Bern

Berns erstes «modernes» Gefängnis

BernDie Stadt Bern ging bereits vor 400 Jahren neue Wege im Strafvollzug. Im Schallenhaus am Bollwerk wurden Insassen nicht gefoltert, sondern sie sollten unter anderem durch Arbeit geläutert werden.

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Angekettet am Holzkarren zieht ein halbes Dutzend Frauen durch die Strasse und kehren Unrat in die Benne. Die Frauen tragen eiserne Halsringe mit auffallenden Haken, die über die Köpfe ragen. Wer die Szene in der Berner Innenstadt beobachtet, weiss sofort: Es sind Strafgefangene des Schallenhauses.

Solche Umzüge gibt es längst nicht mehr. Strassensäuberungen durch Häftlinge werden 1827 abgeschafft, weil diese Arbeit im öffentlichen Raum für die Angeketteten ehrverletzend ist. Das Schallenhaus selbst, am Bollwerk gelegen, muss ein paar Jahrzehnte später dem neuen Bahnhof der Schweizerischen Centralbahn weichen.

Haftstrafe statt Galgen

Das Schallenhaus ist nicht irgendein Zuchthaus. Es wird 1615 eröffnet. In einer Zeit, als Hexen verbrannt, Mörder gerädert und gevierteilt werden, in einer Zeit, in der die Folter gang und gäbe ist, wird in Bern ein Gefängnis eröffnet, das mit den Straffälligen andere Ziele verfolgt: Sie sollen durch Arbeit und religiöse Unterweisung geläutert werden. Resozialisierung im 17. Jahrhundert.

Wer im 16.Jahrhundert im Herrschaftsgebiet Berns eine Straftat beging, wurde meist entweder hingerichtet, verbannt oder mit einer Geldstrafe belegt. Eine Haftstrafe für Vergehen gibts in Bern erst mit der Eröffnung des Schallenhauses 1615. Vorbilder sind ähnliche Institutionen, die kurz zuvor in England, Amsterdam und Strassburg eingerichtet wurden. Zwar werden in jener Zeit weiterhin Köpfe abgeschlagen und gehenkt. Aber eben nicht nur.

Die Berner gehen von der Möglichkeit aus, dass es auch Straftäter gibt, die nach ihrer Entlassung der Gesellschaft wertvolle Dienste leisten könnten. Ein anderer Auslöser für die Gründung des Schallenhauses ist die zunehmende Kritik in der Bevölkerung gegenüber den herkömmlichen (Todes-)Strafen.

Abschreckung und Besserung

Zwar ist das Schallenhaus in den ersten Jahrzehnten nach seiner Eröffnung nicht unumstritten. Mindestens zweimal wird es geschlossen und wieder eröffnet. Das Problem sind die zwei sich widersprechenden Strafsysteme. Einerseits das tief verankerte Verständnis der Abschreckung, andererseits der neue Ansatz zur Besserung. Das Schallenhaus ist für 161 Insassen konzipiert.

Die Zuchtmeister sind angehalten, Kontrollbücher zu führen, in denen die Personalien, die Verbrechen, die Haftdauer und die Entweichungen dokumentiert sind. Das älteste noch erhaltene Buch stammt aus dem Jahr 1775: 36 Eintritte, davon 21 Männer und 15 Frauen, 5 Wiederholungstäter und – es gibt auch zu lebenslänglich Verurteilte – 7 in der Haft Verstorbene. Die Mehrheit der Inhaftierten hat Diebstähle begangen. Die meisten sitzen für ein bis fünf Jahre ein, bei guter Führung wird ihnen pro Jahr ein Monat erlassen.

1817 werden mit 119 Delinquenten so viele Neueintritte wie nie zuvor verzeichnet. Grund sind die Auswirkungen der Hungerkrise und die damit verbundene massive Teuerung. Für viele ist Diebstahl der einzige Weg zum Überleben. Das Schallenhaus ist in diesem Jahr mit total 235 Gefangenen massiv überbelegt.

Wein und Fleisch am Festtag

Ein wichtiger Aspekt im Schallenhaus ist die Arbeit. Auf dem Programm stehen Strassensäuberungen. Für körperlich schwache oder für fluchtgefährdete Personen wird eine hausinterne Spinnstube eingerichtet. Andere arbeiten im Garten oder helfen beim Bau des Muristaldens mit.

Ende des 18. Jahrhunderts gilt folgende Arbeitsdauer: von 8 bis 11 und von 13 bis 16 Uhr. Genau vorgeschrieben ist auch die Verpflegung: Die Grundration besteht aus Wasser, Brot, Suppe, Mus. Widerspenstigen wird die Suppe gestrichen. Ein- bis zweimal pro Woche gibts Gemüse, an jedem zweiten Sonntag sowie an hohen Feiertagen zusätzlich zum Mittagessen Fleisch und Wein.

Kritik an Haftbedingungen

Diese Annehmlichkeiten stossen nicht überall auf Entzücken. Das Wort «Kuscheljustiz» ist zwar noch nicht geboren, trotzdem mokiert sich die Bevölkerung über die kurzen Arbeitszeiten der Kriminellen. Viele in der Freiheit schuften schliesslich täglich etliche Stunden mehr, ohne dass sie es auf einen grünen Zweig bringen.

Andere fürchten um den Ruf Berns, weil ihnen die Haftbedingungen zu komfortabel erscheinen. Aus dem Schallenhaus zu türmen, ist ein Leichtes, auch wenn einige sich nur in einer Schenke vergnügen. Und den Behörden bereiten die in der Haft entstandenen Schwangerschaften Kopfzerbrechen.

Mitte des 19. Jahrhunderts wird das Schallenhaus geschlossen. Die Diskussion, wie viel Freiheit und Freiraum einem Verurteilten in einer Haftanstalt gewährt werden soll, geht auch 150 Jahre später weiter. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.04.2015, 09:29 Uhr

Masterarbeit

Die Berner Historikerin Mirjam Schwendimann hat ihre Masterarbeit am Historischen Institut der Universität Bern dem Schallenhaus am Bollwerk gewidmet. Die Berner Zeitschrift für Geschichte hat nun diese Arbeit in gekürzter Form publiziert; «Gefangen im Schallenhaus», Heft 01/15. sru

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