Berner Burger im Gegenwind

Bern

Die Historikerin Katrin Rieder erschüttert mit einem 700-Seiten-Wälzer das schöne Bild von der freigebigen Burgergemeinde Bern. Sie verschweige die Wurzeln ihrer Finanzmacht – und überdies auch Nazifreunde in ihren Reihen.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Vorbei die Zeiten, als der Burgergemeinde Bern der dubiose Ruf nachhing, eine verschwiegene Geheimgesellschaft zu sein. Nicht zuletzt die Burger selber haben mit einer Charmeoffensive dazu beigetragen, dass Bern die Burgergemeinde gern hinnimmt. Sie tut ja Gutes. Sie hat den Bärenpark mit einem Startbeitrag angeschoben, sie hilft, den Botanischen Garten zu retten. Was wäre Bern ohne Burgergemeinde.

Korrigiertes Burgerimage

Das schöne Bild der Wohltäterin wird nun arg angekratzt. Von der Berner Historikerin Katrin Rieder, 39, die gestern an der Vernissage im Berner Progr – an der auch Burgerratspräsident Franz von Graffenried zugegen war – ihr brisantes Buch «Netzwerke des Konservatismus» vorstellte.

Der alarmrote Wälzer – es ist Rieders Dissertation – beschreibt den Frieden zwischen der Stadt- und Burgergemeinde Bern als Stillhalteabkommen, das Image der Wohltäterin demontiert er als Beschönigung. Die Burgergemeinde wird als «Bollwerk» analysiert, in dem bis heute ein reaktionäres Machtbewusstsein von Patriziern überlebe – und ein auf Kosten der Öffentlichkeit erworbener Reichtum verwaltet werde. Das Werk gipfelt in der Enthüllung, dass Burger, die später hohe Burgerämter innehatten, in den 1930er-Jahren führende Rollen bei den nazifreundlichen Schweizer Frontisten spielten (siehe unten). Starker Tobak.

Rieders Buch ist die erste umfassende Untersuchung über Berns Burgergemeinde im 19. und 20. Jahrhundert. «Weil die Burger die Wurzeln ihrer Macht und ihres Reichtums ausblenden und ihre Geschichte nicht selber untersuchen, tue ich das jetzt halt als Aussenstehende. Ich wollte verstehen, wie das funktionieren kann», sagt Katrin Rieder im Gespräch.

Sie verstösst mit ihrem Buch gegen den eher nostalgischen, burgerfreundlichen Konsens in der Berner Geschichtsschreibung. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass die Burger Rieders Buch die finanzielle Unterstützung versagten – und dass Rieder keinen Job in den burgerlich geprägten historischen Berner Institutionen innehat. Sie arbeitet bei der Kulturstiftung Pro Helvetia in Zürich.

Insel aus versunkener Zeit

Glühende Alt-Patrizier könnten Rieders Buch als antiburgerliches Pamphlet abtun. Es leistet mehr. Zweifellos: Rieder stellt die Existenzfrage: Braucht es die Burgergemeinde überhaupt? Die Autorin antwortet zwar zwischen den Zeilen mit Nein, sie durchleuchtet aber den Gegenstand ihrer Kritik gleichzeitig seriös und minuziös. Sie erklärt den Bernern, was die Institution Burgergemeinde, eine der grössten Schweizer Waldbesitzerinnen und Berner Baulandbesitzerinnen, überhaupt ist. Sie fragt, wie sie ihr Image be- und ihre Gewinne erwirtschaftet.

Nach dem Untergang Alt-Berns 1798 existieren im Kanton Bern nebeneinander die neu formierten Einwohnergemeinden und die Heimat- oder Burgergemeinden, in denen alte Besitzstände bewahrt werden. In der Burgergemeinde der Stadt Bern sammelten sich die gestürzten patrizischen Machthaber des alten Stadtstaates und machten sie in Rieders Analyse zu einem Refugium, in dem sie sich ihre verbleibende Macht, ihr Standesbewusstsein und ihren Besitz zu erhalten versuchten. Wie auf einer Insel aus alten Zeiten. Und das mitten in Bern, seit 1848 Hauptstadt eines fortschrittlich demokratischen Staates.

Ungerechter Landdeal?

Im Güterausscheidungsvertrag zwischen Einwohner- und Burgergemeinde Bern erhält die Stadt 1854 die Gebäude, die Kosten verursachen. Die Burgergemeinde aber behält unüberbautes Land, das 40 Jahre später, beim Wachstum der Stadt, zu lukrativem Bauland wird, das bis heute Baurechtszinsen abwirft.

Der historische Deal, der schon damals von liberalen Politikern als ungerecht kritisiert wurde, ist der Grundstein des heutigen Burgerreichtums. In der Volksabstimmung kam er auch deshalb durch, weil damals nur Männer ab einem bestimmten Einkommen stimmberechtigt waren. Und weil auch in der Einwohnergemeinde Bern Burger wichtige Posten besetzten. Das ist für Rieder ein bis heute wirksames Muster: Die Burger üben mit ihrer Finanzkraft in der Stadt indirekt Macht aus.

Rieders Fazit: «Die Burger sicherten ihre alte Macht und ihr Überleben mit moderner ökonomischer Gewinnpolitik.» Diese burgerliche Wendigkeit belegt Rieder auch später: In der Debatte um das Berner Villettequartier in den 1980er-Jahren etwa habe die Burgergemeinde, der in der Altstadt jeder Stein heilig sei, ihr Ideal verraten, indem sie denkmalgeschützte Villen dem Abriss preisgab, um auf dem Boden eine Rendite zu erwirtschaften.

Grosszügigkeit als Taktik

Anders als heute war die Existenz der Burgergemeinde im 19.Jahrhundert umstritten. In der Abstimmung über die Kantonsverfassung von 1885 entging die Burgergemeinde nur knapp ihrem Ende. In der Folge strukturierte sie sich neu, öffnete sich für Neumitglieder und verpflichtete sich auf eine soziale, gemeinnützige Linie. «Bestandessicherung durch Grosszügigkeit», kommentiert Rieder das Image, mit dem die Burger bis heute die Wogen glätten.

Diese Grosszügigkeit ist doch gut für die Stadt. «Sie ist aber auch ein kalkuliertes Konzept zur Verschleierung eines Machtanspruchs», findet Rieder. Überschätzt sie diese Macht? «Die Burgergemeinde bleibt in Bern ein Machtfaktor, das zeigt ihre ungebrochene Anziehungskraft. Sie verspricht sozialen Status. Neben Bundesbern ist das Burgerbern das andere Berner Netzwerk für den sozialen Aufstieg.»

Katrin Rieder: Netzwerke des Konservatismus – Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20.Jahrhundert, Chronos-Verlag, 736 Seiten, Fr. 78.–.

Berner Zeitung

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