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Daniel Erlacher und sein Traumjob an der Uni Bern

BernDaniel Erlacher erforscht an der Universität Bern Träume. Und er hat Experimente mit Menschen gemacht, die im Traum wissen, dass sie träumen. Damit lässt sich ein mentales Training für Sport und Alltag durchführen.

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Dominick Cobb kann Gedanken lesen. Er klaut sie während eines Traumes aus dem Unterbewusstsein anderer. Cobb kann noch mehr: Er «implantiert» Gedanken ins Gehirn fremder Menschen.

Leider – oder zum Glück – ist das trotz modernster Traum- und Schlafforschung bis dato unmöglich. Das funktioniert nur auf der Leinwand. Dominick Cobb heisst mit bürgerlichem Namen Leonardo DiCaprio. Er spielt den Protagonisten im 2010 gedrehten Hollywoodfilm «Inception», in dem auf wundersame Weise in Gehirne geschaut wird. Dennoch gelingt es heute, dass Träumende nach aussen kommunizieren können, und zwar dann, wenn sie sich im sogenannten Klartraum befinden. Das ist kein Hokuspokus.

Wer im Traum weiss, dass er im Traum träumt

«Im Klartraum, auch luzider Traum genannt, wissen die Träumenden im Schlaf, dass sie träumen. Das ist ein faszinierender Bewusstseinszustand, der einem unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet», sagt Daniel Erlacher. «Wer im Traum weiss, dass er träumt, kann das Geschehen nach Herzenslust steuern und auskosten.» Der 41-jährige gebürtige Deutsche ist Psychologe und Sportwissenschaftler an der Universität Bern. Er promovierte 2005 an der Uni Heidelberg mit dem Thema «Motorisches Lernen im luziden Traum». Fünf Jahre später habilitierte er mit der Arbeit «Sport, Schlaf und Traum». Die Dozentur in Bern hat er seit 2011 inne.

Klarträume sind nicht nur für Betroffene interessant, sondern auch für die Wissenschaft, die sie als vielversprechendes Forschungsfeld entdeckt hat. «Bewusste Träume bieten die einmalige Gelegenheit, das Träumen an sich zu erforschen», sagt Daniel Erlacher. Das Klarträumen sei gekennzeichnet durch einen teilweise wachen Geist, während der Körper schlafe.

Solch luzide Träume treten überwiegend in der sogenannten REM-Schlafphase auf, die erstmals etwa anderthalb Stunden nach dem Einschlafen eintritt. In dieser Phase ist der Körper bis auf die Augenmuskeln komplett gelähmt, während die Gehirnwellen – im Gegensatz zum Tiefschlaf – eine ausgeprägte Aktivität zeigen. Jetzt tritt auch das Phänomen auf, das dieser Phase den Namen REM gibt: Rapid Eye Movements, schnelle Augenbewegungen.

Die schnellen Augen in der REM-Phase

Diese Augenbewegungen sind es auch, mit denen die Träumenden nach aussen kommunizieren. Und das funktioniert so: Klarträumern wird im Schlaflabor vor dem Einschlafen eine Aufgabe mitgegeben, zum Beispiel, dass sie – wenn sie den Klartraum erreicht haben – Kniebeugen machen.

Den Eintritt in den Klartraum einerseits sowie die sportliche Aktivität andererseits sollen die Probanden mittels vorbesprochener Augenbewegungen signalisieren. «Mit den Augen teilt der Schlafende dem Forscher mit: ich bin mir soeben bewusst geworden, dass ich träume, und in diesem Traum beginne ich jetzt meine Aufgabe», meint Traumforscher Erlacher.

Anders als im Science-Fiction-Film können aber die Traumhandlungen selbst im Labor nicht aufgezeichnet werden. Schlafende können sich nur mit den Augen aus ihren Träumen melden. Auch wer im Traum wild gestikuliert, der Körper bleibt gelähmt. Das gilt auch für die Stimme: Man kann im Traum noch so laut schreien, es dringt kein Laut nach aussen.

Die Lähmung des Körpers wird vom Stammhirn kontrolliert, die Nervenimpulse zu den Muskeln werden unterdrückt. «Das ist auch gut so», sagt Daniel Erlacher, «dieser Sicherheitsmechanismus hat sicher schon viele üble Unfälle verhindert.»

Das Gehirn ist auch im Traum aktiviert

Geträumte Bewegungen führen laut Erlacher aber dennoch zur Aktivierung motorischer Hirnregionen. Diese Zentren des Gehirns würden den kompletten Bewegungsablauf des Traums vollführen. Weil das Rückenmark diese Signale unterdrücke, bleibe der Körper bewegungslos.

Daniel Erlacher: «Wenn das Gehirn bei geträumten und tatsächlichen Bewegungen die gleiche Aktivierung zeigt, stellt sich die Frage, ob der Klartraum zu einer besonderen Form des mentalen Trainings taugt.» Der Forscher hat experimentiert: «Wir konfrontierten Klarträumer mit einer einfachen Aufgabe. Sie sollten im Traum ausgiebig Münzen in eine Tasse werfen. Jene, die im Traum geübt hatten, trafen am Morgen im Wachzustand (aus einer Distanz von zwei Schritten) um 40 Prozent häufiger als am Vorabend, vor dem Training im Schlaf.»

Erlacher hat ein mentales Traumtraining auch mit Sportlern durchgeführt. Die Versuchsteilnehmer hätten anschliessend eine bessere Leistung gezeigt, so Erlacher. Die Zeit vergeht im Traum nicht anders Daniel Erlacher hat unlängst eine andere Traumstudie abgeschlossen und mit einer alten Mär, der sogenannten Schrumpftheorie, aufgeräumt. Sie stand auch im Hollywoodfilm «Inception» Pate: Während für Leonardo DiCaprio im Traum eine geschlagene Stunde vergeht, sind es in Wirklichkeit nur fünf Minuten. Erlacher: «Im Traum vergeht die Zeit nicht anders als im Wachzustand. Weder wird die Zeit komprimiert, noch ist das ganze Traumgeschehen im kurzen Augenblick vor dem Aufwachen komprimiert.» Das hätten diverse Versuche gezeigt – mit Klarträumern als Versuchskaninchen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2015, 08:24 Uhr

Bewusst träumen

Etwa die Hälfte der Bevölkerung hat schon einmal einen Klartraum erlebt, ein Fünftel mindestens einmal pro Monat. Eine Zauberformel, das Klarträumen zu lernen, gibt es nicht. Immerhin können einige Kniffe weiterhelfen. Wer träumt, soll sich nach dem Erwachen auf ein bestimmtes Traumelement konzentrieren (zum Beispiel auf das Fliegen). Dann suggeriert man sich vor dem nächsten Einschlafen: Wenn ich wieder fliege, werde ich wissen, dass ich träume.
Effizient – zumindest im Schlaflabor – ist die Wake-up-back-to-bed-Methode. Nach sechs Stunden Schlaf muss man aufstehen und den Traum aufschreiben. Wenn im nachfolgenden Schlaf gleiche Traumsymbole auftreten, ist es möglich, diese zu identifizieren und dann bewusst zu träumen.
Daniel Erlacher hat auch ein Buch zum Thema veröffentlicht:
«Anleitung zum Klarträumen», Norderstedt-Verlag (Books on Demand).

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