Brunnen zwischen Kahlschlag und Zerfall

Bern

Schön oder nicht schön? Seit 30 Jahren scheidet der Oppenheim-Brunnen die Geister. Nun muss das mit Kalkstein und Pflanzen überwucherte Kunstwerk saniert werden.

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Das Osterwetter hat am Oppenheim-Brunnen auf dem Waisenhausplatz seine Spuren hinterlassen. Einige Stellen des Betons haben sich schwarz verfärbt, schlaff hängen die Gewächse über den hervorstehenden Kalkstein herab. Die Berner Kultursekretärin Veronica Schaller geht um ihn herum und weiss nicht recht, ob es der Regen oder das Brunnenwasser ist, das auf ihren Schirm träufelt. Schaller vertritt die Eigentümerin des Brunnens: die Stadt Bern. Dieser steht heuer eine wichtige Entscheidung ins Haus. Im 100.Geburtsjahr der Künstlerin Meret Oppenheim und 30 Jahre nach der Einweihung des Brunnens ist eine erste umfängliche Sanierung nötig.

Der Tuffstein droht

den Brunnen zu zerreissen

Das letzte Gutachten aus dem Jahr 2007 zeigt, dass die wuchernden Kalkablagerungen des Wassers – sogenannter Tuff – die Statik des Brunnens beeinflussen und dass die immer stärker werdende Zugspannung bald zu Rissen im Beton führen könnte. Zudem besteht ein Sicherheitsrisiko für Passanten, da die Tuffsteine abzubröckeln drohen. Doch ehe die Ablagerungen einfach abgetragen und die Pflanzen ausgerissen werden, will die Stadt die Möglichkeiten der Sanierung öffentlich diskutieren. Laut Kultursekretärin Veronica Schaller ein aussergewöhnliches Vorgehen: «Aber beim Oppenheim-Brunnen haben wir es auch mit einem aussergewöhnlichen Kunstwerk zu tun, das in der öffentlichen Wahrnehmung schon immer sehr präsent war.» Das zeigt auch der Inhalt der Debatte. Statt über die Höhe der Sanierungskosten – das Abtragen des Tuffs und das Instandsetzen des Oberlichts würden sich auf einige Zehntausend Franken belaufen, die von den Stadtbauten Bern übernommen werden – steht der Grad der Veränderung im Fokus.

«Wir könnten den Brunnen in seinen Ursprungszustand zurückversetzen oder ihn dem Zerfall überlassen. Alles ist denkbar – der realistische Weg liegt wohl irgendwo in der Mitte», so Schaller. Nur eines ist klar: Aus dem Stadtbild wird der Brunnen nicht verschwinden, «schliesslich handelt es sich um ein bedeutendes Werk Oppenheims und international um eines der bekanntesten Kunstwerke Berns», so Schaller.

Gegenwartskünstler spielen bewusst mit dem Zerfall

Beim Entscheid spielt der veränderte Kunstbegriff eine wichtige Rolle. Waren früher Kunstwerke im öffentlichen Raum permanente Interventionen, deren Wert und Zustand die Eigentümer um jeden Preis erhalten wollten, spielen Gegenwartskünstler mit der Veränderung oder dem Zerfall – etwa durch Einbezug der Witterung oder die Verwendung vergänglicher Materialien.

So auch Oppenheim: «Die Künstlerin forderte von sich selbst immer wieder Verwandlung. Diese Forderung widerspiegelt sich in ihrem Brunnen», sagt Kathleen Bühler, Kuratorin der Jubiläumsausstellung «Merets Funken» im Kunstmuseum Bern (19.10.12 – 10.2.13). Sie glaubt, dass es der Widerständigkeit in Oppenheims Œuvre entsprechen würde, den Brunnen sich selbst zu überlassen, mit schlichten Absperrungen zum Schutz der Passanten.

Darüber, was sich die Künstlerin selbst für ihren Brunnen gewünscht hat, liegen unterschiedliche Aussagen vor. In einem «Bund»-Artikel gab sie 1984 zu Protokoll, von Wildwuchs sei nie die Rede gewesen. «Der grüne Bewuchs soll nur aus den Kanälen spriessen und wie eine Girlande an der Säule hängen.» Oppenheims Künstlerfreund Daniel Spoerri sagte hingegen in einem Interview, das er 2010 für die Publikation «Meret Oppenheim. Brunnengeschichten» gab: «Mittlerweile ist er (der Brunnen, Anm.) so verschwiemelt und überwachsen, wie Meret ihn intendiert hatte.»

Trotz Kritik vergingen sich nie

Vandalen am Brunnen

Um nicht nur die Anliegen der Bevölkerung, Forschung und Eigentümerin, sondern eben auch jene der Künstlerin auszuloten, laden die Abteilung Kulturelles der Stadt Bern und das Kunstmuseum heute Abend zu einem Podium. Kein Gesprächspunkt werden Vandalenakte sein. Obwohl der Brunnen seit seiner Einweihung immer wieder Gegenstand harscher Kritik war, «blieb er im Gegensatz zu vielen anderen Kunstwerken im öffentlichen Raum von Schmierereien oder andere Formen des Vandalismus’ verschont», so Kultursekretärin Schaller. Und fügt schmunzelnd an: «Was wohl auch an der Nähe zur Polizeikaserne liegt.»

Berner Zeitung

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