Münchenbuchsee

Bruchrechnen per Mausklick

MünchenbuchseeWie funktioniert innovativer Unterricht im Kanton Bern? Diese Frage beantwortet ein Augenschein am Oberstufenzentrum Münchenbuchsee. Jedes Kind besitzt hier einen eigenen Laptop.

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Zuerst kommen Kreide und Wandtafel zum Einsatz: Klassenlehrer Michael Kohli schreibt auf, wie die heutige Mathematikstunde ablaufen wird. Zuerst Theorie, dann Praxis. Danach greifen die Schülerinnen und Schüler zum Theorieheft. Auf mehreren illustrierten Seiten wird ihnen erklärt, wie man Brüche multipliziert und dividiert.

Und dann, endlich, kommen die Laptops zum Zug. Die Kinder holen ihr Gerät aus dem Wandschrank, befreien es von der Schutzhülle und drücken den Startknopf. Wenige Minuten später lösen die Jugendlichen Bruchrechnungen, online, ganz einfach per Mausklick. Das Etui bleibt ungeöffnet.

Der Unterricht am Oberstufenzentrum Münchenbuchsee lief nicht immer so digital ab. Über Laptops verfügen die Schülerinnen und Schüler erst seit diesem Schuljahr, also seit etwas über einem Monat. Zwar nutzte die Schule schon vorher Computer; dass jedes Kind einen eigenen Laptop besitzt, den es mit nach Hause nehmen kann und auch privat nutzen darf, ist hingegen eine Neuheit.

«Wir befinden uns mitten im Wandel», sagt Schulleiterin Vreni Augsburger. Vorerst erhielten nur die Siebtklässler sowie einzelne Acht- und Neuntklässler ein eigenes Gerät. In drei Jahren sollen dann alle Kinder ausgerüstet sein. 750'000 Franken lässt sich die Gemeinde die Computerinfrastruktur kosten.

Die Versuchung ist gross

Die Schülerinnen und Schüler in Kohlis Klasse kommen mit den Laptops gut zurecht. Zielsicher bewegen sie die Finger über das Mousepad und rufen die vom Lehrer angegebene Internetseite auf. Auf jedem einzelnen Bildschirm sind Brüche zu sehen – niemand ist auf Facebook, niemand schaut andere Videos oder spielt Videospiele.

«Die Versuchung ist für die Kinder schon gross», gibt Michael Kohli zu, «so hatte ich etwa eine Klasse, die während der Pausen dauernd am Laptop hing.» Abhilfe geschaffen hätten feste Regeln, die er mit den Schülern gemeinsam vereinbart habe. So bleiben die Geräte während der Pause nun etwa im Schrank und werden nur dann hervorgeholt, wenn Kohli es erlaubt.

Auch zu Hause würden sie ihren Laptop nur sporadisch nutzen, meint Arena Kamberi, eine der Schülerinnen. Etwa um Hausaufgaben zu erledigen, im Internet zu surfen – «oder um Musik zu hören». Und während sie erzählt, löst die 14-Jährige gekonnt eine Bruchrechnung nach der anderen auf dem Bildschirm.

Die Schweiz hinkt hinterher

Münchenbuchsee ist nicht die erste Gemeinde in der Region Bern, die alle Schülerinnen und Schüler mit einem Laptop ausrüstet. Das System ist bereits in etlichen Schulen etabliert – zu den Vorreitern gehören etwa Konolfingen oder Worb. Andere Gemeinden wiederum, beispielsweise die Stadt Bern, setzen weiterhin auf schuleigene Geräte, welche die Kinder je nach Unterricht nutzen können.

Besonders innovativ ist der Kanton Bern also nicht – in anderen westlichen Ländern haben Laptops schon länger einen fixen Platz im Schulzimmer. Betrachtet man die Entwicklung der Lehrpläne sowie den Einsatz von technischen Hilfsmitteln, ist festzustellen, dass zwar vieles den Weg in die Schulstube fand – «allerdings immer mit Verzögerung», wie Pia Lädrach vom Schulmuseum Köniz sagt.

Dabei handle es sich um ein ge­sellschaftliches Phänomen: «Manchmal fehlten einfach die finanziellen Mittel, um jede technische Neuerung im Schulzimmer umzusetzen.» Ausserdem musste man die Hilfsmittel jeweils genau prüfen, um sicherzustellen, dass sie auch tatsächlich einen Mehrwert für den Unterricht bieten.

«Heute jedoch geht die Forderung an die Schule viel weiter», gibt Lädrach zu bedenken; die neuen Medien seien nicht mehr nur Hilfsmittel, sondern bieten Stoff für ein neues Fach. «Bleibt zu hoffen, dass nicht alle Anschauungsmaterialien durch digitale Formate ersetzt werden.»

Endlose Einsatzmöglichkeiten

Auch in Münchenbuchsee dauerte es seine Zeit, bis die Laptops den Weg ins Klassenzimmer fanden. «Der Dank gebührt ehemaligen Lehrpersonen, die sich schon früh bei der Gemeinde für das Anliegen einsetzten», erzählt die Schulleiterin.

Die Bereitschaft fürs Neue sei auch heute noch im Kollegium spürbar: Die Lehrerinnen und Lehrer tauschen sich untereinander aus, experimentieren mit dem neuen Hilfsmittel, empfehlen sich gegenseitig Internetseiten. «Um das Konzept zum Erfolg zu bringen, darf man nicht ängstlich sein», betont Augsburger, «wir müssen uns Zeit lassen, Fehler zulassen und mit Neugierde an die Laptops herangehen.»

«Die Einsatz­möglichkeiten der Laptops im Unterricht sind endlos.»Michael Kohli

Die neue Technik biete bereits jetzt viele Vorteile, ergänzt Lehrer Michael Kohli: «Die Einsatzmöglichkeiten im Unterricht sind endlos.» Zudem sorge das neue System für mehr Chancengleichheit unter den Schülern: Nun seien auch jene digital unterwegs, die zu Hause über keinen Computer verfügen würden.

Im eigenen Tempo

Zu dieser Gruppe Schüler gehört etwa der 13-jährige Philippe Roth: Konzentriert blickt er auf seinen Bildschirm, das Kinn auf der Hand abgestützt, und versucht, die vorgegebene Rechnung zu lösen. Irgendwann wählt Philippe eine der Antwortmöglichkeiten aus – ein rotes Kreuz zeigt an, dass sie falsch ist. «Mathe liegt mir nicht besonders», gibt Philippe zu und studiert die Erklärung, die angezeigt wird.

«Für Schüler wie Philippe sind die Laptops Gold wert», meint Michael Kohli; sie können in ihrem eigenen Tempo arbeiten, sich die Erklärungen in Ruhe anschauen und müssen keine Angst haben, Fehler zu machen. Und falls eines der Kinder dennoch ins Stocken gerät, ist ihr Lehrer schnell zur Stelle.

Dann erklärt Kohli ihnen die Rechnung entweder auf einem Blatt Papier – oder aber er nimmt die Kreide in die Hand und schreitet zur Tafel. «Die Laptops sind zwar sehr praktisch», so Kohlis Fazit, «aber die Wandtafel gehört trotzdem dazu.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.09.2018, 22:08 Uhr

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