Bernerin verpasst knapp den Thron

Bern

Neun Frauen mit Behinderung kämpften am Samstag in Luzern um den Miss-Handicap-Titel. Die Bernerin Tülün Erdem hat das Krönchen knapp verpasst – sie wurde aber strahlende Zweite.

Tülün Erdem strahlt (rechts): Die Bümplizerin schaffte es auf den zweiten Platz. Die Miss Handicap 2011 heisst Stefanie Dettling aus Gossau.

Tülün Erdem strahlt (rechts): Die Bümplizerin schaffte es auf den zweiten Platz. Die Miss Handicap 2011 heisst Stefanie Dettling aus Gossau.

(Bild: misshandicap.ch)

Elegant begeben sich am Samstagabend die neun Misskandidatinnen auf die Bühne. Zu Fuss auf beiden Beinen, an Krücken oder im Rollstuhl. Der Konzertsaal des KKL in Luzern ist gut gefüllt. Die jungen Frauen kämpfen an der dritten Miss-Handicap-Wahl um die Krone und wollen somit für ein Jahr Botschafterin für Menschen mit einer Behinderung werden. Empfangen werden sie vom «Sport aktuell»-Moderator Lukas Studer, der durch den Abend führt und den Kandidatinnen auf den Zahn fühlt.

Nach einer gemeinsamen Choreografie präsentieren sich die Damen in der ersten Runde – das darf an keiner Misswahl fehlen – im Abendkleid. Dabei werden sie von gut aussehenden Männern im Anzug begleitet, an deren Arm es sich bei Bedarf auch gut einhaken lässt. Die Schönheit allein macht aber noch keine Miss Handicap: Kriterien der Jury sind etwa die Medienwirksamkeit, das sichere Auftreten und die Ausstrahlung der Kandidatinnen. Die Miss Handicap soll keine Schönheitskönigin sein, sondern die Anliegen und die Stärken von Menschen mit einer Behinderung repräsentieren.

Mit Energie und Lebensfreude

Die neun Kandidatinnen – die zehnte war aus privaten Gründen verhindert – bewegen sich auf der Bühne selbstbewusst und eben jede auf ihre Art. Krücken und Rollstühle nehmen der Show keineswegs den Glamour. Einen bemerkenswerten Auftritt leisten an diesem Abend auch die Dolmetscherinnen der Gebärdensprache: Mit viel Körpereinsatz übersetzen sie den ganzen Anlass synchron – selbst die vierstimmige «Hochzeit des Figaro» des Sängerquartetts Phenomen und die Songs der Berner Rapperin Steff la Cheffe.

Wie auf der Bühne wird an diesem Abend auch im Publikum mit Handicaps ganz selbstverständlich umgegangen: In den Gängen parken viele Rollstühle, und in vielen Sitzreihen wird in Gebärdensprache kommuniziert – und gewinkt. Denn in der Gebärdensprache wird nicht mit Klatschen applaudiert, sondern stattdessen mit beiden Händen gewinkt.

In einer zweiten Runde stehen die Missanwärterinnen dem Moderator in kurzen Interviews Rede und Antwort, erzählen von sich und ihren Ansichten zum Thema Behinderung. Leider bleiben die Unterhaltungen aber an der Oberfläche und geben kaum Einblicke in das Alltagsleben der handicapierten Frauen. Doch in einem Punkt sind sich alle einig: Eine Behinderung bedeutet nicht automatisch ein behindertes Leben. So sind die Frauen vielfältig aktiv, ob in der Familie, im Beruf oder Hobby. Und eben diese Energie und Lebensfreude soll die Miss Handicap anderen Menschen mit oder ohne Behinderung vermitteln.

Zürcherin mit Krönchen

Die gehörlose Bernerin Tülün Erdem vermag die Jury und das Publikum mit ihrem strahlenden Lachen zu überzeugen und schafft den Einzug in den Final. Die zweite Berner Vertretung, die ebenfalls gehörlose Chantal Lüthi aus Münchenbuchsee, muss den Hut bereits nach der ersten Bewertung nehmen.

Der Beifall ist gross, als Stefanie Dettling aus Gossau als Siegerin auserkoren wird. Die 18-Jährige erlitt als Baby eine Quecksilbervergiftung, die sich mit einer Impfung nicht vertrug. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl und kann ihre Arme nur beschränkt bewegen. Als Miss Handicap will sie sich einsetzten «für mehr Integration in der Schule und bei der Arbeit». Die Bernerin Tülün Erdem landet auf dem zweiten Platz und strahlt wie eh und je. «Ich habe auch so gewonnen», sagt oder besser gestikuliert die allein erziehende Mutter, «so wie wir alle hier».

Nächstes Jahr mit Männern

Wie bei der jüngst gekrönten Miss Schweiz kullern auch bei der neuen Miss Handicap die Tränen – gewisse Dinge sind eben bei allen Misswahlen gleich. Den Tränen nahe ist auch die aus der Region Bern stammende Organisatorin Michelle Zimmermann. «Es ist unglaublich, dass wir unsere Wahl hier in diesem wunderschönen Saal feiern dürfen.»

Mitfeiern darf im nächsten Jahr auch die Männerwelt: Zur Miss soll sich 2012 nämlich auch ein Mister Handicap gesellen.

Berner Zeitung

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