Berns Kampf um die digitale Freiheit

Bern

Die Informatikstrategie der Stadt Bern wird immer mehr zum Politikum. Der Stadtrat möchte sich mit der Förderung von Open-Source-Software aus der Abhängigkeit grosser Lieferanten lösen und Kosten sparen.

Er ist einer der beharrlichsten Kritiker der städtischen Informatik-Strategie: EVP-Stadtrat Matthias Stürmer an seinem Arbeitsplatz im Berner Institut für Wirtschaftsinformatik.

Er ist einer der beharrlichsten Kritiker der städtischen Informatik-Strategie: EVP-Stadtrat Matthias Stürmer an seinem Arbeitsplatz im Berner Institut für Wirtschaftsinformatik.

(Bild: Andreas Blatter)

Christian Zeier@ch_zeier

Textdokumente verfasst man mit Word, Mails verschickt man mit Outlook und Bilder lassen sich mit Photoshop bearbeiten. So wird es an Stadtberner Schulen gelernt. So war es schon immer: Ein grosser Softwareanbieter liefert ein Programm, die Schüler lernen den Umgang damit, und die Stadt bezahlt dem Anbieter eine Lizenzgebühr. Es ist ein Geschäft voller Abhängigkeiten. Eines, gegen das sich Widerstand regt in der Stadt Bern.

Anfang November hat der Stadtrat eine Motion für erheblich erklärt, die den vermehrten Einsatz von Open-Source-Software (OSS) in der Schulinformatik fordert. Anders als bei proprietären Programmen, die meist von grossen Anbietern wie Microsoft oder Apple angeboten werden, liegt bei OSS der Quelltext offen, weshalb sie von Dritten weiterentwickelt und verändert werden kann (siehe Box «Das Prinzip Open-Source»). Abhängigkeiten von einzelnen Produkten und Anbietern lassen sich so verringern. Zudem entfallen Lizenzgebühren.

Diese Argumente der Befürworter waren es, welche die Berner Parlamentarier Anfang November überzeugten: Sie nahmen die parteiübergreifende Motion (SP, GB/JA!, FDP, SVP, EVP) deutlich an, obwohl der Gemeinderat sie in einem Punkt zur Ablehnung empfahl.

Druck aus dem Parlament

«Es tut sich was in Bern», sagt EVP-Stadtrat Matthias Stürmer. «Auch wenn das Thema schwer fassbar ist, finden wir immer wieder Mehrheiten für unsere Anliegen.» Stürmer, Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Universität Bern, ist seit Oktober 2011 eine der prägenden Figuren im hiesigen Kampf gegen Microsoft und Konsorten.

Damals, in seiner ersten Stadtratssitzung überhaupt, versenkte er mit Mitstreitern von links bis rechts einen Investitionskredit zur Erneuerung von Microsoft-Serverlizenzen. Ein paar Monate später verabschiedete der Gemeinderat den abgespeckten Kredit in Eigenregie, der Druck der Legislative aber blieb bestehen.

So hiess der Stadtrat Ende 2012 eine Motion gut, welche die Regierung aufforderte, ein Konzept zur Förderung von Open-Source-Software zu erarbeiten. «Der Einsatz von OSS wird gefördert», heisst es seither in der Informatikstrategie der Stadt Bern. Bei gleichwertiger Software soll die OSS-Lösung beschafft werden.

Die Stadt reagiert

«Bereits heute wendet die Stadt OSS in mehreren Bereichen erfolgreich an», sagt Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP), der die Direktion für Finanzen, Personal und Informatik führt. So laufe etwa das OSS-Betriebssystem Linux auf zahlreichen Servern, der Internetauftritt und das Intranet der Stadt basierten auf einem OSS-Produkt und verschiedene Anwendungen und Betriebswerkzeuge würden auf Open-Source-Basis genutzt. Auch in der Schule kämen entsprechende Lernprogramme zum Einsatz.

Für Matthias Stürmer sind das Erfolge – wenn auch nur kleine. «Nur weil es auf Schulcomputern neben Word auch ein Libre Office gibt, heisst das noch lange nicht, dass das Programm auch benutzt wird», sagt er. Was es brauche, sei ein grundsätzliches Umdenken in Politik und Verwaltung. Erst langsam werde den Leuten bewusst, dass die Abhängigkeit von den grossen, meist amerikanischen Lieferanten ein Problem darstellen könnte.

