken, Schlafstörungen, Depressionen. In England kam es jüngst zu mehreren Todesfällen von jungen Ecstasy-Konsumenten.

Mit Beratungs- und Informationsangeboten an Partys und Events versucht Contact, auf die Risiken von Partydrogen aufmerksam zu machen. Prävention zu leisten. Es sei noch nicht lange her, da habe man in der Raver­szene die Empfehlung abgegeben, höchstens eine halbe Pille zu konsumieren. Heute, sagt Rahel Gall, laute der Slogan «Be smarter, take a quarter».

Sie glaube, so Gall, dass sich die konsumierten Drogen und ihre gesellschaftliche Bewertung zwar veränderten. Langfristig ­gesehen bleibe der Anteil der Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, jedoch praktisch gleich. Man könnte auch sagen: Das Drogenbusiness ist weit entfernt davon, ein echtes Nachwuchsproblem zu haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.01.2018, 06:10 Uhr

So funktioniert der Heroin-Markt

Heroin mag unter Konsumierenden als Droge auf dem Rückmarsch sein. Die auf dem Markt umgesetzten Mengen sind aber wirtschaftlich ­immer noch interessant.

Kokain boomt, Heroin ist rückläufig. Man könnte meinen, dass man diese aktuellen ­Konsumtrends gerade jetzt in der Polizeiarbeit ablesen könnte. In den letzten Tagen hielt die Polizei im Innenhof der Reitschule zweimal hinter­einander mehrere Personen, die unter anderem auch Kokain mit sich führten.

Die Kriminalstatistik ergibt ein differenzierteres Bild. 2016 stellte die Kantonspolizei Bern 23 Kilogramm Heroin sicher und 18 Kilogramm Kokain. Auch in den Jahren zuvor lag die beschlagnahmte Heroinmenge immer vor dem Kokain. Kein Indiz, dass das Heroin­geschäft darbt.

Man könne von den sicher­gestellten Mengen nicht direkt auf Konsumtrends schliessen, sagt Christoph Gnägi, Sprecher der Kantonspolizei. Die Polizei stelle in ihrer täglichen Arbeit aber fest, dass auf der Gasse die Konsumtendenz in Richtung eines Cocktails aus Heroin und Kokain gehe.

Im vergangenen Herbst hat ein Team von Sucht Schweiz, dem Institut für Kriminologie der Universität Lausanne und dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin des Uni­spitals Lausanne eine bahnbrechende Untersuchung über das Funktionieren des Heroinmarktes in und um Lausanne veröffentlicht, deren Ergebnisse auch für andere Schweizer Städte von Bedeutung sind.

Die Studie zeigt, dass sich das Heroingeschäft praktisch ausschliesslich in der Hand alba­nischer Gruppen befindet. In Städten wie Zürich, Bern oder Genf werden Säckchen à 5 Gramm an Dealer vergeben, die diese Portionen verkleinern und die Feinverteilung besorgen. Der Heroinpreis liegt ­historisch tief – bei 20 bis 40 Franken pro Gramm. Das ist noch ein Zehntel des Preises, der während der Zeit der offenen Drogenszene Anfang der 90er-Jahre erzielt wurde.

Das tiefe Preisniveau ist ein Grund dafür, dass Heroin als Problem kaum noch wahr­genommen wird: Süchtige werden nicht mehr kriminell, um sich Stoff zu beschaffen. Der Dumpingpreis könnte aber – wie in den USA – einen neuen Heroinboom fördern. Das schweizerische System, Repression, Prävention und Schadenminderung zu kombinieren, scheint sich aber zu bewähren.
Landesweit geht man von ­etwas unter 20 000 Heroin­konsumenten aus. Das aus der Lausanner Studie hochgerechnete landesweite Geschäftsvolumen beträgt 100 bis 150 Millionen Franken pro Jahr. jsz

Artikel zum Thema

Drogenrazzia auf der «Schütz» – Elf Männer festgenommen

Bern Die Polizei hat bei einer Aktion gegen Drogenhandel vor und in der Berner Reitschule elf Personen festgenommen und Drogen sichergestellt. Die Ermittlungen dauern an. Mehr...

Bund bremst Berner Drogen-Experiment

Schiffbruch für ein rot-grünes Prestigeprojekt: Das Bundesamt für Gesundheit versagt dem wissenschaftlichen Versuch von Stadt und Universität Bern, an Probanden kontrolliert Cannabis abzugeben, die Bewilligung. Mehr...

Drogen in Bern: Kokain mit Wurmmittel, Anabolika statt Ecstasy

Bern Das Risiko, auf dem Berner Drogenmarkt gefährlich aufgeputschte Partysubstanzen verkauft zu bekommen, ist hoch. Das zeigt eine Auswertung des Drug-Checking-Projekts DIB+ der Suchthilfestiftung Contact. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Spiel mit der Blase: Ein Mädchen spielt mit Seifenblasen in der Nähe des Brandenburger Tors in Berlin. (14. Februar 2018)
(Bild: EPA/HAYOUNG JEON) Mehr...