Bern

Clausette La Trine: «Drag Queens sind massentauglich»

BernClausette La Trine, die bekannteste Berner Drag Queen, äussert sich im Interview zum Auftritt von Conchita Wurst am Eurovision Song Contest, Geschlechterrollen und ihren Erfahrungen im Berner Nachtleben.

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Clausette La Trine, haben Sie sich auch wie 180 Millionen Menschen den Auftritt von Conchita Wurst bei Eurovision Song Contest (ESC) am Samstag angeschaut?
Clausette La Trine: Nein, ich habe sie im Halbfinal gesehen, da wusste ich, dass sie Chancen hat zu gewinnen. Ich kenne sie aber schon länger aus dem Fernsehen und habe mir zuvor überlegt, sie für einen Auftritt in Bern zu engagieren. Doch nun dürfte das schwierig werden.

Was bedeutet der ESC-Sieg von Conchita Wurst?
Es ist nicht nur ihr Auftritt, sondern auch die ganze Geschichte vorher, was viel bedeutet: Die positiven und negativen Reaktionen zeigen, dass die Welt immer noch sehr polarisiert ist, sobald jemand die Geschlechterrolle in Frage stellt und mit Äusserlichkeiten spielt. Es ist anscheinend immer noch ein Riesenthema, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, und das ist für ganz viele Leute eine Grundlage für ihr Weltbild. Ihr Erfolg zeigt nun, dass diejenigen, die damit umgehen können, gewonnen haben. Man darf es aber auch nicht überschätzen, sie ist eine Figur und nun müssen wir weitermachen.

Warum hat der Auftritt von Conchita Wurst derart eingeschlagen?
Das ESC hat eine gewisse Zielgruppe, die etwas offener ist, als der Durchschnitt. Aber auch ihre Person, sie ist optisch provokant, in Interviews ist sie sehr gefasst und gibt auch ihre persönlichen Meinungen ab. So wirkt sie sehr menschlich und positiv. Der Auftritt hat auch gezeigt, dass Drag Queens massentauglich werden. Ganz viele Leute haben Mühe mit den stereotypischen Rollen und Drag Queens sind da, um zu provozieren und zu brechen.

Seit 14 Jahren treten Sie als Kunstfigur auf. Was ist Ihr Ziel dabei?
Ähnlich wie Conchita will ich provozieren und bewirken, dass das Rollendenken sich auflöst. Drag Queens sind seit jeher Gallionsfiguren, um auf Minderheiten aufmerksam zu machen. Aber ich trete auch aus persönlichem Drang auf und mir macht es Spass, mich als Drag Queen anzuziehen und zu schminken. Es ist spannend und lustig, die Reaktionen zu sehen.

Man kennt Sie vor allem in der Schwulenszene. Welche Erfahrungen machen Sie an Hetero-Partys oder sonst in der Stadt?
Ich persönlich gehe lieber an Hetero-Partys. An Homo-Partys kennt man Drag Queens ja. Schlechte Erfahrungen habe ich in Bern nie gemacht, aber eine Reaktion auf mich gibt es immer, sei es Kopfschütteln, gegen die Wand laufen (lacht) oder kompletter Überforderung. Bei Frauen gibt es manchmal auch ein Konkurrenzdenken, da sie gegen mich ja keine Chance haben. Denn ich darf alle Tricks anwenden, die bei ihnen eventuell billig aussehen würden.

Am Samstag startet im Frauenraum in der Reitschule eine neue Veranstaltungsserie für Drag Queens. Wird sich der Erfolg von Conchita Wurst positiv darauf auswirken?
Es ist Zufall, aber auch gutes Timing, dass unsere erste «Dragship Draglactica» gerade jetzt stattfindet. Es ist gerade jetzt ein Thema in den Medien. Daher hoffen wir, dass unser Event Zulauf gewinnen wird. Wir wollen an unserer Party Geschlechterrollen in Frage stellen und haben deshalb als Grundthema Science Fiction gewählt. Es geht darum eine neue Welt in der Zukunft zu gestalten. Es wird einen Dresscode geben, so dass jede und jeder, der an der Party teilnimmt, sich mit dem Thema Geschlechterrollen auseinandersetzen muss. Dabei ist ein Wechsel des Geschlechts nicht zwingend, man kann auch im eigenen Geschlecht eine Rolle wählen. Dabei ist es nicht so wichtig, welche Rolle genau eingenommen wird, aber es reicht jedenfalls nicht, spontan das Handtäschchen von der Freundin unter den Arm zu klemmen. Es muss schon eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Thema erkennbar sein.

Also was für Mutige?
Man kann sich auch bei uns in der Garderobe umziehen. Ich gehe heute auch ganz alleine aus dem Haus, aber es braucht Mut. Daher wollen wir auch einen Raum bieten, um seine Identität zu finden und später einen Schritt weiterzugehen. Es soll auch eine Gelegenheit sein für Leute, die im Beruf immer eine Rolle spielen müssen, aber eigentlich ganz anders wären. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2014, 16:31 Uhr

Zur Person

Clausette La Trine heisst mit bürgerlichem Name Achim Steffen. Der 35-jährige Walliser wohnt seit 14 Jahren in Bern und arbeitet bei der Erziehungsdirektion des Kantons Bern. Mit 8 Jahren wusste er, dass er schwul ist, wartete bis nach dem Gymnasium mit seinem Coming-Out. Kurz danach trat er mit der ersten Show als Clausette la Trine auf. Nebst diesen Auftritten organisiert er Gay-Partys in Bern. (cla)

Video

Quelle: Youtube.com / Sarah Lauper

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