Claudia Sabine Meier lebt einen Traum, den sie schon als Mann hatte

Eigentlich hätte schon Andreas Heribert Meier gerne einen friedensfördernden Einsatz geleistet. Doch erst Claudia Sabine Meier hat jetzt Zeit dafür: Die ehemalige Schwefelbergbad-Direktorin, die vom Mann zur Frau geworden ist, arbeitet zurzeit für die Swisscoy in Kosovo.

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Heuer hat sie sich einen lange gehegten Wunsch erfüllt. Erwacht ist dieser vor über zwanzig Jahren, als sie in der Fourierschule von den friedensfördernden Einsätzen der Schweizer Armee hörte. Am liebsten hätte sie bereits damals ihre Sachen gepackt, um in einer Krisenregion Dienst zu leisten. Getreu ihrem Credo: Den betroffenen Menschen hilft das weit mehr als eine Geldspende an eine Hilfsorganisation.

Dem Traum stand allerdings das elterliche Hotel im Schwefelbergbad im Weg, das sie dereinst übernehmen sollte. Das ging nur, wenn sie sich zuvor noch weiterbildete. Monatelang weg zu sein, lag daher nicht drin, und dies war erst recht so, als sie den Betrieb später übernahm.

Doch nun ist alles anders. Ende Januar trat Claudia Sabine Meier, 45-jährig, ihren Dienst an und rückte ins Ausbildungszentrum Swissint ein. Anfang April galt es ernst. Als Angehörige des aktuellen Swisscoy-Kontingents flog sie nach Kosovo, wo sie heute als Koch tätig ist. Ihr Reich ist das Swisschalet im Feldlager Prizren, die Beiz der im Süden des Landes aktiven ausländischen Soldatinnen und Soldaten.

Kampf durch die Instanzen

Die Geschichte wäre an sich nicht aussergewöhnlich – wäre Claudia Sabine Meier damals in der Fourierschule und später lange Jahre auch im Schwefelbergbad nicht ein Mann gewesen. Als Andreas Heribert Meier lebte und arbeitete sie im und für das Viersternhaus im Gantrischgebiet. Bis Silvester im Jahr 2010, als sie vor ihre Angestellten trat und ihnen mitteilte, sie hätten ab sofort eine Frau zur Chefin.

Für sie sei der Schritt eine grosse Erleichterung gewesen, und auch die Reaktionen seien positiv gewesen, sagte sie damals in einem der zahlreichen Zeitungsartikel, die in der Folge über sie erschienen. Nun fing ihr Kampf aber erst richtig an. So war der Kanton erst im zweiten Anlauf bereit, schon nach ein paar Monaten in den Namenswechsel von Andreas Heribert zu Claudia Sabine einzuwilligen. Trotzdem war sie vor dem Gesetz noch immer ein Mann. Das änderte erst, als sie das Gericht anrief und recht bekam.

Inzwischen hatte sie das Hotel verkauft, und nun war endlich Zeit und Ruhe für die Operation. Ende 2012 und Mitte 2013 passierte dies in zwei Schritten.

Eine Premiere für die Armee

Ein Transmensch in einem militärischen Auslandeinsatz? Swissint-Sprecherin Cornelia Mathis gibt offen zu erkennen, dass die Anstellung von Claudia Sabine Meier eine Premiere ist. Zugleich betont sie: Grundsätzliche Vorbehalte gegen Transmenschen gebe es in der Armee keine. Es sei wichtig, die heutige Vielfalt an Lebensstilen und -formen auch in diesem Umfeld zu leben.

Als Frau wahrgenommen

Vor diesem Hintergrund durchläuft ein Transmensch das ganz normale Rekrutierungsprozedere. Die medizinischen Abklärungen könnten zwar etwas länger dauern, schränkt Cornelia Mathis ein. Letztlich sei aber entscheidend, ob der Aspirant, die Aspirantin die Funktion wie verlangt ausfüllen könne oder nicht. Bei Claudia Sabine Meier sei dies der Fall: «Sie leistet hervorragende Arbeit.» In der Truppe sei sie deshalb sehr gut akzeptiert.

Claudia Sabine Meier bestätigt dies. «Ich gelte hier als ganz normale Frau, die eine ungewöhnliche Geschichte hat.» Dass dies so sei, habe wohl mit ihrer Offenheit zu tun. Im Swisscoy-Kontingent wüssten alle um ihre Vergangenheit, auch bei den Partnerarmeen aus Deutschland wie Österreich sei ihre Vergangenheit bekannt, dass sie früher als Mann gelebt habe. Ja, sogar die im Feldlager tätigen kosovarischen Mitarbeiter seien eingeweiht.

Zufrieden stellt sie fest, dass sie im Alltag tatsächlich als Frau wahrgenommen wird. Das gilt gerade dann, wenn sie zum Einkaufen fährt feststellt, wie ihr die Männer auf der Strasse verwundert nachblicken. Der Anblick einer blonden Frau mit Uniform und Gewehr sei in Kosovo nach wie vor eher ungewohnt, sagt sie.

Vom Einsatz überzeugt

Claudia Sabine Meier ist überzeugt davon, dass die Arbeit der Swisscoy der betroffenen Bevölkerung etwas bringt und auch geschätzt wird. «Für mich ist die Armee nicht männlich oder weiblich, sie ist ein Auftrag», sinniert sie. Und: «Ich würde jeder Frau empfehlen, mal ein paar Tage Dienst zu tun.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.07.2014, 12:02 Uhr

Claudia Sabine Meier leistet Dienst in Kosovo.

In anderen Armeen

Claudia Sabine Meier ist nicht der einzige Transmensch in einer Armee. In Deutschland wie in Österreich sind ähnliche Lebensgeschichten dokumentiert, und hier wie dort heisst es bei der Armee: Transsexuell zu sein ist per se kein Grund, für dienstuntauglich erklärt zu werden.
Für die deutsche Bundeswehr stellt sich die Frage ohnehin nicht so sehr bei der Rekrutierung als vielmehr bei Armeeangehörigen, die schon länger Dienst leisten. Sprecherin Angelika Niggemeier-Groben redet davon, dass sich bislang eine Handvoll Betroffener den entsprechenden Operationen unterzogen hätten. Die Akzeptanz in der Truppe sei gut: «Wer einen Menschen seit Jahren als Hauptmann kennt, akzeptiert ihn auch als Frau Hauptmann.» Kollegin Cornelia Harwanegg vom österreichischen Bundesheer verweist derweil auf die einschlägigen Vorschriften. Sie halten die Soldaten ausdrücklich an, «ihren Kameraden mit Achtung zu begegnen».

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