Bürgerliche lecken ihre Wunden

Bern

Der Niedergang der Stadtberner Bürgerlichen geht weiter. Die Stimmkraft im Stadtrat hat sich verringert. Aufstrebendes Personal ist nicht in Sicht. Doch sowohl FDP wie auch SVP klammern sich an ihre Teilsiege.

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Tobias Habegger@TobiasHabegger

Die bürgerlichen Parteien FDP und SVP haben sich am Wahlsonntag mit Feiern abgelöst. Zuerst beklatschten die Freisinnigen den Einzug ihres Kandidaten Alexandre Schmidt in den Gemeinderat. Die unterlegene SVP zog sich zum Frustbier ins Café Odeon zurück. Später am Abend bei der Bekanntgabe der Stadtratsresultate bejubelte die Volkspartei zwei Sitzgewinne. Diesmal waren es die Freisinnigen, die traurige Blicke austauschten und ihren zwei verlorenen Sitzen nachweinten.

Tags darauf verbuchen beide Parteien die Ergebnisse als Sieg: «Im Gemeinderat waren wir nicht vertreten und sind es nach wie vor nicht. Das ist für uns Status quo», sagt SVP-Parteipräsident Peter Bernasconi. Die Sitzgewinne im Stadtrat seien entscheidender, betont Bernasconi. «Im Stadtrat können wir mit der Mitte hie und da Allianzen schmieden und ein Geschäft gewinnen. Im linksgrünen Gemeinderat sind Erfolge für einen einzelnen Bürgerlichen schwer zu erreichen.»

Gerade andersrum sieht es FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. «Die Verankerung in der Regierung ist essenziell, weil man dort operativ tätig ist.» Die FDP sei zwar nicht mehr die stärkste bürgerliche Kraft. «Aber unser Gemeinderatssitz ist fürs Gesamtbild äusserst wichtig und macht uns zum Leader bei den Bürgerlichen. Das war ein grosser Erfolg für uns.»

Bleiben FDP-Wähler daheim?

Es ist paradox: Von Legislatur zu Legislatur schrumpft die bürgerliche Kraft in der Stadt Bern. Und trotzdem beschreibt SVP-Präsident Bernasconi den Formstand mit den Worten «schön und gut». Auch FDP-Präsidentin Dolores Dana gibt sich optimistisch: «Es gibt uns immer noch. Wir haben gute Arbeit gemacht, alle bisherigen Stadträte wurden wiedergewählt. Im Vergleich zu den Nationalratswahlen vom letzten Jahr ist unser Wähleranteil sogar gestiegen.»

Fakt ist: In den letzten acht Jahren ist die FDP-Fraktion im Stadtrat von fünfzehn Sitzen auf acht geschrumpft. Dolores Dana wirkt bei der Analyse ratlos: «Ich weiss nicht, woran es liegt», sagt sie. «Wir waren noch nie so präsent im Strassenwahlkampf wie in diesem Jahr. Wir hatten jeden Samstag zwei Stände.» Dana beklagt «Proporzpech». «Mit einem Sitzverlust muss man bei Proporzwahlen immer rechnen.» Zudem hätte es die FDP trotz des guten Wahlkampfes verpasst, potenzielle Wähler für den Urnengang zu mobilisieren, sagt Dolores Dana. «Die Leute fühlen sich wohl, der Leidensdruck ist klein, sie sehen keinen Grund, etwas zu ändern. Das System erhält sich selber.»

Die SP hat Spitzenleute

Sogar der politische Gegner wünscht sich einen stärkeren bürgerlichen Block. «Mit einem starken Gegner wären auch wir mehr gefordert», sagt SP-Co-Präsidentin Flavia Wasserfallen. «Doch wir nehmen es dennoch ernst und treten mit den besten Leuten an.» Die SP würde nun trotz des Wahlsieges nicht abheben. «Wir haben im Stadtrat neun neue SP-Vertreter, die sind top motiviert und bringen frischen Wind.»

Im Gemeinderat hat die SP mit Ursula Wyss bereits eine aussichtsreiche Nachfolgerin für Stadtpräsident Alexander Tschäppät aufgebaut. «Auch der nächste Stadtpräsident wird ein Linker sein», sagt Dolores Dana: Das sei klar. «Da wettet niemand dagegen. Das ist vorgeplant.»

Die besten FDPler sagen ab

Den Bürgerlichen fehlt es an Personal für einen Kampf auf Augenhöhe mit der übermächtigen RGM-Mehrheit. «Was sollen wir tun, wenn unsere besten Leute andere Pläne haben als eine Gemeinderatskandidatur?», fragt Dolores Dana.

Im Gespräch mit den bürgerlichen Parteipräsidenten entsteht der Eindruck, sie wünschten sich eine Anspannung der Wirtschaftslage herbei. «Der Spardruck nimmt zu. RGM kann nicht länger mit Geld jonglieren», sagt Dana. Sie sei gespannt, wie die Linke dieses Problem angehe. «Wir werden sehen, ob das unsere Chance ist», sagt sie. Und Peter Bernasconi fügt an: «Für uns könnte die Wirtschaftskrise eine Chance sein. Wenn die Leute den Gürtel enger schnallen müssen, verschieben sich die politischen Verhältnisse in Richtung Mitte-rechts.»

Doch selbst mit der Wirtschaftskrise, da sind sich die beiden einig, gelänge eine Wende nur mit vereinten Kräften. Die Bürgerlichen und die Mitte müssen endlich zusammenspannen», sagt Bernasconi. Er glaubt daran, dass sich dieser Graben in den nächsten vier Jahren zuschütten lässt. «Ich hoffe, wir alle habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt.» Die Mitte werde einsehen, wie wichtig eine Zusammenarbeit ist. «Alleine sind wir gegen die grosse RGM-Mehrheit chancenlos.»

Hier finden Sie die Resultate aller Stadtratskandidaten.

Diese 80 Personen wurden in den Bernern Stadtrat gewählt.

Berner Zeitung

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