Risiken und Chancen

Konkrete Massnahmen erhofft sich der EVP-Stadtrat im Bildungsbereich, wo der Gemeinderat aufgrund der Motion von Anfang November aktiv werden muss. Die Regierung soll grundsätzlich prüfen lassen, wo Open-Source-Software im Schulbetrieb eingesetzt werden kann. Und sie soll – so der zur Ablehnung empfohlene Punkt 2 – Pilotschulen ausrüsten, um Einsatzformen von OSS zu testen.

Setzt der Gemeinderat die Vorgaben konsequent um, könnte sich die Stadt Bern in eine ähnliche Richtung entwickeln wie der Kanton Genf. Dieser hat als erster Kanton der Schweiz in allen Schulen Open-Source-Software und Betriebssysteme eingeführt.

Einerseits will man so verhindern, dass die Schulkinder auf ein einziges Produkt getrimmt werden, andererseits erhofft sich der Kanton substanzielle Einsparungen: Allein der Wechsel von den bisherigen Office-Programmen auf das kostenlose Libre Office soll das Kantonsbudget innert fünf Jahren um 2 Millionen Franken entlasten.

Scheitern in Solothurn

Ob die Einsparungen in Genf die Investitionen übersteigen, muss sich erst weisen. Der Kanton Solothurn etwa ist mit seiner 2001 begonnenen Umstellung der Verwaltungssoftware grandios gescheitert; das Beispiel der Stadt München hingegen zeigt, wie komplex Umsetzung und Bewertung eines Wechsels sein können (siehe Box «Das Beispiel München»).

Klar ist: Während das Festhalten an proprietärer Software den konservativen und risikoärmeren Weg darstellt, birgt die Umstellung auf OSS grössere Chancen und Risiken. «Einen Wechsel zu forcieren, braucht Mumm», sagt Matthias Stürmer. Es sei noch nie jemand dafür gefeuert worden, dass er sich für Windows eingesetzt hat. «Wer aber Open Source fordert, gerät schnell unter Beschuss.»

Grosser Wechsel steht an

Trotzdem glaubt der EVP-Politiker daran, dass sich in der Stadt Bern in naher Zukunft einiges verändern wird – in den Schulen, aber auch in der Stadtverwaltung. Für 2015/2016 nämlich ist die nächste Erneuerung der Informatik-Büroarbeitsplatz-Umgebung geplant, für welche die Stadt über 6 Millionen Franken beiseitegelegt hat. «Das ist der beste Moment für eine grosse Veränderung», sagt Matthias Stürmer.

Er fordere nicht, dass das gesamte System auf OSS umgestellt werde. «Aber man muss alternativer Software eine echte Chance geben.» Heute würden Neuanschaffungen oft gar nicht ausgeschrieben – komme es doch zu einer Ausschreibung, würden sich die Kriterien meist an bestehenden Produkten statt an den benötigten Funktionen orientieren. «Das ist, als ob die Stadt ein gutes Auto anschaffen möchte und von vornherein sagt, dass es ein bestimmtes VW-Modell sein muss», so Stürmer. Der Anbieter könne den Preis bestimmen, der Markt versage.

Weichen werden gestellt

Bei Ausschreibungen seien auch heute schon OSS-Produkte zugelassen, kontert der zuständige Gemeinderat Alexandre Schmidt. Diese würden aber äusserst selten angeboten. Im Hinblick auf den Wechsel in der Stadtinformatik habe der Gemeinderat eine Studie in Auftrag gegeben, die zeigen soll, in welchem Umfang OSS an den städtischen Büroarbeitsplätzen zum Einsatz kommen könnte.

Anfang Dezember stellte Schmidt den aktuellen Stand der Kommission für Finanzen, Sicherheit und Umwelt vor, der auch Stürmer angehört. «Die Stadt betrachtet die Entwicklung rund um OSS intensiv», so der Gemeinderat. In der immer wichtiger werdenden Informatik müsse man versuchen, Abhängigkeiten zu verringern.

Berner Zeitung

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